Wärmedämmung: Besserer Brandschutz bei Neubauten

von Güven Purtul
Gruppenfoto der 126. Bauministerkonferenz in Chemnitz. © http://www.sg-foto.com Fotograf: Sven Gleisberg

Konnte sich nur auf Verbesserungen bei Neubauten einigen: Die Bauministerkonferenz in Chemnitz.

Obwohl offizielle Tests die Brandgefahr des meistverbauten Dämmstoffs Polystyrol zeigen, soll zusätzlicher Brandschutz nur bei Neubauten verpflichtend werden. Das ist das Ergebnis der 126. Bauministerkonferenz in Chemnitz. Millionen bereits gedämmter Gebäude bleiben außen vor.

Der NDR hatte bereits 2011 über die Brandgefahr von Dämmplatten aus Polystyrol berichtet. Nun reagieren die Bauminister: Verschärfte Brandschutzanforderungen sollen bei Neubauten verhindern, dass gedämmte Fassaden in Flammen aufgehen. Eine verpflichtende Nachrüstung von Bestandsbauten ist jedoch nicht vorgesehen.

Expertenkommission bestätigt Brandgefahr

Eine von den Bauministern eingesetzte Expertenkommission bestätigt, dass die Wärmedämmung im Ernstfall so schnell entflammt, dass der Feuerwehr nicht genügend Zeit bleibt, um das Feuer zu löschen. Das war das Ergebnis eines offiziellen Brandversuchs, welcher ein Feuer simulierte, das von außen auf die Fassade einwirkt, etwa durch den Brand eines Müllcontainers oder eines Motorrades.

Eine verkohlte Decke hängt nach einem Großbrand in Delmenhorst in einem Fenster. © dpa Fotograf: Carmen Jaspersen

Delmenhorst: Die Reste der Styropor-Platten an der gedämmten Fassade sind noch gut erkennbar.

Verantwortlich dafür ist offenbar, "dass durch die Hitze geschmolzenes und ablaufendes Polystyrol sich an der Brandquelle im Sockelbereich entzünden kann, die Brandlast also während des Brandverlaufs zunächst noch zunimmt". Bei anderen Dämmmaterialien sei das "nicht zu erwarten", heißt es im Abschlussbericht der Expertengruppe.

Das Ergebnis ist brisant, denn bundesweit kleben brennbare Dämmplatten auf einer Fläche, die der Hamburgs entspricht. Der NDR hatte die Brandgefahr durch Polystyrol bereits 2011 mit einem Großversuch dokumentiert. Anlass waren mehrere Fassadenbrände, wie etwa im Juni 2011 in Delmenhorst.

NDR machte eigenen Brandtest

Der NDR hatte daraufhin vergeblich versucht, eine Drehgenehmigung bei einem Zulassungstest zu erhalten, die von den Herstellern der Systeme beauftragt und bezahlt werden. Schließlich hatte die NDR Dokureihe 45 Min einen eigenen Brandversuch bei der Materialprüfanstalt in Braunschweig in Auftrag gegeben. Nach acht Minuten geriet dieser außer Kontrolle. Giftige Rauchgase breiteten sich in der Halle aus. Die Feuerwehr musste löschen.

Das Deutsche Institut für Bautechnik sprach dem Experiment die Aussagekraft ab: Es habe nicht dem für Zulassungsprüfungen geforderten Aufbau entsprochen. Wärmedämmverbundsysteme aus Polystyrol seien hinreichend sicher.

Großbrand in Frankfurt am Main

Doch im Mai 2012 brannte es mitten in Frankfurt am Main besonders heftig. Innerhalb von fünf Minuten stand eine über 20 Meter hohe, frisch gedämmte Gebäudefassade im Vollbrand. Alle Fenster platzten, eine Rauchwolke zog über die Stadt. Nach dem Großbrand forderte der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries in Panorama, "dass dieser Dämmstoff sofort überprüft werden muss". Ries initiierte eine Erfassung von Fassadenbränden unter Beteiligung von Polystyrol. Die unvollständige Liste umfasst bis heute etwa 60 Brände.

So kam das Thema auf die Tagesordnung der Bauministerkonferenz, die feststellte, dass Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) mit Polystyroldämmstoffen "ordnungsgemäß zertifiziert und bei der zulassungsentsprechenden Ausführung sicher sind". Dennoch setzten die Bauminister eine Arbeitsgruppe für weitere Brandversuche ein. Dieser gehören auch Experten der Feuerwehren an.

"Rasantes Abbrandverhalten"

Die Ergebnisse der Expertengruppe entsprechen nicht den bisherigen Zulassungsversuchen. Im Abschlussbericht ist die Rede von einem "rasanten Abbrandverhalten" der polystyrolgedämmten Fassade "verbunden mit massiver Flammen- und Rauchentwicklung". 15 Minuten nach Entzünden der Brandquelle in Gestalt einer Holzkrippe habe sich das Feuer im Test zu einem Vollbrand entwickelt.

Die Brandexperten haben zusätzliche Brandschutzmassnahmen getestet: In weiteren Versuchen bewährten sich zwei zusätzliche Brandriegel aus nicht brennbarem Material in einer Höhe von 0,6 und 3 Metern. Diese sollen jedoch nur bei Neubauten und Sanierungen verbindlich eingeführt werden. Und zwar nur bei jenen, bei denen "schwerentflammbare" Dämmstoffe gefordert werden. Also bei Gebäuden, die höher als sieben Meter sind. Einfamilienhäuser können weiterhin mit brennbarem Material gedämmt werden, ohne dass Brandriegel eingebaut werden müssen.

Neue Regeln gelten nur für Neubauten

Außerdem gilt Bestandsschutz: Millionen Bewohner bereits gedämmter Häuser werden also weiter mit dem Risiko leben müssen, dass sich ein brennender Müllcontainer über die Fassade zu einer Brandkatastrophe entwickelt. "Bei Bestandsbauten muss man auch die Verhältnismäßigkeit sehen", sagt Christoph Scheuermann, Leiter der Projektgruppe Brandversuche der Bauministerkonferenz. Es gebe auch konservative Maßnahmen: "Man kann zum Beispiel Mülltonnen von der Fassade wegstellen." Für betroffene Eigentümer werde ein Merkblatt mit Abstandsempfehlungen vorbereitet.

Der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries zeigt sich davon enttäuscht: "Wir halten es für falsch, bei Bestandsbauten nichts zu tun." Handlungsbedarf gebe es vor allem bei Gebäuden, die nicht auf der grünen Wiese stehen, sondern in engen Innenstadtbereichen. Dort sollten zumindest die Erdgeschossbereiche nachgebessert werden. Dies sei mit verhältnismäßig kleinem Aufwand machbar.

Stand: 14.11.14 16:00 Uhr