Stand: 14.02.19 10:00 Uhr

Ein Jahr danach: Deniz Yücel über seine Zeit in türkischer Haft

von Kuno Haberbusch

Die Haft des Journalisten Deniz Yücel war ein Tiefpunkt der deutsch-türkischen Beziehungen. Seine Entlassung ist nun genau ein Jahr her, doch die Beziehungen zum "Staate Erdogan" haben sich noch immer nicht signifikant verbessert.

Nach seiner Entlassung hatte sich Deniz Yücel zurückgezogen - weg aus Deutschland und weit weg von der Türkei. Exklusiv hat er jetzt der Journalistin Pinar Atalay ein ausführliches Interview für eine große Dokumentation in der ARD gegeben, die am 15. April um 22.45 Uhr ausgestrahlt wird. Zum Jahrestag seiner Freilassung zeigt Panorama nun Ausschnitte des Interviews in einem Beitrag.

Deniz Yücel © NDR Foto: Screenshot

Deniz Yücel: "Ich wurde festgehalten als Geisel"
Ein Jahr danach spricht Deniz Yücel über seine Zeit in türkischer Haft: "Ich wurde festgehalten als Geisel" - so der deutsche Journalist über seine 367 Tage im Gefängnis.

"Festgehalten als Geisel"

Yücel spricht ausführlich über seine Verhaftung und die Zeit im Gefängnis. 367 Tage verbrachte er in Haft - bis heute weiß er nicht genau, warum. Seine Empörung ist noch immer groß: "Das war eine kriminelle Vereinigung, die mich gefangen genommen hat. Das war auf Geheiß von Tayyip Erdogan. Ich wurde festgehalten als Geisel. Ich wurde der Bundesregierung angeboten zum Tausch für Militärs, Ex-Militärs, die im Verdacht standen, am Putschversuch beteiligt gewesen zu sein oder für andere Sachen."

Erdogan behauptete nach der Verhaftung, Yücel sei ein Mitglied der "kurdischen Terrororganisation PKK" und ein "deutscher Spion". Er wurde im berüchtigten Gefängnis Silivri weggesperrt. Über die Zeit dort sagt Yücel: "Ich war in Silivri in Einzelhaft. Dieses Gefühl und diese Angst, dass man hier jetzt vergessen wird, von aller Welt, und da verrottet, das war schon sehr stark. Und ich hatte ja nichts verbrochen."

"Free Deniz" - Hilfe formiert sich

Demonstration für die Freilassung von Deniz Yücel © NDR Foto: Screenshot

"Free Deniz" - Demonstranten protestierten monatelang für die Freilassung Yücels.

Er wurde nicht vergessen. Monatelang gab es Demonstrationen, engagierten sich viele für seine Freilassung. Seine Verhaftung empörte Journalistenkollegen genauso wie Prominente und Politiker.

Fast genau ein Jahr nach seiner Verhaftung erfuhr Yücel von seiner bevorstehenden Entlassung. Einzige Bedingung: Er müsse die Türkei sofort verlassen und mit einem Flugzeug der Bundesregierung nach Berlin fliegen. Dramatische Stunden begannen. Yücel verweigerte zunächst die Ausreise. Weder wollte er "schnell und geräuschlos" das Land verlassen, noch in die Maschine der Bundesregierung steigen. Daraufhin flogen seine Freunde von der "Free-Deniz"-Bewegung nach Istanbul, um ihn zu überzeugen, die Türkei zu verlassen.

Siegmar Gabriel © NDR Foto: Screenshot

Ex-Außenminister Sigmar Gabriel verhandelte über die Freilassung Yücels.

Der damalige deutsche Außenminister hatte das Prozedere der Entlassung verabredet, doch nun machte Yücel nicht mit. Sigmar Gabriel schildert gegenüber der ARD seine Erinnerung: "Ich habe Deniz Yücel dann übermitteln lassen, dass die Frage, wie er sich jetzt verhält, auch Auswirkungen auf andere hat, die noch in Haft sitzen. Weil die Frage war: Bin ich als Vertreter Deutschlands noch in der Lage, Absprachen zu treffen, die auch eingehalten werden?" Yücels Arbeitgeber, der Axel-Springer-Verlag, charterte schließlich einen Jet, mit dem Yücel und seine Freunde außer Landes gebracht wurden.

Weiterhin Journalisten in Haft

Deniz Yücel ist frei, doch er ist nicht der einzige deutsche Staatsbürger, der in der Türkei wegen der Anschuldigung der Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung festgesetzt wurde. Er war nur der bekannteste. Immer noch befinden sich deutsche und auch türkische Journalisten in Erdogans Gefängnissen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 14.02.2019 | 21:45 Uhr