Gewalt, Chaos, Umsturz - Die Strategie der Hintermänner des Nazi-Terrors

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Und was wissen wir über die Täter? Da fallen einem zunächst die Schläger ein, deren Bilder wir aus den Gerichtssälen kennen, mit Glatze und ohne Reue. Aber die Drahtzieher, die Hintermänner, die intelligenten Köpfe, für die die Hetzjagden auf Ausländer und Obdachlose nur eine Vorstufe sind für einen neuen Staat, für ein "Viertes Reich", die sind weniger bekannt, denn die meisten von ihnen scheuen die Öffentlichkeit. Wir möchten Ihnen zeigen, was uns über diese Täter, die wichtigen Figuren der rechtsextremen Szene, bekannt ist. Denn durch diese Personen werden die Strukturen und die Arbeitsteilung deutlich. Außerdem sind sie, obwohl meist im Hintergrund agierend, inzwischen zu Personen des öffentlichen Interesses geworden, in einer Gesellschaft, die sich gegen Nazis wehren will und muss.

KOMMENTAR:

Hier wird Hass verkauft. Ein Geschäft in Ludwigshafen von Nazis für Nazis, inzwischen von der Stadt geschlossen. Der Besitzer, ein jahrelang politik- und gewalterfahrener Nazi-Funktionär:

Name: Christian Hehl

Wohnhaft in Ludwigshafen

Im NPD Landesvorstand Rheinland-Pfalz

z. Zt. wegen Körperverletzung im Gefängnis

Er hatte, was das Nazi-Herz begehrt: Waffen natürlich, aber auch jede Menge Nazi-Kitsch. Der bekennende Skinhead macht Profit mit dem Kampf gegen die Demokratie.

Barbara Junge beschäftigt sich seit langem mit dem Rechtsextremismus. Sie ist auf viele solcher Typen gestoßen, die keine hohen Posten in rechtsradikalen Parteien haben, die aber jeder in der Szene kennt.

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BARBARA JUNGE:

(Rechtsextremismus-Expertin)

"Es gibt eine Arbeitsteilung. Die NPD will die Macht in den Parlamenten allmählich gewinnen, aber im Vorfeld gibt es diejenigen, die den Terror organisieren, die die Straße sturmreif schießen wollen, die Hass säen und die die Ideologie in die freien Kameradschaften tragen, und die freien Kameradschaften sind im Grunde die heutige SA."

Die Organisatoren der Nazi-Gewalt

KOMMENTAR:

Sein Spitzname ist Steiner, wie sein Vorbild: ein SS-General. Auch er hat seine Truppen: rechtsradikale Demonstranten, die er überall in Deutschland aufmarschieren lässt.

Name: Thomas Wulff

Wohnhaft in Hamburg

Ehem. Chef der verbotenen Nationalen Liste

Organisator von Nazi-Aufmärschen

KOMMENTAR:

Kein Intellektueller, ein Einpeitscher. Sein Vorbild ist die SA, seine Methode etwas moderner. Mit CD's verbreitet er Hass unter Jugendlichen.

Name: Thorsten Heise

Wohnhaft in Northeim, Niedersachsen

Produzent von Nazi-CD's

Die Texte seiner CD's - radikaler als jedes Nazi-Flugblatt und viel erfolgreicher. Rechtsradikale Jugendliche reißen sich um seine Musik.

Sie arbeitet lieber im Verborgenen, organisiert den Kontakt zu den inhaftierten Kameraden im Gefängnis. So können sie auch von dort weiterkämpfen.

Name: Ursula Müller

Wohnhaft in Mainz

Von Beruf Gärtnerin

Vorsitzende der Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene (HNG)

Die Gute Seele der Nazis. Sie passt auf, dass im Knast bloß keiner die rechte Gesinnung verliert.

Doch nur marschieren reicht einigen nicht mehr. Er bereitet schon den nächsten Schritt vor:

Name: Oliver Schweigert

Wohnhaft in Berlin

Von Beruf Schlosser

Verurteilt wegen NS-Propaganda

Ermittlungsverfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung

Der Verdacht: Er bereitet Terroranschläge vor. Dafür sammelt er Namen und Adressen von politischen Gegnern.

Die Strategen der Machtergreifung

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BARBARA JUNGE:

(Rechtsextremismus-Expertin)

"Die NPD hat die Neo-Nazis eingebunden als Sturmtrupp, aber der NPD geht es im Moment darum, eine Massenorganisation zu werden. Im Moment ist sie noch zu schwach, deshalb verhält sie sich sehr legal. Nur, es gibt eindeutige Äußerungen: Wenn die Massenorganisation da ist, dann kann auch der legale Weg verlassen werden."

KOMMENTAR:

Er gibt sich demokratisch, doch sein Ziel ist ein nationaler Sozialismus:

Name: Dr. Hans Günter Eisenecker

Wohnhaft in Goldenbow, Mecklenburg-Vorpommern

Von Beruf Rechtsanwalt

Stv. Bundesvorsitzender der NPD

Für den alten Mann der NPD sind Skinheads die idealen Parteisoldaten. Sein politisches Vorbild: Nordkorea.

