Massaker im Regenwald - Deutsche Steuergelder für Jagd auf Menschenaffen

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Das Holz, aus dem unsere Möbel sind, kommt zu einem großen Teil aus Zentralafrika. Dort schlagen fast ausschließlich europäische Firmen zu, darunter auch deutsche. Die wertvollsten tropischen Bäume ende als billige Sperrholzplatten in unseren Baumärkten. Das klingt fast zu simpel, um wahr zu sein, aber so ist es noch immer. Und sind die Bäume erst einmal gefällt, sind Straßen gebaut, um das Holz abzutransportieren, dann sind die Tiere dran. Den fast schon verlorenen Überlebenskampf der Menschenaffen in Kamerun schildern Jochen Graebert und Holger Vogt. Besondere Note: Europäische, auch deutsche Steuergelder haben die massenhafte Abschlachtung dieser Tiere erst ermöglicht.

Regenwald im brasilianischen Bundesstaat Sao Paulo © picture-alliance/dpa

Massaker im Regenwald - Deutsche Steuergelder für Jagd auf Menschenaffen
Das Holz, aus dem unsere Möbel sind, kommt zu einem großen Teil aus Zentralafrika. Dort schlagen fast ausschließlich europäische Firmen zu, darunter auch deutsche.

KOMMENTAR:

Seit Jahren folgt er den Jägern tief in die Regenwälder Afrikas. Karl Amman - Videokamera und Fotoapparat sind seine Waffen. Seine Bilder dokumentieren das Massaker an den Menschenaffen in Zentralafrika.

Eine Gorillamutter mit ihrem Kind. Die Kugeln trafen sie im Schlaf.

0-Ton

KARL AMMAN:

(Verein "Rettet den Regenwald")

"Gorillas - da gibt's vielleicht 10.000 in dieser Südostecke von Kamerun. Aber ich bin überzeugt, daß im Moment ein- bis zweitausend pro Jahr abgeschossen werden."

INTERVIEWER:

"Das heißt?"



KARL AMMAN:

"In ein paar Jahren gibt's keine mehr."

KOMMENTAR:

Alltag im Regenwald von Kamerun.

Ein Urwaldriese auf dem Weg in den europäischen Baumarkt.

Immer tiefer fressen sich europäische Holzkonzerne in die letzten unberührten Wälder. Und mit ihnen kommen die Jäger.

Die Kugel kostet zwanzig Dollar. Geschossen wird auf Elefanten und alles andere, was viel Fleisch bringt. Zum Beispiel der Gorilla. Geschlachtet und geräuchert in einem der vielen Jagdcamps rund um die Holzkonzession. Die Berufsjäger essen frisches Affenfleisch, der größte Teil aber wird durch Räuchern konserviert - für die Vorratskammern der Holz- und Bergbau-Kompanien.

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JÄGER: (Übersetzung)

"Wir schießen auf alles Wild, das uns über den Weg läuft: Antilopen Schimpansen und Gorilla, alles eben, was genug Fleisch für so viele Menschen abwirft. Denn wir müssen rund 100 Leute ernähren und deshalb täglich auf die Jagd gehen."

KOMMENTAR:

Die Tiere, die die Jäger nicht an der Holzfällerfront verkaufen, verlassen zusammen mit den Bäumen den Wald in Richtung Stadt. Was nicht weglaufen kann, wird lebendig abtransportiert, Frischfleisch ist besonders wertvoll.

Die Fahrer der Holzlastwagen verdienen viel Geld, wenn sie den Transport zur Stadt übernehmen. Alltag in Kamerun - und je besser die Straßen, desto schneller verlassen Bäume und Tiere den Regenwald.

Mit Tempo 80 aus den Wäldern. Für afrikanische Verhältnisse eine Rennpiste, mitbezahlt von der Europäischen Union, also auch vom deutschen Steuerzahler.

Die Straße führt tief in den Südosten Kameruns, bis nach Lomié, direkt heran an noch unberührte Regenwälder. Gleich nebenan liegt das Dja-Reservat, eines der wertvollsten Naturbiotope Afrikas. Der Ausbau der alten Kolonialstraße ist eine Einladung für Tropenholzkonzerne und Berufsjäger. 30 Millionen Mark steckte die EU in Kameruns Straßennetz - ideale Bedingungen für den Transport von Holz und Fleisch.

Simon Counsell, Direktor der Regenwald-Stiftung in London, hat die EU-Straße in einer Studie genau untersucht. Sein Urteil ist vernichtend.

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SIMON COUNSELL: (Übersetzung)

(Stiftung Regenwald, London)

"Unsere Studie zeigt, daß mit Steuergeldern aus Großbritannien und Deutschland in Kamerun Projekte finanziert werden, die sehr schwere ökologische und soziale Schäden anrichten. Dazu zählen der Kahlschlag, die Jagd auf Menschenaffen und die Zerstörung der Kultur der Pygmäen, die im Regenwald leben."

KOMMENTAR:

Der Wald der einheimischen Pygmäen wird ausgeholzt und leergeschossen. Dieser Affe wartet auf den Abtransport per LKW - auf der Straße, deren Ausbau der deutsche Steuerzahler per Entwicklungshilfe mitbezahlt hat.

Die Jäger und ihre Familien wissen kaum, daß der Fleischhandel mit geschützten Tierarten verboten ist, weil es in Kamerun niemand ernsthaft verbietet.

