Minister unter Druck - Neue Enthüllungen zum Bundeswehrskandal

von Bericht: Ilka Brecht und Volker Steinhoff

Anmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Das ist er, der Mann, der einen unfaßbaren Skandal in der deutschen Bundeswehr auslöste. An der Führungsakademie in Hamburg will man nicht gewußt haben, wen man sich da ins Haus holte. Und das, obwohl er seit über zwanzig Jahren immer wieder mal im Verfassungsschutzbericht erwähnt wurde und auch die Medien vielfach über ihn berichtet haben. Da hat man keinen verschrobenen Nazirentner zum Vortrag gebeten und ihn wie einen Ehrengast behandelt. Und wer da Unterstützung für ein angeblich "humanitäres Werk" bekam, war nicht eine gute, vielleicht etwas rechtslastige Seele. Er ist ein Nazi, ein bestrafter Schwerverbrecher, der sich selbst als Hitler-Dönitz-Erben sieht, der für den Tod von mindestens zwei Menschen mitverantwortlich ist und der die Bundeswehr jahrelang zur Durchsetzung seiner politischen Ziele benutzte.

Neonazi Manfred Roeder (r.)  mit seinem Rechtsanwalt Ralph Schürmann © dpa - Fotoreport Fotograf: Bernd Wüstneck

Minister unter Druck - Neue Enthüllungen zum Bundeswehrskandal
Das ist er, der Mann, der einen unfaßbaren Skandal in der deutschen Bundeswehr auslöste. An der Führungsakademie in Hamburg will man nicht gewußt haben, wen man sich da ins Haus holte. Und das, obwohl er seit über zwanzig Jahren immer wieder mal im Verfassungsschutzbericht erwähnt wurde und auch die Medien vielfach über ihn berichtet haben.

Ilka Brecht und Volker Steinhoff haben sich mit der Gegenwart und Vergangenheit dieses feinen Herrn befaßt und ihn besucht.

KOMMENTAR:

Manfred Roeder, Gastredner der Bundeswehr, zur Zeit ohne Auftrag. Was der harmlos wirkende Mann zu sagen hat, findet man leicht heraus, man muß nur fragen. Stichwort: Bundesregierung.

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MANFRED ROEDER:

(Bundeswehr-Gastredner)

"Diese Regierung ist entschlossen, Deutschland umzubringen und abzuschaffen. Die wollen nicht den Dreck unterm Fingernagel für Deutschland tun. Im Grunde haben die alle den Tod verdient, als Vaterlandsvertreter, alle, wie sie da sind. Darf ich nicht öffentlich sagen und nicht, wenn die Kamera läuft. Aber das wünsche ich ihnen, jeder soll sich das Genick brechen."

KOMMENTAR:

Das Genick brechen - dieses Motto beherzigt Roeder schon seit Jahrzehnten. Saalschlacht vor zwanzig Jahren in Uelzen. Roeders Truppe sprengt eine mißliebige Theateraufführung. Dann erobert er die Bühne.

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MANFRED ROEDER:

(1977)

"Das sind die Leute, die nach der Polizei geschrien haben und damit wiederum bewiesen haben, daß ihre Demokratie nur aus Unterdrückung, Polizei und Ehrlosigkeit besteht."

KOMMENTAR:

Roeders Ideologie immer die gleiche. Damals schrieb er das Vorwort für eine Hetzschrift mit dem Titel "Die Auschwitzlüge". Und heute:

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MANFRED ROEDER:

"Es gab ein Judenproblem, es gibt ein Judenproblem in jedem Land, wo viele Juden wohnen, gibt's immer. Und Antisemitismus hat es so lange gegeben, wie es Juden gibt. Und wenn es keinen gibt, dann schüren sie ihn selber, damit sie wieder was zu reden haben und zu machen haben."

KOMMENTAR:

1980 macht Roeder mit dem Genickbrechen endgültig Ernst. Seine Gruppe überzieht die Bundesrepublik mit Terroranschägen - etwa auf dieses Asylbewerberheim bei Stuttgart oder dieses Heim in Hamburg. Zwei Vietnamesen werden durch einen Bombenanschlag ermordet. 1982 dann Prozeß in Stammheim. Rädelsführer Roeder muß 13 Jahre ins Gefängnis. Der Führer der braunen Mörderbande taucht seitdem in unzähligen Verfassungsschutzberichten auf.

