VW-Kleinaktionär - Kontrolle auf der Hauptversammlung

von Bericht: Thomas Berndt und Jochen Graebert

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

In großen Firmen, in Weltkonzernen, wird bekanntlich gespart. Die honorigen, seriösen Aufsichtsräte appellieren an die Vernunft der Gewerkschaften, sich bei Tarifverhandlungen doch zurück- und die Forderungen möglichst kleinzuhalten. Das übliche. Ein Kleinstaktionär, ein ehemaliger VW-Arbeiter, kämpft nun seit einem Jahrzehnt gegen die Selbstverständlichkeit, mit der sich dann dieselben Aufsichtsräte, die Sparsamkeit predigen, ihre eigenen Gehälter aufbessern - manchmal mit schon etwas merkwürdigen Tricks. Gestern nun war wieder sein großer Tag: Jahreshauptversammlung in Hamburg.

Thomas Berndt und Jochen Graebert haben den modernen Don Quichote begleitet.

Das VW-Logo an eiunem Werk. © NDR

VW-Kleinaktionär - Kontrolle auf der Hauptversammlung
In großen Firmen, in Weltkonzernen, wird bekanntlich gespart. Die honorigen, seriösen Aufsichtsräte appellieren an die Vernunft der Gewerkschaften, sich bei Tarifverhandlungen doch zurück- und die Forderungen möglichst kleinzuhalten.

KOMMENTAR:

Heute ist sein großer Tag. Es ist Jahreshauptversammlung bei VW. Früher hat Norbert Cultus im Werk malocht, heute ist er Kleinaktionär beim Automobilkonzern mit 750 Mark. Kein Aktienpaket, mehr ein Päckchen, wie er liebevoll sagt. Es ist nicht der Profit, der den Vorruheständler aus Berlin lockt. Es ist die Gewißheit, daß die hohen Herren von VW ihm heute zuhören müssen, ihm heute Rede und Antwort schuldig sind.

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NORBERT CULTUS:

(VW-Kleinaktionär)

"Es ist die Stunde des Aktionärs, und die Vorstände sehen es sicherlich anders, indem sie der Meinung sind, man sollte den Aktionären nicht so viel Zeit geben, ihre Zeit zu beanspruchen. Aber ich nutze sie und bin der Meinung, es muß ihnen ab und zu ein Spiegel vorgehalten werden."

KOMMENTAR:

Sie wissen, auch diesmal wird er sie nicht schonen. Schon seit Jahren prangert Cultus vor allem die hohen Gehälter der Herren Vorstände an. Und die Bezüge der Aufsichtsräte hat er auch nachgerechnet. Die haben sich in den vergangenen fünf Jahren glatt verzehnfacht, und das ärgert den Kleinaktionär.

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NORBERT CULTUS:

"Wenn jemand das Vierzigfache von dem verdient oder bekommt - verdienen kann man ja da nicht mehr sagen -, was ein normaler Arbeitnehmer erhält, dann ist das nicht mehr zu rechtfertigen, sondern - ich sag` mal - schierer Wahnsinn."

KOMMENTAR:

Norbert Cultus hat sich wie immer akribisch vorbereitet, und er ist fündig geworden: im Kleingedruckten. Klammheimlich sollen die Bezüge der Aufsichtsräte weiter steigen. Bisher wurden alle Beträge in D-Mark ausbezahlt. Ab jetzt gibt's die gleiche Summe, allerdings in Euro. Quasi über Nacht kassieren die Herren Aufsichtsräte doppelt.

Ein solch plumper Trick - für Kleinaktionär Cultus ein gefundenes Fressen. Pro Jahr bis zu 250.000 Mark für einen Nebenjob, das läßt er den Topmanagern keinesfalls durchgehen. 13 Uhr 12 - sein großer Auftritt: Cultus gegen VW. Ein Duell, das sich auch im Foyer keiner entgehen läßt.

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NORBERT CULTUS:

(VW-Kleinaktionär)

"Meine Herren, wenn Sie einige Stunden mehr für Ihre Aufsichtsratstätigkeit aufwenden sollten, auch dann halte ich solche Beträge für maßlos überzogen. Mit dem Betrag, den Sie für Ihren "Nebenjob" kassieren, müssen zwei Vorruheständler-Familien ein Jahr auskommen, um das mal ganz deutlich zu sagen."

KOMMENTAR:

Das empört auch andere Kleinaktionäre. Jetzt wird Cultus zum Hoffnungsträger, sammelt den ganzen Nachmittag Vollmachten von denen ein, die nicht bis zur Abstimmung bleiben können. Berauscht von einer Plastiktüte voller Vollmachten wittert Cultus diesmal seine Chance.

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NORBERT CULTUS:

"Das hatte ich also nicht erwartet, das ist also wirklich heute ein Freudentag, ganz egal, was das an Stimmen bedeutet. Aber der Zuspruch der Menschen und der Aktionäre, die mich erlebt haben und das, was sich hier abspielt, das finde ich also schon toll."

KOMMENTAR:

Die hochdotierten Herren vom Aufsichtsrat aber bleiben ganz locker. Kein Wunder, hält doch allein Ministerpräsident Glogowski8 für das Land Niedersachsen über 50 Prozent der Stimmen. Dazu noch die Großbanken mit Vollmachten mit einigen tausend Kunden.

Doch Cultus sammelt unverdrossen weiter, Stimmen gegen den schier übermächtigen Gegner. Er glaubt an seine Tüte. Diesmal setzt der Kleinaktionär auf Sieg.

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NORBERT CULTUS:

"Da hat sich der Aufsichtsrat und der Vorstand ins Knie geschossen, denn die Zustimmung für meinen Antrag ist wirklich überwältigend."

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WAHLERGEBNIS:

"Also, meine Damen und Herren, wir kommen zur Abstimmung. Mit Ja haben gestimmt 117 Millionen ...."

KOMMENTAR:

Das Ergebnis dann am späten Abend: 99,9 Prozent für den Konzern, 0,1 Prozent für Cultus.

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WAHLERGEBNIS:

"Ich stelle fest, daß der Erhöhung der Aufsichtsratsvergütung zugestimmt worden ist."

KOMMENTAR:

Wieder verloren, wie jedes Jahr. Kleinaktionär Cultus hat wacker gekämpft, aber gegen den Großkonzern hatte er keine Chance.

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NORBERT CULTUS:

"Ein bißchen Trauer, daß man also nicht mehr hatte auf seine Seite ziehen können, aber eigentlich wird mich sowas nicht kleinkriegen. Ich bin beim nächsten Jahr sicherlich wieder dabei.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 03.06.1999 | 21:00 Uhr