Vorbild Wehrmacht - Neuer Streit um die Führungsakademie der Bundeswehr

von Bericht: Volker Steinhoff und Christoph Mestmacher

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Wenn etwas geschieht, das allen Beteiligten peinlich und unangenehm ist, wenn alle sagen: So etwas darf nie wieder passieren, dann sollte man annehmen, daß künftig zumindest für erhöhte Sensibilität gesorgt ist, wenn es auch nur im entferntesten um ein ähnlich gelagertes Thema geht. Erst recht in der Bundeswehr. Sie erinnern sich sicher an den Fall Manfred Roeder vor rund einem Jahr. Das ist der Nazi und Schwerstkriminelle, der von der Führungsakademie der Bundeswehr als Gastredner eingeladen wurde. Noch mal zur Auffrischung ein Zitat von Roeder:

Die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg © dpa

Vorbild Wehrmacht - Neuer Streit um die Führungsakademie der Bundeswehr
Wenn etwas geschieht, das allen Beteiligten peinlich und unangenehm ist, wenn alle sagen: So etwas darf nie wieder passieren, dann sollte man annehmen, daß künftig zumindest für erhöhte Sensibilität gesorgt ist, wenn es auch nur im entferntesten um ein ähnlich gelagertes Thema geht.

0-Ton

MANFRED ROEDER:

"Die größte Leistung von Hitler war, daß er eine Volksgemeinschaft geschaffen hat. Das war das größte Wunder."

PATRICIA SCHLESINGER:

Damals war das ein Riesenskandal. Das Thema "Braunes Gedankengut in der Bundeswehr" war wochenlang in den Schlagzeilen. Die Opposition setzte damals einen Untersuchungsausschuß durch. Jetzt stellt sie selbst den Verteidigungsminister, und eigentlich sollte man annehmen, daß solche oder auch nur ansatzweise ähnlichen Fälle der Vergangenheit angehören. Aber es ist ganz anders.

Meine Kollegen Volker Steinhoff und Christoph Mestmacher haben bemerkenswerte Fakten aus der militärischen Eliteschule zusammengetragen.

KOMMENTAR:

Die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Nach dem Bundeswehrskandal vor einem Jahr hat die oberste Bildungseinrichtung des Militärs einen neuen Direktor bekommen, zuständig für die Lehre: Brigadegeneral Christian Millotat. Und was er den zukünftigen Spitzenmilitärs beibringen lassen will, hat er in einer offiziellen Studie über das preußisch-deutsche Generalstabssystem aufgeschrieben. Kostprobe:

"In den Schlachten des Zweiten Weltkrieges zeigte der deutsche Generalstabsoffizier wiederum herausragendes Können."

Millotats Motto auch für die Zukunft:

"Die Form wechselt, der Geist bleibt der alte."

Das Werk des Generals wurde nicht etwa ignoriert, sondern vom Verteidigungsministerium höchst selbst herausgegeben. Der Militärhistoriker Detlef Bald hat die Studie analysiert.

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DR. DETLEF BALD

(Militärhistoriker)

"Die historische Verfälschung, die in einem solchen Papier wie von Millotat verteilt wird, ist doch ganz gefährlich für die Bundeswehr, weil damit Annäherungen an historische Konzepte, an Geschichtsklitterung von Rechtsextremen gegeben werden und erleichtert werden, so daß damit Berührungen mit den rechtsextremen Vorfällen gegeben sind. Und daher sollte die Bundeswehr erst recht solche Tendenzen ganz bewußt verhindern."

KOMMENTAR:

Solche Bedenken hatte sogar ein Institut der Bundeswehr selbst geäußert, das militärgeschichtliche Forschungsamt - allerdings vergeblich. Die Studie des Generals Millotat, so das Amt, bewegt sich "allzusehr entlang herkömmlicher Klischees", ist "einseitig", eine "kritische Auseinandersetzung fehlt". Einiges ist "mehr als fragwürdig". "Der Autor irrt sich" und hat die "Problematik der deutschen Kriegsführung ausgeblendet". Fazit des Bundesinstituts: Von einer amtlichen Herausgabe wird abgeraten.

Die Warnung an das Verteidigungsministerium blieb offenbar folgenlos. Die Studie von Millotat wurde nicht nur durch die Bundeswehr finanziert, sondern auch schon an der Führungsakademie verteilt - an zukünftige Generäle. Die Form wechselt, der Geist bleibt der alte?