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HARTMUT FERSE:

(Verfassungsschutz Hessen)

"Also es handelt sich bei Herrn Roeder um den bekanntesten Rechtsterroristen der Bundesrepublik. Es bedarf nicht einmal bestimmter Nachfragen bei den diversen Ämtern, sondern es bedarf nur des Griffs in den Bücherschrank, wenn man denn schon nicht selber Bescheid weiß."

KOMMENTAR:

Wer nicht in den Bücherschrank guckt und nichts weiß, könnte den Mann für harmlos halten. Dann sollte ihn mal nach Hitler fragen.

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MANFRED ROEDER:

"Die größte Leistung von Hitler war, daß er eine Volksgemeinschaft geschaffen hat. Das war das größte Wunder. Er hat aus einem völlig demoralisierten, verkommenen, korrupten Volk mit sechs Millionen Arbeitslosen innerhalb von zwei der drei Jahren das arbeitsamste, produktivste, stolzeste, disziplinierteste Volk der Welt gemacht."

KOMMENTAR:

Deshalb will er den von Hitler verlorenen Osten zurück haben, vor allem das ehemalige Königsberg in Ostpreußen. Roeders Ziel: eine kleine braune Scholle. Seit der Wende organisiert er dort die Ansiedlung von Deutschstämmigen aus dem fernen Osten. Er verspricht, ihnen den Hausbau zu finanzieren. Genau hierfür brauchte er auch das Bundeswehrmaterial, hiervon handelte sein Vortrag in der Führungsakademie. Daß er jetzt nicht mehr vor Soldaten dafür werben darf, macht ihn wütend.

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MANFRED ROEDER:

"Die Soldaten sollen wütend werden und sich endlich wehren gegen ihre Vorgesetzten, die sie entdeutschen und zu demokratischen Lumpen machen wollen, die kein Ehrgefühl mehr im Leib haben, das Schlimmste, was einem Soldaten passieren kann. Früher hätte ein Soldat, wenn man ihn an seiner Ehre kränkte, entweder den Angreifer oder sich selber erschossen. Heute wird Ehrlosigkeit geradezu zum Prinzip erhoben."

Zwischenmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Ohne Scheu gibt Roeder seine miesen rechten Hetzparolen von sich, ob mit oder ohne Kamera. Hat denn keiner der stern- und eichenlaubgeschmückten Führungsakademiker je ernsthaft mit diesem Mann geredet? Ihn einzuladen, war es Dummheit, Naivität, vielleicht auch Neugier auf den Nazi? Glaube das, wer will. Und Volker Rühe? Was glaubt er, und vor allem: Wer glaubt ihm? In Bonn wohl immer weniger, ein Untersuchungsausschuß ist bereits beschlossen. Meine Kollegen haben nun ein neues Dokument bekommen, aus dem eines ganz deutlich wird: Der Nazi Roeder hat schon viel früher um Unterstützung bei der Bundeswehr nachgesucht und sie auch bekommen - mit seiner vollen Namensnennung und obwohl er im selben Jahr mit seinem angeblich so wohltätigen Verein im Verfassungsschutzbericht erwähnt wurde. Zumindest gibt es auf der Hardthöhe seit heute noch mehr Unruhe.

Eine Chronologie der Ereignisse von Christoph Mestmacher und Christian Kossin.

KOMMENTAR:

Ein Haus im hessischen Schwarzenborn. Von hier aus organisiert Manfred Roeder die Regermanisierung des Ostens, in den letzten Jahren mit freundlicher Unterstützung der Bundeswehr. Das Kampfziel:

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MANFRED ROEDER:

"Ich will alle Ostgebiete wiederhaben, urdeutsches Siedlungsgebiet."

KOMMENTAR:

Das Verteidigungsministerium in Bonn. Immer wieder die Beteuerung: Roeder habe nie unter eigenem Namen Bundeswehrmaterial bestellt.

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VOLKER RÜHE:

(Verteidigungsminister, Tagesthemen vom 8.12.97)

"Eine Organisation, die heißt "Deutsch-russisches Gemeinschaftswerk", hat sich an die Hardthöhe gewandt wegen solchen Materials, ohne daß der Name Roeder erwähnt wurde."

