Observiert und abserviert - Detektive jagen Blaumacher

von Bericht: Thomas Bernd

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Schatten auf der Straße © picture alliance/Mary Evans Picture Library

Der Gatte im fremden Bett, in flagranti gefilmt, der Versicherte, der den Autocrash nur vortäuscht, dabei fotografiert, und der nervige Nachbar, dem man schon immer mal etwas Unrechtes anhängen wollte - das klassische Betätigungsfeld für Detektive - bisher. Die Profi-Schnüffler sind neuerdings den Blaumachern auf der Spur. Wichtige Kunden der Detekteien sind inzwischen Arbeitgeber, vorwiegend kleine und mittelständische Unternehmer. Mitarbeiter, die häufig krank sind, werden observiert. Wer da blaumacht und schwarzarbeitet und beim Zweitjob oder beim eigenen Hausbau erwischt wird, fliegt häufig raus. Und die oft gut besoldeten Simulanten müssen auch noch die Rechnung für die Schnüffler zahlen.

Blaumacher und die Detektive - ein Krimi aus der deutschen Arbeitsrealität von Thomas Bernd.

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NORBERT HAAKE: (Privatdetektiv)

"Zwo für eins, ja, ich bin auf der Nord-Süd-Fahrt in Richtung Wohnobjekt der Zielperson."

KOMMENTAR:

Über zwanzig Jahre hat er für den militärischen Abschirmdienst Agenten beschattet. Heute ist Norbert Haake pensioniert, arbeitet jetzt auf eigene Rechnung, als Privatdetektiv. Einsatzort heute: die Kölner Innenstadt, 5 Uhr 40. Haakes Zielperson: kein Spitzel, kein Spion, sondern ein ganz normaler Arbeiter.

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NORBERT HAAKE:

"Heute geht es darum, einen Blaumacher, wie es so schön immer heißt, der bei einer Gebäudereinigungsfirma sitzt und immer so am Wochenende so zwei, drei Tage, so Donnerstag, Freitag, krank macht, und da sind wohl Hinweise, liegen da vor, daß er in dieser Zeit wohl irgendwelche Privatkunden bedient. Das ist das Zielfahrzeug, dies hier."

KOMMENTAR:

Der weiße Polo ist ein Firmenwagen, die Leiter auf dem Dach einsatzbereit. Der Fensterputzer aber kann sich eigentlich kaum bewegen, denn bei seiner Firma ist er krank geschrieben - wegen schwerer Rückenschmerzen. Die Observation beginnt. Haakes wichtigste Waffen: Hartnäckigkeit und Geduld, um im richtigen Moment zuzuschlagen.

Derweil in der Zentrale, hektischer Betrieb. Blaumacher haben Hochkonjunktur. Ein Fall bringt zwischen 3.000 und 8.000 Mark. Lothar Wenzel plant die Einsätze für den Nachmittag.

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LOTHAR WENZEL: (Detektei Wenzel)

"Wir haben momentan pro Woche fünf bis sechs Fälle, wo wir Arbeitnehmer überwachen, wo der begründete Verdacht besteht, daß die Arbeitsunfähigkeit vorgetäuscht ist."

INTERVIEWER:

"Und wie hoch ist da Ihre Quote, daß Sie das wirklich nachweisen können?"

LOTHAR WENZEL:

"Die Quote ist deshalb relativ hoch, ich sag' immer: zwischen sieben und acht Fällen von zehn kommen wir zum Erfolg, weil der Anfangsverdacht bei den Arbeitgebern, unseren Auftraggebern, so hoch ist."

KOMMENTAR:

Fahndungserfolge, aus dem Videoarchiv von Detektiven, zum Beispiel ein Fernmeldetechniker, krank geschrieben wegen Hexenschuß - hier beim Bau seines Eigenheims. Ein Manager, offiziell arbeitsunfähig wegen starker Magenbeschwerden - hier beim Werkeln am Ferienhaus. Oder ein Lkw-Fahrer im roten Overall mit schwerer Sehnenscheidenentzündung - hier beim Schuften in einer Autowerkstatt. Übrigens auch sein Kollege ist krank geschrieben, die Werkstatt illegal.

Gerade für kleinere Unternehmen werden Blaumacher zum großen Problem. Der Chef dieser Textilreinigung hatte einen Mitarbeiter mit rund hundert Fehltagen pro Jahr, teuer für die Firma, die Krankengeld zahlen muß. Aber auch die Kollegen hatten es schließlich satt, ständig Überstunden zu machen. Der Kampf am Arbeitsplatz wird härter.

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HANS ZIEHM: (Reinigung Stichweh)

"Wir hatten mehr gerüchteweise, aber immerhin die Information von Kollegen, daß er während seiner langen Krankenzeiten in der Gaststätte seiner Tochter arbeite. Und wir haben uns keinen anderen Rat gewußt, als eine Detektei einzuschalten, um den Beweis zu bekommen, denn ohne Beweis hätten wir keine Aussicht, beim Arbeitsgericht gegen eine Kündigungsschutzklage durchzukommen."

