SPD-Opas über ihre Enkel - Minister der Schmidt-Regierung zum Zustand ihrer Partei

von Bericht: Thomas Berbner und Thomas Berndt

Anmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Das andere, für Deutschland wirklich wichtige Thema: Wer wird jetzt Kanzler, zumindest der Kandidat der SPD? Am Montag werden wir mehr wissen. Bei den Sozialdemokraten redet und intrigiert seit Wochen jeder gegen jeden, das hat schon viel von sportlichem Wettbewerb. Inhalte scheren da kaum noch jemanden. Die 1,3 Millionen Mark teure Werbekampagne der SPD, die uns das Männer-Duo Schröder/Lafontaine als ein Herz und eine Seele verkaufen wollte, hat uns nicht täuschen können. Die Genossen verhalten sich untereinander recht schäbig. Roter Intrigantenstadl statt rotes Programm, statt ein Profil zwei Gestalten von manchmal zweifelhafter Integrität. Vielleicht sollten wir es unseren jüngeren Zuschauern noch einmal sagen: Es gab sie, die Ära vor Helmut Kohl. Lange 16 Jahre ist es her. Damals waren Sozialdemokraten in der Regierungsverantwortung.

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SPD-Opas über ihre Enkel - Minister der Schmidt-Regierung zum Zustand ihrer Partei
Bei den Sozialdemokraten redet und intrigiert seit Wochen jeder gegen jeden, das hat schon viel von sportlichem Wettbewerb.

Thomas Berbner und Thomas Berndt haben einmal die alten Kämpen, die Genossen befragt, die unter Helmut Schmidt im SPD-Kabinett dabei waren. Die gemäßigt roten Opas über die zerstrittenen roten Enkel und ihr Kandidaten-Palaver.

KOMMENTAR:

Siegerposen hat er schon immer beherrscht, jetzt muß er nur noch Kanzler werden. Das Problem dabei: Da gibt es noch einen, der will auch Kanzler werden. Schröder oder Lafontaine, diese Frage hat die SPD an den Rand einer Zerreißprobe gebracht. Nur in einem sind sich die Genossen einig: sie wollen endlich wieder an die Macht.

Lang, lang ist's her, 1980: Das letzte SPD-Kabinett unter Helmut Schmidt wird vereidigt. Die letzten Sozialdemokraten mit Regierungserfahrung in Bonn. Sie können ihren Enkeln einiges ins Parteibuch schreiben, zum Beispiel zum Thema Grabenkämpfe und ihre Folgen.

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HANS-JÜRGEN WISCHNEWSKI:

(Kanzleramtsminister a.D.)

"Jede Generation will ihre eigenen Erfahrungen sammeln, sie sollten nur die Erfahrungen der Alten annehmen, damit nicht die gleichen Fehler gemacht werden und sich wiederholen, die man schon gemacht hat. Das ist nicht ganz einfach."

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EGON BAHR:

(SPD-Bundesgeschäftsführer a.D.)

"Die neue Generation kann nichts dafür, daß die Erfahrung von Not, Tod, Krieg, Zerstörung, Ruinen, Hunger ihnen fehlt. Die sind in die Selbstverständlichkeit eines neuen Wohlfahrtsstaates hineingewachsen, sie sind insofern ohne die Kanten, die die Alten gehabt haben."

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HANS-JÜRGEN WISCHNEWSKI:

"Diese ganz anders geprägte Generation mit Brandt, Schmidt und Wehner ist nicht wiederholbar."

KOMMENTAR:

Aber auch die Genossen von damals waren alles andere als Musterknaben, denn die Regierung Schmidt zerbrach nicht zuletzt, weil die SPD heillos zerstritten war. Eine schwere Bürde für die Generation danach. Der Kampf um das Erbe der Polit-Opas ging jetzt richtig los - das wissen gerade die ehemaligen Kabinettsmitglieder.

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HERBERT EHRENBERG:

(Arbeitsminister a.D.)

"Machen Sie mal eine große Volkspartei auf den Schlag einig. Es war ja schon an Uneinigkeit der SPD die letzte von der SPD geführte Bundesregierung zerbrochen letzten Endes - nicht nur an der FDP, das lag zum großen Teil auch an der SPD, daß sie zerbrach. Und vor einem solchen Zustand zu einer neuen, von der Mehrheit der Bürger zu akzeptierenden Linie zu kommen, braucht seine Zeit."

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ANTJE HUBER:

(Familienministerin a.D.)

"Wenn ein solcher Bruch kommt und die Leute - wir hatten zwei Millionen Arbeitslose, das war ja schlimm damals, jetzt haben wir fünf, und wir hatten ein Zehntel von den Staatsschulden, die wir heute haben, aber das war alles schlimm - und wenn die Leute das Gefühl haben, eine Partei hat abgewirtschaftet, dann können Sie zunächst aufstellen, wen Sie wollen, das klappt nicht sofort, das dauert."