KOMMENTAR:

Seit heute weiß der Minister, daß seine Behauptung falsch ist, denn PANORAMA liegt dieses Dokument vor mit der Unterschrift von Manfred Roeder. Schon 1993 schickte er den Bittbrief an das Materialamt des Heeres, eine Abteilung der Bundeswehr. Sein Wunsch: Für seine Germanisierungsprojekte in Königsberg/Ostpreußen bittet der Rechtsterrorist um ausgemustertes Heeresgut.

Der Beginn einer langen, erst vor kurzem abrupt endenden Beziehung. Sie begann nach den neuen Unterlagen wesentlich früher, als bisher von Rühes Ministerium zugegeben, nämlich 1993. Zu einem Zeitpunkt, als nicht nur Roeder, sondern auch sein sogenanntes Gemeinschaftswerk längst im Visier des Verfassungsschutzes standen. Doch ein schlafmütziges Ministerium bleibt in Bonn selten allein. Auch Klaus Kinkels Auswärtiges Amt liest offenbar keine Verfassungsschutzberichte.

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VOLKER RÜHE:

(8.12.97)

"Dann hat das Auswärtige Amt, dem wir solche Anträge zuschicken, Bundesinteresse daran bekundet."

KOMMENTAR:

Und so schickte im Juni 94 das Verteidigungsministerium einen positiven Bescheid an Roeders sogenanntes Gemeinschaftswerk. Die freudige Mitteilung: Hilfe zugesagt. Ein VW Iltis, ein Kleinlaster und ein VW-Kübelwagen, das Ganze natürlich unentgeltlich.

Anfang 1995 dann Bescherung für den Rechtsterroristen: Aus einem Bundeswehrdepot holt sich Roeder das Material für seine braune Scholle im Osten. Doch er hat keine Männer, um das Armeegerät gleich an die ostpreußische Front zu bringen, dafür aber einen Freund in Hamburg, der ihm Parkplätze auf dem Gelände der Führungsakademie besorgt.

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MANFRED ROEDER:

"Also mein Freund kannte da eine ganze Reihe Leute unter den Offizieren und Mannschaften und hat die gefragt: Wäre es möglich, wir wissen nicht wohin im Augenblick und können noch nicht fahren. So einfach war das."

KOMMENTAR:

Roeder behauptet, daß er seine Wagen monatelang hier auf dem Gelände der Hamburger Führungsakademie parken durfte. Für den heutigen Kommandeur hingegen ist es unvorstellbar, daß man mit den Wagen überhaupt etwas zu tun hatte.

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RUDOLF LANGE:

(Kommandeur Führungsakademie, 8.12.97)

"Wir haben nur eine überschaubare Anzahl von meist Pkw oder Bussen hier, und ich kann mir gar nicht vorstellen, daß wir da in irgendeiner Weise mit zu tun haben sollten."

KOMMENTAR:

Seit heute weiß er es besser. Der Rechtsterrorist Roeder bekommt 1995 sogar eine handschriftliche Parkerlaubnis der Führungsakademie, die PANORAMA vorliegt. Nach Roeders Darstellung kommt auf dem Parkplatz der Führungsakademie noch ein weiteres Geschäft zustande.

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MANFRED ROEDER:

"Ich wollte grade ins Auto einsteigen und abfahren. Da fragte mich der Offizier, der das alles organisiert und arrangiert hatte mit dem Parken: Was machen Sie jetzt eigentlich mit den Fahrzeugen, wo gehen die hin. Da habe ich ihm das kurz erzählt. Da sagte er: Ach, das ist aber interessant, haben Sie noch einen Augenblick Zeit, kommen Sie mit in mein Büro. Das ist ja spannend, das ist ja wahnsinnig interessant, ich glaube, das würde also unsere Offiziere auch mal interessieren. Würden Sie das vielleicht noch mal vor einem größeren Kreis erzählen, was Sie da in Ostpreußen machen? Sag' ich: Furchtbar gern, natürlich, ich halte viele Vorträge darüber und versuche, überall zu werben um Unterstützung und Mitarbeit. Und da ist so viel Hilfe nötig, man kann gar nicht genug kriegen."

KOMMENTAR:

Die Idee kommt an in der Akademie. Kurz darauf sogar ein offizielles Vorgespräch.

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RUDOLF LANGE:

(Kommandeur Führungsakademie, 8.12.97)

"Es hat ein Vorgespräch gegeben zwischen dem zuständigen Leiter des Akademiestabes und Herrn Roeder, und er hat offensichtlich dabei einen positiven Eindruck gewonnen, so geht es aus unserer Aktenlage hervor."

