Stand: 28.11.19 07:00 Uhr

Strom immer teurer: wie gerecht ist die Energiewende?

von Lea Busch

Wenn es in Berlin-Lichtenberg dämmert, greift Ilona Franke zum Feuerzeug, zündet Kerze für Kerze in ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses an. Auf den Lichtschalter drückt sie kaum. Die Frührentnerin spart, auch beim Strom. Der Strompreis wurde ihr gerade wieder erhöht, im letzten Jahr auch noch die Miete. "Man hört nur teurer, teurer, teurer", seufzt sie.

Ilona Franke mit Kerzen, im Dunkeln sitzend © NDR Foto: Screenshot

Strom immer teurer: Wie gerecht ist die Energiewende?
Die Förderung erneuerbarer Energien wird über den Strompreis auf die Verbraucher umgelegt. Menschen mit geringem Einkommen trifft das besonders.

"Irgendwo muss doch mal eine Grenze sein"

Ilona Franke bekommt 1.000 Euro Rente im Monat. Das war bisher gerade genug zum Leben. Eine Preiserhöhung kann sie nur durch sparen abfedern. Nachbarn hätten sie schon gefragt, ob sie abends nie zu Hause ist, es sei ja immer so dunkel bei ihr, erzählt sie. Waschen? Mache sie nur einmal die Woche. So hat sie es geschafft, ein Drittel weniger Strom als ein vergleichbarer Haushalt zu verbrauchen, zahlt 36 Euro für Strom im Monat. Noch weniger geht nicht, meint sie, auch weil ihr das Geld für energiesparendere Geräte fehlt. Eine neue Waschmaschine etwa - momentan nicht drin. Früher hat sie eine Zeit lang Grundsicherung bekommen, doch Hilfe vom Amt, das will sie nie wieder. Und so versucht sie sich irgendwie zu arrangieren, die Seniorenhilfe Lichtblick unterstützt sie dabei. Der Druck, immer sparen zu müssen, macht sie nachdenklich, "irgendwo muss doch mal eine Grenze sein, eine Obergrenze. Die Leute können das doch bald gar nicht mehr abfangen."

"Produzieren mehr Verlierer mit der Energiewende"

Manuel Frondel © NDR Foto: Screenshot

Manuel Frondel befürchtet, dass die Energiewende in der derzeitigen Form an gesellschaftlicher Akzeptanz verliert.

Doch diese Obergrenze, zumindest beim Strompreis, scheint noch nicht erreicht. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Strompreise in Deutschland mehr als verdoppelt, Tendenz weiter steigend. "Wir zahlen als deutsche Haushalte im Durchschnitt die höchsten Strompreise in Europa", sagt der Ökonom Manuel Frondel. Diese Preisexplosion beim Strom hänge mit der Förderung der erneuerbaren Energien, der sogenannten EEG-Umlage zusammen. Die macht etwa ein Fünftel des Strompreises aus und hat sich in den letzten zehn Jahren sogar mehr als verdreifacht. Zahlen müssen das letztendlich die Verbraucher. Das Problem: Unter den hohen Strompreisen leiden insbesondere Haushalte, die ohnehin armutsgefährdet sind, so Frondel. Menschen mit einem hohen Einkommen hingegen machen die Mehrkosten weniger zu schaffen. Mehr noch, sie profitieren sogar von Förderungsmitteln für Klimaschutz. "Langfristig bedeutet das, dass wir immer mehr Verlierer produzieren mit der Energiewende." Und dass so das wichtige Projekt, mit dem wir unsere Klimaziele 2030 erreichen wollen, an Akzeptanz verliert.

Eine (teure) Alternative: Die Brennstoffzelle

Stefan Jung © NDR Foto: Screenshot

Stefan Jung ist Besitzer einer Brennstoffzelle. Er hofft, die Kosten seiner Investition in den nächsten zehn Jahren wieder reingeholt zu haben.

