Stand: 14.05.20 15:18 Uhr

Geboren im Krieg: Filmtagebuch aus Aleppo

von Pia Lenz

Horror und Hoffnung liegen manchmal nah beieinander: Mitten im Krieg bekommt Waad al-Kateab 2016 ihr erstes Kind. Über fünf Jahre filmt sie ihr Leben im belagerten Aleppo. Sie macht daraus ein filmisches Tagebuch für ihre Tochter Sama, das unerträgliche Szenen aus dem Innersten des Krieges zeigt.

Geboren im Krieg: Filmtagebuch aus Aleppo
Waad al-Kateab bekommt ihr erstes Kind mitten im Syrien-Krieg. Über fünf Jahre filmt sie ihr Leben im belagerten Aleppo. Sie macht daraus ein filmisches Tagebuch für ihre Tochter Sama.

Schreckensbilder aus Syrien sind in den vergangenen Jahren zu einer grausamen Normalität geworden. Neun Jahre dauert der Krieg mittlerweile. Die Vereinten Nationen gehen von knapp sieben Millionen Syrern aus, die seit Ausbruch der Unruhen ihr Land verlassen mussten. Zwischen Dezember und März wurden nach UN-Angaben fast eine Million Menschen aus Nordwestsyrien vertrieben, mehr als 80 Prozent davon Frauen und Kinder.

Bei jedem Kind an das eigene gedacht

Waad al-Kateab mit ihrer Tochter Sama © NDR/ARD Foto: Screenshot

Glücksmoment inmitten des Bürgerkrieges: Waad al-Kateab mit ihrer Tochter Sama.

Waad al-Kateab ist mit der Kamera dabei. Drei Brüder spielen draußen, als sie von einem Bombenangriff überrascht werden. Einer der Jungen stirbt. "Bei jedem Kind, das ich gefilmt habe, habe ich darüber nachgedacht: 'Was wäre, wenn Sama dieses Kind wäre?'", erzählt die Aktivistin und Filmemacherin heute. "Ich habe die Verantwortung gespürt, dass ich nicht aufhören darf zu filmen. Egal was passiert."

Leid und Elend, so groß, dass es jede Vorstellungskraft übersteigt. Die Aufnahmen der Filmemacherin und Aktivistin Waad al-Kateab sind keine Nachrichtenbilder. Es sind die Aufnahmen einer Mutter, die den Bomben selbst ausgesetzt ist und ihre kleine Tochter beschützen muss. Sie dokumentieren die Brutalität, mit der das Assad-Regime und das russische Militär gezielt die Zivilbevölkerung attackieren. Das Regime hat Menschen zu Tode gefoltert und Giftgas gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt. Und gezielt Schulen und Krankenhäuser angegriffen.

Zerstörte Häuser in Aleppo © NDR/ARD Foto: Screenshot

Das Elend des Krieges: Zerstörte Häuser in Aleppo.

Wovor die Menschen flüchten

"Heute ist die Situation sogar noch schlimmer als damals bei uns. Dreieinhalb Millionen Zivilisten sind in dieser Gegend gefangen. Das Assad-Regime und Russland versuchen nach wie vor, diese Menschen zu töten und das Gebiet einzunehmen. Und wirklich niemand interessiert sich für das syrische Volk oder die Zivilisten", sagt al-Kateab im Interview.

Die Menschen suchen Schutz in Europa. Waad al-Kateabs radikal subjektive Schilderung rückt ins Bewusstsein, wovor die Menschen flüchten, die etwa in Booten über das Mittelmeer nach Europa kommen oder an griechischen Grenzzäunen im März 2020 mit Wasserwerfern und Schüssen gestoppt werden. Wer viel Glück hat, schafft es bis in eines der überfüllten Flüchtlingslager.

Familie lebt in London

Waad al-Kateabs Dokumentarfilm "Für Sama" war für den Oscar nominiert und wurde auf der ganzen Welt gezeigt. In Deutschland wurden die Kinoaufführungen wegen Corona vorerst gestoppt. Die Familie lebt heute in London. "Uns geht es gut, aber ich kann nicht aufhören, an die anderen Kinder zu denken. Die drei Brüder, die im Film zu sehen sind. Wie wird ihre Zukunft aussehen? Welche Unterstützung bräuchten sie? Vielleicht sind sie gerade in einem schlimmen Flüchtlingslager, während wir so viel Glück hatten, zu überleben und es da rauszuschaffen."

Infos zum Film

"Für Sama"

"Für Sama" wird nach der von den Corona-Maßnahmen abhängigen Öffnung der Kinos wieder bundesweit laufen. Als DVD und Video on Demand wird der Film offiziel im September erscheinen.

Als Ende 2016 die Truppen des Assad-Regimes in Aleppo eindringen, wird die Situation auch für Waad al-Kateabs Familie immer bedrohlicher. Ihnen bleibt keine Wahl: In der Heimatstadt sterben - oder ins Ausland flüchten. "Wir wissen, es ist unsere einzige Chance zu überleben. Und dich zu schützen, Sama, und all die Kinder. Aber es bedeutet auch, dass all unsere Opfer umsonst waren", sagt al-Kateab. Auf der Flucht Richtung Türkei fragt sie ihre Tochter: "Sama, wirst du dich an Aleppo erinnern? Wirst du mir vorwerfen, hiergeblieben zu sein? Oder dass ich jetzt gehe?" Abschied sei schwerer als der Tod.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 14.05.2020 | 21:45 Uhr