Keine Entschädigung aus Deutschland für die Opfer in Bangladesch

von Anne Ruprecht, Gabor Halasz & Christoph Lütgert

Jasemin Akther hatte für KiK diese Bluse mit dem auffallenden Tierprint und der knallig roten Blüte aus der Verona-Pooth-Kollektion genäht. Jetzt ist Frau Akther ein Wrack, kann sich kaum noch bewegen und wartet bisher vergeblich auf Hilfe aus Deutschland.

Die Näherin saß in der achtstöckigen Textil-Fabrik Rana Plaza, die wegen schwerer Baumängel am24. April 2013 in sich zusammenstürzte. Sie überlebte, über 1.100 Menschen fanden den Tod, mehr als 2.000 wurden verletzt - wie Jasemin Akther.

Keine Entschädigung für die Opfer in Bangladesch
Über 1.100 Menschen starben beim Einsturz der Textil-Fabrik Rana Plaza im April 2013. Deutsche Firmen wie Adler, NDK und KiK ließen dort nähen, doch Entschädigung zahlt bisher keiner.

Neun Monate nach der Katastrophe kommen noch immer Menschen zum Zaun vor der Ruine. Sie umringen den Gewerkschaftsführer Amirul Haque Amin. Der aber kann ihnen auch nicht helfen: "Wir geben unser Bestes, damit Entschädigungen fließen. Ich will diesen Firmen im Westen sagen: Ihr habt schon viel zu viel Zeit verstreichen lassen. Die Menschen hier haben für Euch gearbeitet. Ihr habt eine Verantwortung."

30 Millionen Euro für eine minimale finanzielle Entschädigung

Ein Team von Panorama reist kreuz und quer durch Deutschland zu drei Textil-Firmen, für die in Rana Plaza produziert worden war. Keine stellt sich einem Interview.

Frauke Banse

Frauke Banse von der Kampagne für saubere Kleidung (CCC) empfindet die Ausreden der Textilfirmen beschämend.

Schon im vorigen September versuchten der internationale Gewerkschaftsverband "IndustiALL" und die Kampagne für saubere Kleidung jene Firmen an den Verhandlungstisch zu bekommen, die in Rana Plaza produzieren ließen. Rund 30 Millionen Euro, so hat man errechnet, würden für eine minimale finanzielle Entschädigung der vielen tausend Opfer benötigt. Von den 29 Unternehmen schickten nur neun einen Abgesandten nach Genf, von den deutschen erschien nur KiK. Dazu Frauke Banse von der Kampagne für saubere Kleidung (CCC): "Sie ducken sich weg und finden lauter Ausreden der verschiedensten Art, und das ist ein sehr beschämender Zustand".

Trotz der Bemühungen von Gewerkschaften und CCC (Clean Clothes Campaign) hat bislang kein deutsches Unternehmen auch nur einen Euro für den geplanten Entschädigungsfonds überwiesen. Stattdessen hat jede Firma ihre eigenen Ausreden: NKD, vor allem in Süddeutschland präsent, machte schriftlich gegenüber Panorama geltend, die neue Geschäftsführung müsse sich noch einen Überblick verschaffen. Man unterstütze die Bemühungen um Entschädigungszahlungen. "Allerdings vertreten wir die Ansicht, dass zuerst diejenigen, die diese unermessliche Tragödie verursacht haben, ihren Beitrag ... leisten."  Nach einem von NKD in Auftrag gegebenen Untersuchungsbericht sitzen die Verantwortlichen in Bangladesch. 

Adler will von dem Auftrag nichts gewusst haben

Die Firma Adler -  mit hunderten Modemärkten überall in Deutschland - hat ganz eigene Erklärungen dafür, dass das Unternehmen keine Entschädigung zahlen will: Man habe seinerzeit gar nicht gewusst, dass ein Auftrag 15.000 Blusen an Rana Plaza gegangen sei. Das habe der Agent gleichsam "hinter dem Rücken" von Adler entschieden. Außerdem sei die Fabrik in Bangladesch vom TÜV geprüft worden. Eine Verteidigung, die Frauke Banse nicht gelten lässt: Tatsächlich sei die Firma, die für Adler produzierte, vom TÜV geprüft worden. "Dieser ohnehin fragwürdige Bericht des TÜVs hat aber nur soziale und ethische Kriterien zum Inhalt. Da ist nicht von Gebäudesicherheit die Rede. Wenn ein Gebäude zusammengebrochen ist zu sagen, es gibt doch einen Prüfbericht, der soziale und ethische Kriterien prüft, aber nicht die Gebäudesicherheit, das macht keinen Sinn."

20.000 Euro Spende aus "humanitärem Verantwortungsgefühl"

Adler bleibt hart und gibt sich milde zugleich: Man sieht sich "nicht unmittelbar in der Verantwortung". Allerdings habe man trotz allem eine einmalige Spende von 20.000 Euro "aus humanitärem Verantwortungsgefühl" nach Bangladesch überwiesen - 20.000 Euro bei über 1.100 Toten und mehr als 2.000 Verletzten.

Und KiK beteuert immer wieder, dass "uns das Schicksal der Arbeiterinnen und Arbeiter selbstverständlich nicht gleichgültig ist".

So habe man unter anderem Beiträge zur Trinkwasser- und Medikamentenversorgung vor Ort geleistet und unterstütze lokale Projekte für Hilfe zur Selbsthilfe. Allerdings gab Kik in keiner seiner Erklärungen an, wie hoch die Beträge konkret sind, mit denen das Unternehmen den Opfern in Bangladesch hilft. Weiter macht Kik geltend, den "Entstehungsprozess" der Entschädigungsvereinbarung "detailliert nachzuvollziehen".

Aber auch hier auf mehrfache Anfragen von Panorama keine Angaben, ob das Unternehmen jemals in den Entschädigungsfonds einzahlen wird und wenn ja, wie viel.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 23.01.2014 | 22:15 Uhr