"Kommen Sie rein", sagt Stefan Jung und öffnet die weiße Tür seines Einfamilienhauses in der Gemeinde Bönningstedt in Schleswig-Holstein. Er führt uns durch sein Haus: 200 Quadratmeter mit Fußbodenheizung, dreifach verglaste Fenster, alles top gedämmt. Jung ist Energiesparen wichtig, auch bei seinen Haushaltsgeräten achtet er auf maximale Energieeffizienz. Im Sommer dieses Jahres hat er eine sogenannte Brennstoffzelle gekauft, die steht im Keller und produziert den Strom für Jung und seine Familie. Die Anlage kostet zwar 35.000 Euro, doch Jung geht davon aus, etwa die Hälfte durch staatliche Förderung zurückzubekommen und kann die Investition steuerlich absetzen. In sieben bis zehn Jahren schätzt er, hat er alles wieder raus, auch weil die Strompreise so steigen. Danach spart er dann weiter bei der Stromrechnung. Dabei hält er seine eigenen Privilegien nicht für unproblematisch: "Die Mehrkosten, die durch die Energiewende entstehen, werden durch alle getragen, aber die Vorteile, die können nur die nutzen, die das Startkapital haben."

Nachzahlung? Nur in Raten möglich

Stephanie Timm © NDR Foto: Screenshot

Stephanie Timm ist alleinerziehend und bekommt Hartz IV. Sie fürchtet steigende Strompreise.

20 Kilometer weiter in Hamburg-Jenfeld öffnet auch Stephanie Timm die Haustür und führt durch ihre Wohnung. Sie lebt hier mit ihren drei Kindern zur Miete. Timm ist alleinerziehend und bekommt Hartz IV. Davon muss sie auch ihre Stromrechnung begleichen, doch das wird für sie zunehmend schwieriger, erzählt sie: "Ich habe Angst, wenn ich das nächste Jahr sehe, was dann an Strompreisen auf uns zukommen kann, ob ich das dann noch schaffe." Das Problem: Die Strompreise sind stärker gestiegen als der Anteil dafür im Regelsatz. Von 2008 bis 2018 laut Monitoringbericht 2018 der Bundesnetzagentur um knapp 40 Prozent. Der Anteil für Stromkosten bei Hartz IV hat sich im selben Zeitraum nur um 27 Prozent erhöht. Jedes Jahr bekommt Timm höhere Nachzahlungen beim Strom. Gerade kam wieder eine über 110 Euro. Die stottert sie jetzt in Raten ab. Wenn das nicht geht, muss sie sich Geld leihen und bei Lebensmitteln und Kleidung Abstriche machen. Für ihre Kinder versucht sie trotzdem alles möglich zu machen und sie mit einzubeziehen, um Strom zu sparen: Immer das Licht aus, wenn sie aus dem Zimmer gehen, beim Spielen nur die nötigsten Geräte an. Einmal hatte Timm eine Stromrechnung nicht beglichen. "Das war innerlicher Stress pur", erinnert sie sich. "Ich habe gedacht, wenn ich das jetzt nicht langsam bezahle, kommen sie irgendwann. Und dann gibt es eine Stromsperre."

Wird es einen Sozialausgleich geben?

Die Zahl der Stromsperren wird seit 2011 bundesweit erhoben und schwankt jährlich zwischen rund 300.000 und 350.000. Ein Großteil der Betroffenen bezieht laut einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Grundsicherung. Der Ökonom Manuel Frondel fordert deshalb, die Bundesregierung müsse endlich reagieren, damit diese Haushalte nicht zu den Verlierern der Klimawende würden, und Förderungen beim Klimaschutz von allen in Anspruch genommen werden können. Und tatsächlich verspricht Bundesumweltministerin Svenja Schulze am Rande der Pressekonferenz des Klimakabinetts: "Natürlich müssen diejenigen, die heute schon auf Hilfe angewiesen sind, Unterstützung bekommen, wenn die Nebenkosten steigen." Es sei Teil des neuen Klimaprogramms, dass man dort, wo das Geld besonders knapp sei, ganz besonders helfe. Der Sozialausgleich also? Auf Nachfrage, was das denn konkret heißt, wird es wieder pauschal: Bei Hartz IV werde der teure Strom schon "nach festgelegtem Verfahren berücksichtigt", heißt es vom Bundesumweltministerium. Also wohl doch kein Ausgleich dort, wo es so nötig wäre. Denn auch wenn der Strom mit dem Klimapaket ab übernächstem Jahr etwas günstiger werden soll, im Zweifel wird es ein Nullsummenspiel. Experten gehen jedenfalls davon aus, dass die Strompreise weiter steigen werden.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 28.11.2019 | 21:45 Uhr