16.10.14 | 21:45 Uhr

Hausdämmung unbezahlbar: Politik hat kein Einsehen

von Robert Bongen, Johannes Edelhoff & Fabienne Hurst

Es ist eine schöne neue Welt, die sich die Bundesregierung seit Jahren ausmalt: Bis 2050 sollen 80 Prozent des Gebäudebestands "klimaneutral", das Land also quasi ökologisch durchsaniert sein. Dafür sollen die Deutschen fleißig Strom sparen, ihre Häuser dämmen, auf erneuerbare Energien umstellen, energetisch sanieren.

Eine riesige Wollmütze ist auf einer fünf Meter hohen Litfaßsäule zu sehen © dpa picture alliance Fotograf: Frank Rumpenhorst

Hausdämmung unbezahlbar: Politik hat kein Einsehen
Die Bundesregierung malt sich eine schöne neue Welt zurecht: Bis 2050 sollen 80 Prozent des Gebäudebestands "klimaneutral" sein. Doch für viele Eigentümer ist die Sanierung unbezahlbar.

Wie ein Mantra verkünden die Politiker die Botschaft: Das lohnt sich, für jeden! Und wenn die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) vom Klimagipfel aus New York zurückkommt und stolz verkündet, dass man ihr dort für die Vorreiterrolle Deutschlands beim Klimaschutz kräftig auf die Schultern geklopft habe, könnte man tatsächlich meinen: Die Deutschen sind schon jetzt Energiesparweltmeister.

Weniger als ein Prozent der Gebäude wird jährlich saniert

Doch offenbar haben die hehren Ziele der Regierung zu einem gegenteiligen Effekt geführt: Die Deutschen sind sanierungsmüde! Nur weniger als ein Prozent der 40 Millionen Gebäude wird jährlich saniert. Die Quote müsste bei 2,5 Prozent liegen, damit Deutschland sein Energieeinsparziel erreicht. So steht es auch im "Monitoring-Bericht Energiewende" der Bundesregierung.

Die gerade mal wieder novellierte Energieeinsparverordnung und das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz bringen nicht die gewünschten Effekte. Zu hohe Anforderungen, zu komplizierte Regelungen, Zweifel an der Wirtschaftlichkeit - das sind die drei Gründe, die dazu führen, dass Hausbesitzer auf energetische Sanierungen verzichten. Dazu kommen Kritik an den Umwelteigenschaften von Dämmstoffen und vereinzelte Fassadenbrände. "Die Bauherren sind verunsichert, manche regelrecht abgeschreckt", sagt Axel Tausendpfund von "Haus & Grund" Baden. Das merke man auch daran, dass sich immer weniger Menschen für Informationsveranstaltungen zum energetischen Sanieren interessieren. Ohne eine ausführliche Energieberatung auch vor Ort sei das Geflecht an Maßnahmen, Verordnungen und Fördermöglichkeiten allerdings kaum zu durchschauen.

Für viele lohnt sich die Sanierung nicht

Professor Bert Bielefeld, Bauökonom an der Universität Siegen. © NDR/ARD

"Es lohnt sich einfach nicht", so Professor Bielefeld.

Wer eine Sanierung einmal durchrechnet, kommt schnell zum Schluss: Das lohnt sich für mich nicht. "Die Ziele der Regierung sind zu ambitioniert", sagt Professor Bert Bielefeld, Bauökonom an der Universität Siegen: "Das Problem ist, sobald der Hausbesitzer sein Haus sanieren möchte, muss er es direkt in einem Umfang machen, den er finanziell gar nicht abbilden kann. Es lohnt sich einfach nicht, wenn er sein Geld für die nächsten 40 bis 50 Jahre nicht wieder einspielen kann."

Der viel gepriesene Amortisierungseffekt - offenbar weitgehend eine Illusion. Das haben mittlerweile auch mehrere Studien gezeigt. Zuletzt kam das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zu dem Ergebnis, dass sich eine energetische Sanierung nur in Ausnahmefällen rechne. Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik und die TU Darmstadt stellten im letzten Jahr im Rahmen einer Studie fest: "Insgesamt verteuert die energetische Gebäudesanierung das Wohnen teils erheblich."

Explodierende Mietpreise in Großstädten

Das gilt wohl vor allem für Mieter. Denn saniert der Vermieter das Haus energetisch, kann er elf Prozent der Investitionssumme pro Jahr auf die Miete umlegen. Die Folge sind explodierende Mietpreise - insbesondere in den Ballungszentren, wo es der Markt zulässt und Wohnraum knapp ist. In strukturschwächeren Gebieten hingegen scheuen Immobilienbesitzer die energetische Sanierung. "Es ist ein flächendeckendes Problem in Deutschland, dass sich außerhalb von den Gebieten, wo höhere Mieten verlangen können, energetische Sanierungen nicht rechnen", hat der Bauökonom Bielefeld beobachtet. Wie die Bundesregierung hier Anreize schaffen will, ist offen. Experten und mittlerweile auch Teile der CDU fordern, einen Teil der Steuermehreinnahmen für die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudemodernisierung einzusetzen - als Ergänzung zum KfW-Gebäudesanierungsprogramm.

Das Wirtschaftsministerium betont, eine Pflicht gebe es nur bei Änderung und Ausbau von Gebäuden. Die generelle Wirtschaftlichkeit der Anforderungen an die Änderung, die Erweiterung und den Ausbau von Gebäuden sei durch unabhängige Gutachten bestätigt worden. Fest steht: Es reicht nicht, Hausbesitzern ein ständiges schlechtes Gewissen einzureden, wenn sie nicht sanieren. Sonst bleibt die schöne neue Klimaschutzwelt vorerst eine Utopie.

Stand: 16.10.14 18:00 Uhr