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DR. DETLEF BALD:

(Militärhistoriker)

"Sie ist ein Beispiel für viele Publikationen in der Bundeswehr - es ist kein Einzelfall - für ganz viele Publikationen, die seit etwa sieben, acht Jahren erscheinen und die versuchen, in die deutsche Geschichte, nicht nur in die militärische Geschichte, sondern auch in die militaristische Geschichte zurückzugehen und für die Bundeswehr verfügbar zu machen."

KOMMENTAR:

Der neue Verteidigungsminister Scharping hat eine schwere Aufgabe. Tradition dominiert überall, auch bei seiner Amtseinführung. 16 Jahre lang wurden freie Posten auf der Hardthöhe meist mit strammen Konservativen besetzt. Für viele Generäle taugt die Wehrmacht wieder als Vorbild. Inzwischen stellen sie sogar die überwältigende Mehrheit im Ministerium.

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DR. DETLEF BALD:

"Der neue Minister hat zum Ziel seiner Politik die Kontinuität gemacht. Ihm ist nicht bewußt, so ist meine Einschätzung, daß er damit auch die Kontinuität von eindeutig restaurativen Tendenzen betreibt. Diese sind besonders schädigend, weil die Mehrheit im Verteidigungsministerium eine nicht den Prinzipien der inneren Führung voll folgenden Politik vertritt."

KOMMENTAR:

Scharping ein zweiter Rühe? Nun kommt doch etwas Bewegung in die Sache. Erste Reaktion von Scharping auf die PANORAMA-Anfrage: Die Verbreitung der geschichtsklitternden Studie Millotats wurde gestoppt, auch wenn sie jetzt nie Lehrmaterial gewesen sein soll, wie Scharping erklären läßt.

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DETLEF PUHL:

(Sprecher Verteidigungsministerium)

"Der Minister hat den stellvertretenden Generalinspekteur gebeten, ihm einen genauen Bericht vorzulegen. Und im übrigen weise ich darauf hin, daß das, was Herr Millotat geschrieben hat, in der Bundeswehr nicht als Lehrmaterial benutzt wurde und nicht benutzt wird und daß der Wunsch nach einer zweiten Auflage abgelehnt wurde."

KOMMENTAR:

Derweil wird der Kritiker mundtot gemacht, denn schließlich hatte Bald nicht nur den General Millotat kritisiert, sondern allgemein die militaristischen Tendenzen auf der Hardthöhe. Hier an der Bundeswehr-Universität in München ist Bald Dozent - gewesen. Denn auf Betreiben der Militärs wurde ihm der Lehrauftrag entzogen. In einem Brief der Universität der Bundeswehr vom November - Scharping war also schon Minister - wurden Balds Lehraufträge storniert, mit der Begründung, es seien Bedenken vom Bundesministerium der Verteidigung geäußert worden. Für Bald nichts Neues.

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DR. DETLEF BALD:

(Militärhistoriker)

"Ein herausgehobener Offizier des Führungsstabs der Streitkräfte hat ausdrücklich gesagt, er würde verhindern, daß ich jemals wieder den Boden einer Bildungsstätte der Bundeswehr betreten würde."

KOMMENTAR:

Der Kritiker mundtot, General Millotat hingegen macht Karriere. Das wollen sich die grünen Regierungspartner nicht bieten lassen.

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ANGELIKA BEER:

(MdB, Die Grünen)

"Ich glaube, daß die militärische Führung auf der Hardthöhe Scharping herausfordern will, eine Kraftprobe. Und er wäre gut beraten, jetzt sich gegen die Traditionalisten zu wenden und Konsequenzen zu ziehen, weil ansonsten wäre die Kontinuität zu Rühe hergestellt."

KOMMENTAR:

Doch zum Fall Bald will Scharping sich nicht einmal äußern. Da könnte es noch Probleme mit dem Koalitionspartner geben. Wie auch immer - bis auf weiteres darf Bald nicht mehr an der Bundeswehr-Universität arbeiten. Das beeinträchtigt seine Forschungsarbeit nicht unbedingt, Rechtsradikalismus kann er inzwischen auch zu Hause untersuchen.

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ANRUFBEANTWORTER:

".... subversive Elemente, die von unserer Uni verschwinden. Mögen Sie wenig Glück in Ihrem weiteren Berufsleben haben. Wir werden schon dafür sorgen."

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

"Da besteht Handlungsbedarf", heißt es ja oft so schön im gehobenen Politikerdeutsch. Der neue Verteidigungsminister muß sich da wohl entscheiden zwischen Traditionalisten und Reformern in der Bundeswehr. Für's Aussitzen waren andere zuständig.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 14.01.1999 | 21:00 Uhr