Der Kampf um die Medikamente - Patienten als Bittsteller

von Bericht: Beate Greindl

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Verschiedene Medikamente © picture alliance Foto: Normann Hochheimer/CHROMORANGE

Falls ich mal ernsthaft krank werde, bekomme ich doch, was ich brauche: die richtige Behandlung, das beste Medikament - oder? Was ist, wenn mein Arzt mir nur Billigmedikamente verschreibt, die mir entweder nicht wirklich helfen oder die fatale Nebenwirkungen haben? Die Folgen der Gesundheitsreform, Stufe 2: Die Doctores haben für Arznei- und Heilmittel ein Budget, das ihnen enge Grenzen setzt. Aus Angst vor Geldstrafen sparen so einige Ärzte jetzt bei der Ausstellung von Rezepten. Die Folgen? Sehen Sie selbst. Beate Greindl hat Dinge herausgefunden, die am Standort Deutschland bisher so nicht denkbar waren.

KOMMENTAR:

Wilfried S. ist Epileptiker. Medikamente gegen Krampfanfälle sind für ihn lebensnotwendig. Doch bei den Pillen gibt es auch riesige Qualitätsunterschiede. Jahrelang bekam er nur die billigsten. Weil er geistig behindert ist, konnte er sich nicht wehren. Typische Nebenwirkung seines Billigpräparats: Wucherung des Oberkiefers. Zum Schluß stand er zwei Zentimeter über. Selbst der Spareffekt ist dahin: eine teure Operation war jetzt nötig, damit er wieder seinen Mund schließen kann. Nur - jetzt muß Wilfried S. wieder sprechen lernen. Wegen der Kieferwucherung arbeitet die Zunge nicht mehr richtig. Er braucht intensive logopädische Behandlung. Doch sein Betreuer kriegte weder vom Chirurgen, noch vom Kieferorthopäden das entsprechende Rezept.

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FRIEDRICH-W. PHILIP:

(Betreuer)

"Das ist mir auch bei zwei anderen Ärzten noch passiert, die ich telefonisch kontaktet habe, daß sie gesagt haben: Ja, sicherlich ist das notwendig, und das müßte man sicherlich auch eigentlich verschreiben, aber ich bitte nicht."

KOMMENTAR:

Skandalös, doch seit Seehofer die Arznei- und Heilmittelbudgets eingeführt hat, werden immer öfter Rezepte verweigert, obwohl die Ärzte verpflichtet sind, das medizinisch Notwendige zu verschreiben. Dreißig bis vierzig Logopädiestunden braucht Wilfried S., nur ganze zehn wollte dieser Kieferorthopäde aufschreiben.

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INTERVIEWERIN:

"Was wäre denn passiert, wenn Sie dreißig oder vierzig Stunden aufgeschrieben hätten - Logopädie für den Patienten?

KIEFERORTHOPÄDE:

"Also, im Endeffekt wäre es eventuell so gewesen, daß sie es mir dann halt abgezogen hätten, daß ich es bezahlt hätte unter Umständen."

KOMMENTAR:

Eine erstaunlich ehrliche Antwort, denn wenn die Kassen von solchen Rezeptverweigerungen hören, greifen sie schnell zu drastischen Maßnahmen. Sogar der Entzug der vertragsärztlichen Zulassung wird angedroht, auch wenn der Arzt nur simple Mittel verweigert.

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HORST GOLLERT:

(Ersatzkassen Hamburg)

"Im letzten Vierteljahr ist es bei einigen Ärzten vorgekommen, daß dort sehr, sehr restriktiv verordnet worden ist und leider auch die Patienten verunsichert worden sind. Es wird den Patienten gesagt: Die Krankenkassen zahlen nicht mehr, deshalb müssen wir jetzt sparen, sonst geht das aus meinem Honorartopf. Das ist eine Diskussion, die wir nicht gerne haben, ganz logisch. Wir wollen nicht, daß die Patienten verunsichert werden."

KOMMENTAR:

Wo einst der Griff nach Medikamenten aller Art zu leicht gemacht wurde, droht jetzt das Budget und schließlich der Regreß. In einigen Bezirken sind die Budgets bereits weit überschritten. In Nordbaden müßte demnach jeder Arzt astronomische 80.000 Mark, in Mecklenburg-Vorpommern gar 120.000 Mark Strafe zahlen. Die Seehofer-Budgets sehen Kollektivhaftung vor, egal wieviel der einzelne Arzt verschrieben hat. Zu viele oder zu teure Pillen soll der Arzt selber zahlen.

Das Maß ist voll, meinen inzwischen viele Ärzte und demonstrieren gegen das Damoklesschwert Regreß. Die Budgets sind inzwischen mehrfach von Gerichten als rechtswidrig eingestuft worden, doch in der Praxis hat sich nichts geändert. Keiner will dafür die Verantwortung. Seehofer, Kassenärztliche Vereinigungen und die Kassen geben sich gegenseitig die Schuld. Die Ärzte sind in der Zwickmühle. Sind sie bei streitlustigen Patienten zu knauserig, können sie Ärger kriegen. Sparen sie zu wenig, droht die Strafzahlung.

Gerade im Bereich Neurologie und Psychiatrie, wo es viele chronisch Kranke und teure Arzneimittel gibt, ist es inzwischen nicht mehr selbstverständlich, daß die Patienten das kriegen, was medizinisch notwendig ist.