KOMMENTAR:

Die Einladung ergeht per Befehl, kein Offizier soll den Vortrag verpassen. Thema: Die Übersiedlung der Rußland-Deutschen in den Raum Königsberg", Vortragender: Herr Roeder. Die knapp dreißig Teilnehmer finden den Vortrag total normal, geradezu beeindruckend.

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HANS-JÜRGEN VOLZ:

(Führungsakademie)

"Ich fand das gut, weil, ich muß das so sagen, ich das völlig ohne Arg und politischen Hintergrund betrachtet habe."

ILKE KRUKOW:

(Stabsärztin, Führungsakademie)

"Also ich fühlte mich informiert, ich fand es in Ordnung, ich hatte auch kein ungutes Gefühl dabei."

ZUHÖRER:

"Ich fand das grundsätzlich imponierend."

KOMMENTAR:

Vier Monate nach dem offenbar beeindruckenden Vortrag sieht einer der Teilnehmer diesen Film im Fernsehen, und er erkennt ein bekanntes Gesicht: Manfred Roeder. Thema des Films: Die ausbleibenden Spenden des rechtsradikalen Wohltäters. Auch zwei der drei Bundeswehrfahrzeuge sind hier nie angekommen. Ohne Spenden geht der Hausbau nicht voran.

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MANN: (Übersetzung)

"Ich habe ein gutes Haus mit Garten und Garage im Stich gelassen. Roeder sagte: Kommt alle hierher, in zwei Monaten steht euer neues Haus. Und jetzt sitzen wir hier schon zwei Jahre im Container, und keiner weiß, was wird."

FRAU: (Übersetzung)

"Sehen Sie, diese Baugrube ist unser Haus. Das sollte 93 fertig sein. Wir sind mit der ganzen Familie hierher gekommen, weil wir Roeder geglaubt haben."

KOMMENTAR:

Jetzt, vier Monate nach dem Vortrag, wird einem Mitglied der Führungsakademie durch diesen Bericht also klar, daß Roeder nicht nur rechtsradikal ist, sondern möglicherweise auch noch in die eigene Tasche wirtschaftet. Er erstattet Meldung bei seinen Vorgesetzten.

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RUDOLF LANGE:

(7.12.97)

"Es ist reagiert worden in diesem Kreis derjenigen, die dort waren, es ist besprochen worden, daß so etwas in Zukunft nicht mehr stattfinden soll und daß man genauer prüft."

KOMMENTAR:

Genauer prüft? Diese Version läßt sich seit heute nicht mehr halten. Denn zu diesem Zeitpunkt, im Mai 1995, steht Roeders kleiner Infanterieverband immer noch friedlich auf dem Parkplatz der Führungsakademie. Solche ungewöhnlichen Fahrzeuge kann hier zwischen den Mittelklassewagen keiner übersehen. Im Klartext: Obwohl man also weiß, daß Roeder Material von der Bundeswehr bekommt, unternimmt man nichts. Kein Wunder, daß Minister Rühe die Fakten bis heute nur in Bruchstücken präsentiert und vieles nicht weiß. Die volle Wahrheit auf einen Schlag - so viele Verantwortliche hätte man gar nicht suspendieren können. Rühe hingegen sucht das Licht am Horizont.

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VOLKER RÜHE:

(8.12.97)

"Ich glaube, die Bundeswehr hat die Signale verstanden, und deswegen haben wir auch allen Grund, Vertrauen zur Bundeswehr zu haben."

Abmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Wie gesagt: Viel Unruhe auf der Hardthöhe. Unsere Recherchen hat man uns dort heute bereits bestätigt. Das Verteidigungsministerium verlangt nun von uns die Offenlegung aller Fakten und Dokumente. Und da müssen wir uns schon ein bißchen wundern. PANORAMA ist eine kleine Redaktion. Erst seit drei Tagen beschäftigen wir uns mit diesem Fall. In Volker Rühes Ministerium arbeiten rund 3.000 Menschen, und dort hat man Zugriff auf die Erkenntnisse des militärischen Abschirmdienstes. Eine für die Hardthöhe eher peinliche Umkehrung der Verhältnisse. Und das macht uns wiederum etwas unruhig, zumal alles, was bisher in dieser Sache bekannt wurde, durch die Presse an die Öffentlichkeit gekommen ist.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 11.12.1997 | 21:00 Uhr