Stand: 19.12.13 20:00 Uhr

"Man darf die Rollen nicht vermischen"

von Pia Lenz

Antje Monshausen ist Tourismusreferentin für TourismWatch, ein Informationsdienst von "Brot für die Welt". Im Interview mit Pia Lenz spricht sie über die Problematik von Kurzzeit-Trips als Entwicklungshelfer und gibt Tipps, worauf man achten sollte, wenn man einen Auslandsaufenthalt als Freiwilliger plant.

Antje Monshausen, TourismWatch © NDR/ARD

Antje Monshausen findet das Voluntourismus-Angebot vieler kommerzieller Anbieter problematisch.

Was ist eigentlich Voluntourismus?

Antje Monshausen: Also Voluntourismus ist ein relativ neuer Begriff und umfasst eine ganze Bandbreite: Von Exkursionen über ein- bis dreiwöchige Aufenthalte im Anschluss an eine Reise bis hin zu von Reiseveranstaltern organisierten Hilfsangeboten vor Ort.

Ist es nicht toll, wenn sich Menschen so engagieren?

Monshausen: Ja, das Interesse was dahinter steckt, Menschen auch beim Reisen auf Augenhöhe begegnen zu wollen, in Austausch zu treten, über den touristischen Tellerrand zu gucken - das ist natürlich begrüßenswert. Die Frage ist dann: Was hilft tatsächlich und wo sind die Interessen der Bevölkerung vor Ort?

Wonach suchen diejenigen, die solche Volunteer-Reisen buchen?

Monshausen: Sie suchen sicherlich nach einer authentischen Begegnung. Sie schauen in ihrem Urlaub sehr genau hin, wie sieht eigentlich die Lebenssituation der Bevölkerung aus? Und dann wollen sie in diesem Moment tatsächlich auch helfen. Eine weitere Intention ist natürlich auch, als junger Mensch im Lebenslauf einen Auslandsaufenthalt vorweisen zu können.

Gut fürs Gewissen, gut für die Vita

Wie sieht es mit dem Nutzen aus?

Monshausen: Da muss man sich sehr genau anschauen, was tatsächlich angeboten wird. Wenn ich Reisender bin, stelle ich aber auch Ansprüche. Dann möchte ich ein Produkt erleben, das ich gekauft habe. Wenn ich helfen und einen Arbeitsaufenthalt im Ausland machen will, dann muss ich sehr genau hinschauen: Wo liegen meine Qualifikationen, was bringe ich mit, wie viel Zeit gebe ich mir für die Vorbereitung? Ist der lokalen Organisation vor Ort klar, welche Rolle ich habe? Wenn ich Freiwilliger bin, dann arbeite ich im Dienste einer lokalen Organisation - und das darf man sicherlich nicht vermischen, diese beiden Rollen.

Es reicht also nicht, dass Jugendliche einfach voller guter Absichten aufbrechen?

Monshausen: Nein, das ist toll und ich würde mir wünschen, dass sie gute Gegenüber finden, die ihnen tatsächlich auch die Möglichkeit geben, mit lokalen Organisationen zusammen zu arbeiten, gemeinsam etwas zu entwickeln, einen Plan für die Arbeit zu haben. Aber wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass soziale Arbeit und Entwicklungsarbeit auf Vertrauen und auf Zeit basieren und auf einer kontinuierlichen Vorplanung und Begleitung der Aktivitäten. Und das steht bei kommerziell angebotenen Produkten eben im Hintergrund.

Die jungen Leute werden ja mit der Aussicht gelockt, vor Ort Veränderungen bewirken zu können, eine ganz besondere Erfahrung machen zu können. Entwicklungspolitisches Engagement ist aber ein dauerhaftes Engagement und kann in so einem kurzen Zeitraum nicht zielführend sein.

Was ist für Sie das Problematischste an diesen Volunteer-Reisen?

Monshausen: Dort entsteht ein Bild von hilfsbedürftigen Menschen, die dankbar sein müssen für das, was ein Reisender ihnen gibt. Da werden Menschen degradiert zu Hilfsempfängern, auch entwürdigt. Das finde ich am problematischsten dabei. Also dass dieser Kontakt auf Augenhöhe nicht stattfindet, das könnte man in solchen Angeboten viel stärker forcieren, indem gemeinsam etwas entwickelt wird. Aber wenn Reisende quasi als Entwicklungshelfer dargestellt werden dann kommt das sicherlich der Realität nicht nahe.

Was muss gegeben sein, damit Freiwilligen-Arbeit sinnvoll eingesetzt werden kann?

Monshausen: Also, es braucht eine gute Vorbereitung der Freiwilligen, es braucht eine gute Auswahl der Freiwilligen und es braucht eine gute Begleitung nicht nur der Freiwilligen, sondern auch der Organisation vor Ort. Und am Ende sollte auch noch eine Nachbereitung stehen, also dass die Freiwilligen tatsächlich auch mit den Organisationen in Kontakt bleiben. Für diese kurzfristigen Aufenthalte ist das einfach nicht erfüllbar. Man kann in vier Wochen keine entwicklungspolitisch nachhaltige Arbeit leisten.

Und was ich sehr, sehr positiv finde, sind Aktivitäten, wo lokale Jugendgruppen miteinander etwas organisieren - also wo ein Fußballverein aus Ghana mit einem Fußballverein aus Deutschland ein gemeinsames Fußballtournier veranstaltet – das sind sinnvolle Aktivitäten, die auch ermöglichen über den touristischen Tellerrand zu blicken.

Wäre es besser, wenn die Leute einfach reisen würden?

Monshausen: Ja, reisen und vor Ort auf faire Bedingungen zu achten, Veranstalter wählen, die auf Nachhaltigkeit achten, die sich zertifizieren lassen. Ich kann als Reisender Armut reduzieren, indem ich faire Veranstalter wähle, die gute Löhne zahlen, indem ich möglichst viele Exkursionen in unterschiedlichen Restaurants esse, um eben möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, vom Tourismus leben zu können.

Was ist Ihr wichtigster Rat?

Vor der Reise beim Reiseveranstalter nachfragen, wie sieht denn der Preis für dieses Produkt aus, was bleibt beim Veranstalter, was bleibt bei der lokalen Organisation, was bekommt die Gastfamilie, in der ich vielleicht unterkomme, was bekommt das Hotel? Man sollte eine transparente Kalkulation einfordern. Es gibt Veranstalter, die das auch anbieten.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 19.12.2013 | 21:45 Uhr

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