KOMMENTAR:

Und jetzt, ein halbes Jahr vor der Wahl? Der seit Helmut Schmidt mittlerweile fünfte Kanzlerkandidat der SPD wird noch gesucht. Von geschlossenen Reihen keine Spur. Eine schwierige Situation. Alte Hasen gehen da in die Offensive.

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EGON BAHR:

"Also, als alter Fahrensmann und ehemaliger Bundesgeschäftsführer will ich Ihnen sagen: Ich finde es vom professionellen Standpunkt aus fast genial, daß wir Monate hinter uns haben, in denen wir über zwei Männer gesprochen haben, die beide imstande wären, Kanzler zu sein, und dadurch die Mediensperre, unter der wir in zurückliegenden Wahlkämpfen gelitten haben, überwunden haben."

KOMMENTAR:

Alles nur ein genialer Mediencoup? Der ehemalige Bundesbauminister hat für die eigenwillige Kandidatensuche seiner Partei wenig Verständnis.

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DIETER HAACK:

(Bauminister a.D.)

"Eine Partei muß dem Wähler gegenüber sagen können, wer ihr Spitzenkandidat aus grundsätzlichen Erwägungen heraus ist, und sie kann nicht sagen: Im Moment können wir das eigentlich gar nicht sagen, jetzt warten wir die Wahl ab, und wenn zwei Prozent in eine gewisse Richtung votieren, dann wissen wir genau, wer unser Kandidat ist. Das ist nach meiner Auffassung eigentlich eher ein Ausdruck des Opportunismus oder auch ein Ausdruck einer gewissen Führungsschwäche. Also auf mich wirkt es jedenfalls nicht glaubwürdig und überzeugend."

KOMMENTAR:

Schröder, der Wirtschaftslenker, oder Lafontaine, der Mann der Partei? Seit nunmehr einem Jahr diskutieren die beiden Kandidatenkandidaten und die ganze Partei: Wer ist eigentlich der Bessere?

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OSKAR LAFONTAINE:

"Wir konnten uns noch nicht einigen."

KOMMENTAR:

Schröder oder Lafontaine? Auch die ehemaligen SPD-Kabinettsmitglieder beschäftigt diese Frage. Entwicklungshilfeminister Rainer Offergeld favorisiert den Bewerber aus Niedersachsen, genau wie sein Kollege Postminister a.D. Kurt Gscheidle.

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INTERVIEWER:

"Wen würden Sie sich denn lieber als Kanzlerkandidaten wünschen?"

KURT GSCHEIDLE:

(Postminister a.D.)

"Also Schröder."

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RAINER OFFERGELD:

(Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit a.D.)

"Ich bin der Überzeugung, daß er als Person die besseren Chancen hat, ich bin auch davon überzeugt, daß das, was er politisch repräsentiert, bei den heutigen Erfordernissen in der Bundesrepublik der richtigere Weg ist."

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KURT GSCHEIDLE:

"Schröder ist ein starker, ein wirklich sehr starker Mann. Bei Lafontaine hat man oft den Eindruck, es ist ein bißchen mehr Spaß dabei."

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DIETER HAACK:

(Bauminister a.D.)

"Ich möchte eigentlich hier nicht sagen, für wen ich bin, sondern ich möchte sagen, daß eigentlich Lafontaine die heutige Grundstimmung in der SPD am besten verkörpert, und da mir in der Politik sehr viel um Glaubwürdigkeit zu tun ist und ich ein absoluter Gegner opportunistischen Verhaltens bin, wäre es nach meiner Auffassung besser, wenn die SPD Lafontaine zum Kanzlerkandidaten machen würde, auch im Sinne der Ehrlichkeit gegenüber den Wählern."

KOMMENTAR:

Schröder oder Lafontaine - am Montag wird's entschieden. Dann muß der Verlierer wohl oder übel klein beigeben, sonst - da sind sich die alten Genossen einig - führt für die SPD kein Weg zurück auf die Regierungsbank.

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EGON BAHR:

(SPD-Bundesgeschäftsführer a.D.)

"Ich hoffe und wünsche, daß beide einen gemeinsamen Vorschlag machen, das heißt, daß der eine den anderen vorschlägt und der eine vom anderen unterstützt wird. Die Geschlossenheit für die Zielgerade ist entscheidend."

HANS-JÜRGEN WISCHNEWSKI:

(Kanzleramtsminister a.D.)

"Ich kann hier nur einen Rat geben: Die beste Lösung ist, wenn sie sich möglichst bald nach den Wahlen zusammensetzen und sich aussprechen und mit einem gemeinsamen Vorschlag vor die Gremien der SPD treten. Das verlangt Größe von den Betroffenen, wer Bundeskanzler werden will, muß diese Größe aufbringen."

Abmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Es gibt wohl kaum eine andere Chance für die SPD, als diesen Rat zu befolgen. Wie sagte Gerhard Schröder vor ein paar Wochen? "Wenn wir es diesmal nicht schaffen, sind wir selber schuld." Dem ist nichts hinzuzufügen. Montag, vielleicht schon am Sonntagabend wissen wir endlich mehr.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 26.02.1998 | 21:45 Uhr