Für die europäischen Holzfäller ist die EU-Straße ein Geschenk der Entwicklungshilfe. Sie ist die Nabelschnur für den schnellen Holzfluß zum Meer.

Truckerstop in Jaunde, der Hauptstadt von Kamerun. Hier wird das Buschfleisch auf den Markt gebracht. Karl Amman muß heimlich filmen, denn hier spricht sich schnell rum, daß Naturschützer aus aller Welt den schwunghaften Fleischhandel per Holzlaster stoppen wollen.

Auf dem Markt ist alles zu haben: Affe im ganzen Stück, Gorillaschädel, Schimpansenhand. Die Menschen auf der Straße überschauen die Folgen dieses Handels nicht, und die, die sie kennen, sehen drüber weg. Das Schimpansenbaby bringt nichts als Fleischportion - aber als Spielzeug.

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SIMON COUNSELL: (Übersetzung)

(Stiftung Regenwald, London)

"Es ist schon sehr überraschend, daß die EU-Kommission dieses Projekt ohne begleitendes Umweltgutachten durchzieht. Dabei hat sich die Afrikanische Entwicklungsbank vor einigen Jahren geweigert, diese Straße auszubauen. Deren Umweltstudie hat nämlich vor verheerenden Umweltschäden gewarnt. Also die Folgen des EU-Projekts waren vorhersehbar und wurden vorausgesagt."

KOMMENTAR:

Sitz der EU-Kommission in Brüssel. Das Geld, heißt es hier, sei nicht für eine Holzfällerstraße investiert worden, sondern:

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PHILIPP LOWE: (Übersetzung)

(EU-Kommission)

"- für eine Straße, die doch im wesentlichen der einheimischen Bevölkerung dient. Sie hilft Kindern in Kindergärten und Schüler in Schulen zu bringen. Die Bauern können jetzt ihre Ernte zum Markt fahren, und Kranke sind viel schneller im Krankenhaus. Was die Umweltschäden betrifft, da, sind wir fest überzeugt, gibt es doch andere Gründe als die Straße."

KOMMENTAR:

Fest steht: Der Holzeinschlag in bisher unberührten Regenwäldern geht hier jetzt erst richtig los. Allein sechs Holzkonzessionen wurden in den vergangenen Jahren am Ende der ausgebauten Straße von Lomié vergeben.

Auf dem Gelände eines französischen Holzkonzessionärs, nahe der EU-Straße. Drei abgeschossene Schimpansen sind fertig verpackt, bereit für den Abtransport auf der EU-Straße.

Karl Amman dokumentiert das Zerlegen eines jungen Gorillas, wieder nur wenige Kilometer von der Straße entfernt.

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KLAUS AMMAN:

(Verein "Rettet den Regenwald")

"Es gibt eine Forstpolizei, aber die sind alle an dem Handel beteiligt, die finanzieren die Gewehre, die bringen die Patronen, die sind so korrupt, das Land, auf jeder Stufe."

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SIMON COUNSELL: (Übersetzung)

(Stiftung Regenwald, London)

"Es ist schon sehr zynisch, daß die Regierung eine eindeutig korrupte Regierung unterstützt und darüber hinaus die Holzfällerbranche in Kamerun fördert, die tief in die Korruption verstrickt ist. Wäre das wirklich der richtige Weg, wenn wir unser Geld ganz rausziehen? Oder ist es nicht besser, mit Kameruns Regierung einen kritischen, konstruktiven Dialog zu führen, egal wie lange das dauert, bevor wir wieder Geld ausgeben?"

KOMMENTAR:

Und dann konfrontieren wir den EU-Generaldirektor mit diesen Bildern aus Kamerun. Er sieht sie zum ersten Mal und kündigt jetzt an:

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PHILIPP LOWE: (Übersetzung)

(EU-Kommission)

"Es ist wichtig, jede mögliche Verbindung zwischen dieser Straße und den Umweltschäden sorgfältig zu untersuchen, und zwar bevor wir dort weitermachen. Das ist die große Lehre, die wir aus diesem Streit ziehen."

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KARL AMMAN:

(Verein "Rettet den Regenwald")

"Ich bin persönlich davon überzeugt, daß nur ein rieseninternationaler Aufschrei, wie es bei den Elefanten oder den Walen der Fall war, diese Regierungen so weit bringt, daß sie akzeptieren, daß wir uns drum kümmern, daß wir eben unsere Entwicklungshilfe in Zukunft so gebrauchen werden, daß sie an das Geld nicht mehr rankommen, wenn sich hier nichts ändert. Es muß politischer Wille geschaffen werden, Signale, die diese Regierungen so weit bringen, daß sie wirklich was tun wollen. Und ohne diesen Willen können wir das Gebiet vergessen."

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Im kommenden Jahr will die EU weitere 100 Millionen Mark für den Straßenbau in Kamerun ausgeben. Vielleicht kümmert man sich ja diesmal um die Folgen und versucht, die Ausrottung der Menschenaffen zu verhindern. Unsere neue Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Heidemarie Wieczorek-Zeul, übernimmt im kommenden Jahr den deutschen Ratsvorsitz für entwicklungspolitische Zusammenarbeit der EU. Dort werden die Gelder für solche Projekte verteilt. Ich bin gespannt, was sie dort bewirken kann, welche Bedingungen sie stellen wird.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 10.12.1998 | 21:45 Uhr