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ANGELA STAHL:

(Nervenärztin)

"Ich habe es schon das eine oder andere Mal erlebt, daß Menschen verzweifelt einen Arzt suchen, der sie als Stammpatienten aufnimmt."

KOMMENTAR:

In bestimmten Bereichen kann man ja auch ziemlich sicher sein, daß sich keiner beschwert. Beispiel Psychiatrie - hier haben die Patienten keine Lobby, doch gerade hier gibt es medizinischen Fortschritt. Neue Medikamente, die kaum noch Nebenwirkungen haben, nur: die sind teuer. Und so kriegen die Patienten meist immer noch Billigpillen trotz ihrer oft schrecklichen Nebenwirkungen.

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DR. PETER FESELER:

(Nervenklinik Großörner)

"Starre Bewegungsabläufe, starre Mimik, das sieht man den Patienten an, Akkomodationsstörungen, d. h. Störungen wie die Anpassung des Auges an Nah- und Fernreduzieren, Speichelfluß, innere Unruhe, Zittern und solche ähnlichen Symptome."

KOMMENTAR:

Auch in seiner Klinik muß gespart werden. Nur ganze zehn Prozent werden auf die neuen Mittel eingestellt. Doch auch das ist anscheinend immer noch zu viel.

Eine Fachärztin aus der Gegend beschwerte sich postwendend bei der Klinik, als sie einen Patienten weiterbehandeln sollte, der auf ein teures Mittel gegen Schizophrenie eingestellt worden war. Lediglich ohne Kamera beklagt sie sich über immense Budgetprobleme. Doch daß sie deshalb auf Billigpillen umstellt, kann sie natürlich nicht zugeben, dann könnte sie sich strafbar machen. Die Patienten sind die Leidtragenden.

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PATIENT:

"Das ist eine schlimme Sache, wenn ein kranker Mensch sich Medikamente nicht leisten kann oder der Arzt sie nicht verschreiben kann, weil das Budget überschritten wird."

KOMMENTAR:

Ganz so schuldlos sind die Ärzte manchmal dennoch nicht, weder die in der Klinik noch die Niedergelassenen, denn in vielen Fällen könnten sie die teuren Mittel für die Patienten auch erkämpfen. Das würde nur bedeuten: Gutachten schreiben, Sonderanträge stellen, viel Zeit und Energie für Papierkam. Und das kann man von vielen nach einem harten Arbeitstag offenbar nicht verlangen. Es bringt außerdem auch kein Honorar.

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PROF. DIETER NABER:

(Nervenklinik Eppendorf)

"Pech hat der, der sich nicht wehren kann und der an einen Arzt gerät, der um des lieben Friedens willen oder aus Angst vor dieser gerichtlichen Auseinandersetzung darauf verzichtet, die besseren Medikamente zu verschreiben."

KOMMENTAR:

Die jetzt geplanten Richtgrößen werden daran wohl auch nichts ändern, denn auch hier wird es wohl eher um Kosten als um Menschen gehen. Ein klassischer Fall: diese Patientin hatte durch ein Billigmittel gegen Depressionen 30 Kilo zugenommen. Jetzt kriegt sie das neue Medikament. Kostenpunkt: etwa 100 Mark monatlich. Seitdem sind die Sehstörungen und die Pfunde weg.

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ELISABETH STADLER:

(Patientin)

"Mit dem neuen Medikament ist das alles nicht mehr, und es ist halt wirklich ein sehr großer Unterschied, wo ich selbst nicht geglaubt habe, daß es sowas gibt, aber es gibt es wirklich. Also man hat wieder Freude am Leben, es ist einfach wieder alles wunderschön."

KOMMENTAR:

Doch wer zu viele gute Medikamente verordnet, muß büßen. Eine Ingolstädter Nervenärztin zahlte 12.000 Mark Strafe. Nebenwirkungen gehören dazu, so der zuständige Fachmann vom Wirtschaftlichkeitsprüfungsausschuß.

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USCHI BASTIAN:

(Nervenärztin)

"In bezug auf die schwere Gewichtszunahme, unter der viele Frauen vor allen Dingen leiden, hat dieser mir entgegnet, er hätte da überhaupt keine Probleme, er würde seinen dick gewordenen Patientinnen und Patienten einfach sagen, sie sollen froh sein, daß ihre Nerven nun in Zukunft besser gepolstert sind."

KOMMENTAR

Daß die Richtgrößen nichts Gutes bedeuten, haben Nervenärzte in Bayern schon erlebt. Hier wurden sie vorsorglich ausgehandelt. Einem Durchschnittspatienten durften danach Pillen im Wert von nur 50 Mark jährlich verschrieben werden. Da bleibt dem patientenfreundlichen Arzt wieder nur der Formularkrieg.

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URSEL THAMM:

(Angehörigenverband Psychisch Kranker)

"Unsere Forderung ist eben einfach, daß wir das möglich machen ohne Schreibkram, denn es muß selbstverständlich sein, daß ein schwer chronischkranker Mensch auch mit den besten Medikamenten versorgt wird, die es gibt. Das ist eine Selbstverständlichkeit dieser Gesellschaft, sonst sind wir nicht mehr christlich, nicht mehr human, überhaupt keine lebenswerte Gesellschaft mehr."

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Ärzte werden zu Buchhaltern, Devise: verhandeln statt behandeln. Geld ist nicht alles, aber ohne Geld scheint plötzlich alles nichts zu sein - auch die Gesundheit. Teurer werden übrigens auch die Rezeptgebühren.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 03.04.1997 | 21:00 Uhr