Wir schaffen das - nur was? Drei Jahre nach Merkels Appell

"Wir schaffen das." Drei kurze Wörter. Gesprochen von Angela Merkel im August 2015, als täglich tausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Drei Wörter, die damals wohl als Ermunterung für die vielen Helfer gedacht waren, die großen Herausforderungen zu schultern. Quasi über Nacht wurden Zelte aufgestellt, Turnhallen mit Klappbetten ausgerüstet, Busse gechartert - Vereine, ehrenamtliche Helfer und kommunale Behörden im Krisenmodus.

Anja Reschke moderiert Panorama 3 - Das Erste.

Panorama - die ganze Sendung
Schaffen wir das? Königswinter und die Bürokratie; Syrische Familie in Hamburg: was läuft, woran hakt es?; "Absaufen?" - Zu Besuch bei Pegida; Fremd in der Heimat.

Haben wir es geschafft?

Heute, drei Jahre nach diesen drei Wörtern, stellt sich die Frage: Haben wir es geschafft? Die Antwort dürfte je nach Wahrnehmung anders ausfallen. Für die einen, ist es noch viel zu früh, ein Fazit zu ziehen, weil Integration Jahrzehnte dauert. Andere wiederum sehen das Flüchtlingsmanagement gescheitert, weil zu viele bürokratische Hürden die Integration und Unterbringung der Flüchtlinge erschweren. Und wieder andere sehen sich in ihren Befürchtungen von 2015 bestätigt, dass ein ungeordneter Zuzug Hunderttausender Menschen Probleme mitbringt. Dem gegenüber stehen durchaus vorweisbare Erfolge bei der Integration: Flüchtlinge, die inzwischen Jobs und eigene Wohnungen haben.

In den drei Jahren ist viel passiert. Beklatschten zahlreiche Deutsche noch im Sommer 2015 ankommende Flüchtlinge, etwa am Münchener Hauptbahnhof, zeigte sich nur ein paar Wochen später im sächsischen Heidenau eine andere Seite: Flüchtlingsheime brannten an vielen Orten in Deutschland. Geschockt reagierte die Öffentlichkeit auf die Ereignisse auf der Kölner Domplatte zum Jahreswechsel 2016. Freiburg, Kandel und Wiesbaden stehen für brutale Verbrechen, für die sich Flüchtlinge vor Gericht verantworten müssen. Abschiebung bleibt ein emotional aufgeladenes Thema: Für die einen ist es nichts anderes als die Durchsetzung des Gesetzes, für andere ein unmenschliches Verhalten von Behörden.

Der Versuch einer Bilanz

Panorama versucht, drei Jahre nach "Wir schaffen das" eine Bilanz zu ziehen. Es ist ein Versuch, weil es natürlich zu früh für ein endgültiges Ergebnis ist und weil wir nur ein Schlaglicht auf einzelne Punkte der Mammut-Herausforderung werfen können: Welche bürokratischen Hindernisse wurden abgeschafft? Oder sogar hinzugefügt? Reden wir zu viel über kriminelle und vergewaltigende Flüchtlinge und zu wenig über gelungene Beispiele von Integration? Hat nicht längst die Bundesregierung eine heimliche Asylwende eingeleitet und setzt nun auf markige Worte und härtere Regeln für Flüchtlinge? Hat sich der öffentliche Diskurs in Deutschland verschoben? Ist heute sagbar, was 2015 noch unsagbar war? Und wenn das so ist, was folgt daraus? Aber auch: Können wir stolz auf das Geleistete der drei vergangenen Jahre sein?

Ino Werth © NDR Foto: Screenshot

"Erst waren wir die Guten, heute die Feinde der Gesellschaft"
Ingo Werth rettet seit drei Jahren Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken. Erst wurden Seenotretter wie er gelobt, mittlerweile angefeindet. Für ihn kein Grund aufzuhören.

Hinter den drei Wörtern "Wir schaffen das" hatte Frau Merkel damals ein Ausrufezeichen gesetzt. Gedacht als ein Appell, eine Aufmunterung und wohl zugleich auch ein Ansporn für die Bevölkerung. Heute sind Merkels drei Wörter immer noch aktuell, nur kann sich das Land nicht einigen, was unter dem Appell zu verstehen ist. Und was also ein Erfolg wäre.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 30.08.2018 | 22:00 Uhr