Holocaust: Wie die AfD die Schuld beenden will

von Robert Bongen, Julian Feldmann, Philipp Hennig und Johannes Jolmes

"Es wird Zeit, dem deutschen Volk wieder Schutz zu geben und endlich diesen irren Schuldkult aus Deutschland zu verbannen", poltert die AfD. Die Partei fordert, dass endlich Schluss ist - Schluss mit dem Erinnern an die deutschen Verbrechen, an den Holocaust. Eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad", wie sie Björn Höcke verlangt, bedeutet: Erinnerung vor allem an die positiven Seiten der deutschen Geschichte. Immer lauter werden die Rufe der Rechten nach einem Schlussstrich. Wenn man der AfD so zuhört, scheint die Wende schon im voll im Gange. Schreiben die Deutschen ihre Geschichte etwa bereits um?

Ein Tor mit dem Spruch: "Jedem das Seine" über dem Eingang zum Konzentrationslager Buchenwald.

Holocaust: Wie die AfD die Schuld beenden will
Schreiben die Deutschen ihre Geschichte um? Die AfD möchte nicht an deutsche Verbrechen erinnern, fordert den Schlussstrich. Doch die Besucherzahlen in Gedenkstätten steigen.

CDU stimmt mit der AfD - gegen einen NS-Dokumentationsort

Adolf Hitler auf dem Bückeberg © NDR Foto: Screenshot

Von 1933 bis 1937 fanden auf dem Bückeberg "Reichserntedankfeste" statt. Bis zu eine Million Menschen reisten an, um Adolf Hitler reden zu hören.

Im Weserbergland gingen die Bürger jüngst gegen die Einrichtung einer NS-Dokumentationsstätte am Bückeberg auf die Barrikaden. Eigentlich ging es nur um ein paar Wege mit Informationstafeln. Vor allem Schulkinder sollen hier über die Geschichte des Bückeberges aufgeklärt werden. Denn der Bückeberg war für die Nationalsozialisten eine Art Kultstätte und Wallfahrtsort. Hier hatten sie bis 1937 zu alljährlichen "Reichserntedankfesten" geladen - hunderttausende Deutsche folgten und jubelten dem Führer zu. Adolf Hitler stimmte dabei die Deutschen auf den Krieg ein. "Der Bückeberg war ein Ort, an dem die Funktionsweise der NS-Diktatur eingeübt wurde", sagt Jens-Christian Wagner von der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten. Als Argument gegen die Infotafeln auf dem Bückeberg ist oft zu hören, dass das Projekt "zu teuer" sei. Doch hinter der Gegnerschaft steckt offenbar auch ein Verdrängen: Die Geschehnisse dort während der Zeit des Nationalsozialismus seien nicht "bedeutend" gewesen, heißt es immer wieder. Und: "Wir müssen langsam mal anfangen in dem Jetzt und Heute zu leben. Ständig dieses Aufwühlen, was passiert ist!" Hitler hinter dem eigenen Gartenzaun - daran will man offenbar nicht gern erinnert werden. Trotzdem entscheidet der Kreistag Hameln-Pyrmont am Ende für die Stelltafeln auf dem Bückeberg - wenn auch nur mit knapper Mehrheit, gegen die Stimmen von CDU und AfD. Also erstmal kein Ende der Erinnerung.

Debatte um Schlussstrich

Volkhard Knigge © NDR Foto: Screenshot

Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, ist von den gestiegenen Besucherzahlen positiv überrascht.

Die Debatte um einen Schlussstrich. Sie ist auch in der Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald angekommen. Doch hier hat diese Debatte ganz andere Folgen, als sich ihre Urheber von der AfD wünschen können. Trotz der Kälte sind viele Menschen da, um sich zu informieren. Und zu gedenken. Der Leiter der Gedenkstätte, Volkhard Knigge, berichtet von 28 Bussen allein im Februar, normal seien fünf bis sechs. "Das hat uns umgehauen", freut sich Knigge. Für ihn sind es auch "Jetzt-erst-recht-Besuche", gegen den "rechtspopulistischen Rutsch" in der Bundesrepublik.

Besucheranstieg in Gedenkstätten

So wie in Buchenwald erleben fast alle deutschen Gedenkstätten derzeit einen Besucheranstieg. "Man sucht die Gedenkorte auf, weil man sie für zuverlässiger und wichtiger erachtet als eine rechtspopulistische Propaganda. Es ist praktisch eine Gegenbewegung, die sich da formiert, die nur keine Partei ist, sondern eine zivilgesellschaftliche Gegenbewegung, die sagt: Wir müssen dort vor Ort gehen und müssen diese Orte erhalten", hat Konfliktforscher Professor Andreas Zick von der Uni Bielefeld festgestellt.

Andreas Zick © NDR Foto: Screenshot

"Eine zivilgesellschaftliche Gegenbewegung" gegen Rechtspopulismus nennt Konfliktforscher Andreas Zick die Besuche in Gedenkstätten.