KOMMENTAR:

Inzwischen hat Haake seine Zielperson, den Fensterputzer, im Visier.

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NORBERT HAAKE:

"Wenn er in meine Richtung kommt, mußt du den übernehmen."

KOMMENTAR:

Die Jagd auf den eingebildeten Kranken beginnt. Der Detektiv folgt ihm, immer in diskretem Abstand. Nicht leicht im dichten Berufsverkehr, aber Haake läßt sich so schnell nicht abschütteln. Schließlich steuert der Fensterputzer eine Kneipe in der Kölner Innenstadt an. In voller Montur verhandelt er dort mit dem Wirt. Aber er arbeitet nicht - Pech für den Detektiv, die Jagd geht weiter.

Herbert Meggerlie aus Rendsburg. Auch er ist über eine Woche lang von Detektiven beschattet worden. Danach wurde der Werftarbeiter fristlos entlassen. Er soll - so Detektive - trotz Gipsarm auf einer Baustelle gearbeitet haben. Meggerlie klagte gegen die Kündigung vor dem Arbeitsgericht und bekam recht.

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HERBERT MEGGERLIE: (Werftarbeiter)

"War unmöglich, es darf hier keiner reingehen. Daß sowas überhaupt möglich ist, daß er das darf, beschatten lassen und all so'n Kram. Und vor allen Dingen, der Arbeitgeber, der kann doch nicht in meine Privatsphäre hier reinkommen und mir mein Haus knipsen hier, wann ich nach Hause komme, wann ich auf Toilette gehe, wann ich Kaffee getrunken habe. Der wußte genau, wann ich losging zum Pinkeln. Ich kann das heute noch gar nicht richtig fassen. Ich bin da groß geworden. Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Dreißig Jahre, so lange bin ich noch nicht mal verheiratet."

INTERVIEWER:

"Was meinen Sie denn, warum Ihr Chef da Detektive eingeschaltet hat?"

HERBERT MEGGERLIE:

"Wahrscheinlich um mich loszuwerden. Das war die billigste Art, keine Abfindung zu zahlen, gar nichts."

KOMMENTAR:

Detektive werden als Heugen vor Gericht akzeptiert, ihre Fotos haben Beweiskraft. Im Fall Meggerlie aber waren diese nicht überzeugend. Die Kündigung mußte zurückgenommen werden. Er wechselte trotzdem den Job, bekam aber seine Abfindung.

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REINHOLD KONSTANTY: (DGB-Bundesvorstand)

"Die zunehmende Bespitzelung der Arbeitnehmer durch Detektive ist eine unmenschliche Fehlentwicklung in unserer Gesellschaft. Dadurch wird die Persönlichkeitssphäre der Arbeitnehmer, das Grundrecht auf Persönlichkeit, in schwerwiegender Weise verletzt."

KOMMENTAR:

Die Verfolgung durch die Kölner Innenstadt geht weiter. Haake spürt: Der muntere Fensterputzer hat ein Ziel, und das ist nicht sein Krankenbett. Volltreffer.

Auch dieser Mann aus Hannover war im Visier von Detektiven. Er hatte seinen Job gekündigt, sich für die restlichen Arbeitstage krank gemeldet und dann bei einer neuen Firma gearbeitet. Sein Pech: ihm folgten Detektive.

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RENZIEHAUSEN:

"Dann habe ich den neuen Chef da angerufen, und der meinte: Klar, ich kann sofort kommen, kein Thema. Sag' ich: Nee, das geht noch nicht, ich hab' noch Urlaub und so. Man sagt ja nicht gleich, daß man krank ist. Und dann hat er gesagt, ich soll am Mittwoch vorbeikommen, da paßt ihm das ganz gut, er hat dann Zeit, dann könnte er mir alles zeigen. Da bin ich dann mit dem einen Kollegen den ganzen Tag durch die Gegend gefahren, so Container aufgeladen wurden dann da."

INTERVIEWER:

"Sie waren aber zu dem Zeitpunkt noch krank geschrieben?"

RENZIEHAUSEN:

"Ich war noch krank geschrieben, ja, klar, aber ging halt auf den Weg der Besserung zu. Und dann zum Wochenende habe ich halt eine Rechnung gekriegt von den Detektiven. Hab ich erstmal gesagt: Was soll das denn."

INTERVIEWER:

"Über welche Summe?"

RENZIEHAUSEN:

"Über 7.000 Mark, und da war ich ganz schön baff."

KOMMENTAR:

So könnte es auch diesem putzmunteren Blaumacher ergehen. Krankengeld kassieren und schwarz dazu verdienen, das ist juristisch eine klare Sache: Betrug. Arbeitsgerichte brummen deshalb "Doppelverdienern" immer häufiger die Kosten der eigenen Beschattung auf.

Noch ein letztes Beweisfoto für die Akten, dann ist dieser Fall für Haake abgeschlossen. Für seine Zielperson hingegen geht jetzt der Ärger richtig los.

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER: Der Spion am Krankenbett - eine ganz neue Beziehung in der Arbeitswelt.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 30.01.1997 | 21:00 Uhr