Er kam zur NPD, als seine eigene Nazi-Truppe verboten wurde.:

Name: Steffen Hupka

Wohnhaft in Timmenrode, Sachsen-Anhalt

Ehem. NPD-Landesvorsitzender

Schlüsselfigur der Neo-Nazi-Szene

Er war schon Neo-Nazi, als die NPD noch ein betulicher Altherrenverein war. Jetzt ist die Partei auf seiner Linie.

Und auch die Alt-Nazis sind dabei. Der legale Anstrich bei ihm - kaum ernst gemeint, eine billige Fassade:

Name: Manfred Roeder

Wohnhaft in Schwarzenborn, Hessen

Von Beruf Rechtsanwalt

Ehem. NPD-Spitzenkandidat

Verurteilter Rechtsterrorist

Roeder nennt sich selbst den Reichsverweser. Er will den Stab von Hitler und Dönitz an den neuen Führer übergeben - wenn es so weit ist. Bis dahin: Hetze gegen die Demokratie:

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MANFRED ROEDER:

"Diese Regierung ist entschlossen, Deutschland umzubringen und abzuschaffen. Die wollen nicht den Dreck unterm Fingernagel für Deutschland tun. Im Grunde haben die alle den Tod verdient, als Vaterlandsverräter."

Die Organisatoren des 4. Reiches

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BARBARA JUNGE:

(Rechtsextremismus-Expertin)

"Sie arbeiten für ein Viertes Reich, sie arbeiten für eine Machtergreifung. Es wird konkret geplant, was soll nach einer angestrebten Machtergreifung passieren, was wird mit der politischen Opposition zum Beispiel passieren, wenn das Vierte Reich steht. Sie arbeiten an einer neuen NSDAP."

KOMMENTAR:

Er ist der Architekt der neuen braunen Diktatur. Strafrecht, Zuchthäuser, Hinrichtungen - alles im Detail geplant und aufgeschrieben. Der Theoretiker des Vierten Reiches hat eine erstaunliche Vergangenheit: Früher war er Führer der Studentenbewegung von 68:

Name: Reinhold Oberlercher

Wohnhaft in Hamburg

Von Beruf Publizist

Selbsternannter "Autor der Verfassung für das 4. Reich"

Der ehemals Antiautoritäre hat besonders viel Gedanken über den Machterhalt angestellt.

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REINHOLD OBERLERCHER:

(Nazi-Ideologe)

"Im Vierten Reich gibt es die Todesstrafe, für schwere Fälle von Hochverrat, von Landesverrat, für Mord immer, zwingend vorgesehen. Das ist nun mal so."

KOMMENTAR:

Oberlerchers Gesinnungsgenosse von 1968. Er hat danach noch die RAF mit begründet. Heute ist der Intellektuelle gern gesehener Redner bei den Rechtsradikalen:

Name: Horst Mahler

Wohnhaft in Berlin

Von Beruf Rechtsanwalt

NPD-Mitglied

Ehem. RAF-Mitglied

Auch er hat die braune Zukunft fest im Blick:

Name: Jürgen Rieger

Wohnhaft in Hamburg

Von Beruf Rechtsanwalt

"Staranwalt" der Nazi-Szene

Wenn Rieger nicht gerade Nazis vor Gericht verteidigt, widmet er sich seinen zahlreichen Vereinen. Von Propaganda bis Rassentheorie ist dort fast jedes braune Thema vertreten.

Er hat selten eine formale Funktion, ist aber einflussreicher als die meisten. Sein Berufsziel: Führer:

Name: Christian Worch

Wohnhaft in Hamburg

Gelernter Notariatsgehilfe

Verurteilt wegen Verstoßes gegen das NS-Verbot

Strategischer Kopf der Neo-Nazis

Worch ist Millionär. Er besitzt geerbten Grund und Boden in besten Lagen. Seine Pläne gehen schon heute über den Tag der Machtergreifung hinaus.

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CHRISTIAN WORCH:

(Neo-Nazi)

"Also ich spreche mich dafür aus, dass nach der Machtübernahme vier Wochen lang grundsätzlich keine Exekution stattfinden darf. Bei einer Machtübernahme wäre es nicht auszuschließen, weil wir wissen nicht, inwieweit das gegen uns sich noch weiter richten wird."

Die Finanziers der Nazi-Szene

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BARBARA JUNGE:

(Rechtsextremismus-Expertin)

"Es gibt sicher keine Verschwörungen. Es gibt Gelder aus dem Ausland, die hierher gespendet werden, es gibt Testamente von Alt-Nazis, die ihr Geld selbstverständlich der Bewegung hinterlassen. Und es gibt auch Spenden innerhalb Deutschlands von fanatischen Anhängern. Darüber hinaus gibt es aber ein großes subkulturelles Milieu, das einen Riesenmarkt bedeutet für den ganzen Nazi-Kitsch."

KOMMENTAR:

Die Rechenschaftsberichte der NPD zeigen: sie ist keine reiche Partei. Nur wenige Spender sind aufgeführt, haben in den letzten Jahren größere Summen gegeben. Die Liste der Namen ist überschaubar. Der größte Finanzier der Nazi-Partei ist der Steuerzahler: über eine Million Mark allein für 1999 aus der staatlichen Parteienfinanzierung. Der braune Terror geht weiter.

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Noch mal: Der Staat ist der größte bekannte Geldgeber für diejenigen, die ihm den Krieg erklärt haben.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 24.08.2000 | 21:00 Uhr