Ganz aktuell hat er in einer Studie den Status Quo der deutschen Erinnerungskultur untersucht. Ein Ergebnis: Der Blick auf die eigene Familie verklärt sich zunehmend: Mehr als die Hälfte der Befragten sagten, dass die eigenen Vorfahren unter den Opfern des Zweiten Weltkriegs gewesen seien. Aber nur 18 Prozent gaben an, dass in der eigene Familie auch Täter gewesen seien. Ein anderes Ergebnis: Zwei Drittel aller Befragten sehen Deutschland immer noch in einer besonderen moralischen Verantwortung. Ein Großteil kann mit dem Begriff "Schuldkult" nichts anfangen. "Die AfD hat sich mit ihrer Schuldkult-Rhetorik durchgesetzt bei jenen, die schon immer daran geglaubt haben", sagt Zick. Das seien aber lediglich rund zehn Prozent der Deutschen. "Die Mehrheit der Deutschen möchte genau das Gegenteil: Sie möchte sich intensiver mit der Geschichte beschäftigen", fasst er die Ergebnisse seiner Studie zusammen.

Großes Interesse am Erinnerungsort Bunker Valentin

Führung im Bunker Valentin © NDR Foto: Screenshot

30.000 Menschen besuchten 2017 den Denkort Bunker Valentin in Bremen.

Eine Art "Gegenbewegung" erlebt auch Marcus Meyer, Leiter des "Denkorts Bunker Valentin" in Bremen. Hier wird seit 2015 an die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge erinnert, die in den letzten Kriegsjahren eine gigantische U-Boot-Werft bauen mussten. Ein gigantisches Rüstungsprojekt, bei dem mehr als 1.600 Menschen starben - die Nazis ließen sie verhungern oder bis zum Tode arbeiten. Ende letzten Jahres prangerte die Junge Alternative (JA) Bremen, die Jugendorganisation der AfD, einen "Schuldkult-Tourismus" an. Per Pressemitteilung wetterte die "treudeutsche Jugend" u.a. gegen den "Denkort Bunker Valentin". "Rigoros" werde "der Schuldkult zum täglichen Zelebrieren ausgebaut", behauptet die JA, die mit Panorama darüber nicht sprechen will. Ein paar Tage nach der Pressemitteilung der AfD-Jugend sprühen Unbekannte "Schluss mit dem Schuldkult" in großen Lettern an eine Betonwand beim Bunker Valentin. Von der Tat distanzierten sich die Jungrechten später. Bemerkenswert ist aber etwas anderes: Nach dem Vorfall gab es eine breite Solidaritätsbewegung in Bremen. Das Interesse am Erinnerungsort Bunker Valentin, größer denn je. "Hier allein in Bremen Nord im "Denkort Bunker Valentin" waren es im letzten Jahr 30.000 Leute", berichtet Denkort-Leiter Meyer. "Und es nicht so, dass die hier zufällig vorbeikommen. Die wollen hierher. Und ich glaube nicht, dass sie hierher kommen, um hinterher gramgebeugt und schuldgeplagt wieder zurückzugehen, nein, die kommen hierher, weil sie sich mit dieser Geschichte auseinander wollen."

Erinnerung, kein "Schuldkult"

Café in Flossenbürg © NDR Foto: Screenshot

Im Besuchercafé der Gedenkstätte des ehemaligen KZs Flossenbürg bedienen Menschen mit Behinderungen die Gäste.

Um noch mehr Menschen zu erreichen und nicht nur Kinder und Jugendliche aufzuklären, gehen manche Erinnerungsstätten auch neue Wege. Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg in der Oberpfalz eröffnete die Gedenkstätte etwa ein Besuchercafé, in dem Menschen mit Behinderungen die Gäste bedienen. Dieses integrative Museumscafé soll einerseits ein Zeichen setzen: Auch im KZ Flossenbürg waren Behinderte von den SS-Männern ermordet worden. Andererseits sollen mit dem Café auch Menschen an die Gedenkstätte herangeführt werden, die sonst wohl nicht den Weg zu einem solchen Ort gefunden hätten. In der Gedenkstätte wird über die Gräueltaten in Flossenbürg aufgeklärt und auch der Umgang mit dem KZ nach dem Krieg thematisiert - kein vermeintlicher "Schuldkult" betrieben.

So laut die AfD auch gegen die Erinnerung kämpft, es verfängt - entgegen mancher Eindrücke - längst nicht überall. Vielmehr bewirkt sie bei einem Großteil der Bevölkerung genau das Gegenteil. "Man sollte vorsichtig sein, dass man das, was die AfD will und anstrebt, was einen sehr sensibilisieren sollte, dass man das nicht schon für die volle Wirklichkeit hält", sagt Volkhard Knigge. "Ich glaube, es haben jetzt mehr verstanden: So wie auf der einen Seite das Gebrüll, das Geschrei und dieses hasserfüllte Sprechen deutlicher wird, so gibt es auf der anderen Seite eben auch das Gefühl: Wir haben hier etwas zu verteidigen."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 22.03.2018 | 21:45 Uhr