Vertrösten bis zum Tod - Bonns zynischer Umgang mit Nazi-Opfern

von Bericht: John Goetz und Volker Steinhoff

Anmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Es gibt sie noch, Überlebende des Nazi-Regimes, die Opfer, die ein KZ oder ein Arbeitslager überstanden haben. Und genau das scheint für unsere Bundesregierung ein Ärgernis zu sein, denn das könnte jetzt teuer werden. In der Vergangenheit war kein Argument zynisch genug, um osteuropäischen Opfern Entschädigung zu versagen - nach dem Motto: Hinhalten bis zum Tod. Dabei haben die Nazis nirgendwo schlimmer gewütet als im Osten. In der vergangenen Woche nun hörten wir neue Töne aus Bonn, man wolle den "Interessen der Opfer näherkommen", hieß es jetzt wörtlich, und dazu seien "erste Lösungen angedacht worden". Sehr begrüßenswert. Allerdings sollte man schnell zuende denken, denn die meisten der noch lebenden Opfer sind bereits über 70 - oder ist der lange Denkprozeß etwa doch Kalkül?

Vertrösten bis zum Tod - Bonns zynischer Umgang mit Nazi-Opfern

Vertrösten bis zum Tod - Bonns zynischer Umgang mit Nazi-Opfern
Es gibt sie noch, Überlebende des Nazi-Regimes, die Opfer, die ein KZ oder ein Arbeitslager überstanden haben. Und genau das scheint für unsere Bundesregierung ein Ärgernis zu sein, denn das könnte jetzt teuer werden.

John Goetz und Volker Steinhoff über ein trauriges, eigentlich ein schäbiges Kapitel.

KOMMENTAR:

Letzte Woche in Bonn: Minister Bohl gibt sich erschüttert. Der Grund: Bisher keine Entschädigung für osteuropäische KZ-Überlebende wie Alexander Bergmann. Bohl will sofort eine Kommission einsetzen.

0-Ton

FRIEDRICH BOHL:

(Kanzleramtsminister)

"Ich glaube, das ist doch ein sehr zügiger Zeitplan und macht eben deutlich, daß wir sehr, sehr schnell zum Ergebnis kommen wollen."

KOMMENTAR:

Eine schnelle Reaktion? Für den Überlebenden Bergmann der blanke Zynismus.

Vor über vier Jahren brachte PANORAMA erstmals das schwere Schicksal der osteuropäischen KZ-Überlebenden an die Öffentlichkeit. Hirsch Savodnik aus Riga etwa hat nie einen Pfennig Entschädigung erhalten. Seine damalige lettische Rente von 30 Mark im Monat reichte nicht zum Nötigsten.

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ALEXANDER BERGMANN:

(Holocaust-Überlebender, 1993)

"Wenn die Regierung Deutschlands etwas für uns machen will, dann muß sie es schnell machen. Wir haben nicht viel Zeit, wir werden immer weniger, und der Jüngste von uns ist 65 Jahre alt."

KOMMENTAR:

Der PANORAMA-Beitrag fand damals ein großes Echo. Rita Süßmuth fuhr nach Riga und versprach, sich persönlich bei der Bundesregierung für eine Entschädigung einzusetzen.

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ALEXANDER BERGMANN:

"Sie sagte, es wird eine Stiftung gegründet, damit wir in Würde unsere letzten Jahre leben können."

INTERVIEWER:

"Was ist aus dem Versprechen von Frau Süßmuth geworden?"

ALEXANDER BERGMANN:

"Eigentlich nichts, eigentlich nichts. Sie war nicht die einzige, die das versprochen hat: Auch der ehemalige Präsident von Weizsäcker bei seinem Staatsbesuch in Lettland hat es versprochen, daraus wurde auch nichts."

KOMMENTAR:

Die Blockade kam aus dem Finanzministerium. Erste, absurde Begründung: "Es wäre auch vorrangig Aufgabe der früheren Sowjetunion gewesen", den Nazi-Opfern "einen Ausgleich zu gewähren". Also: Keine Entschädigung.

0-Ton

ALEXANDER BERGMANN:

(1994)

"Wir haben in den letzten zwei Monaten drei Mann verloren, sie sind gestorben. Drei Leute sind sehr alt und auch sehr krank, und jeder Tag, jeder Monat, den wir so vergeuden, das bedeutet, daß man wartet einfach, daß kein einziger von uns mehr am Leben ist, dann ist das Problem gelöst."

KOMMENTAR:

Damals besuchte Bergmann regelmäßig den KZ-Überlebenden Abraham Gerson. Weil er kein Geld für Medikamente hatte, verschlechterte sich Gersons Gesundheitszustand rapide. Er wurde blind, bekam Herzprobleme, schließlich starb er.

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ALEXANDER BERGMANN:

"Er hat mich sehr oft angerufen, und meistens war die Frage: Wie weit sind wir mit der Entschädigung. Es war nicht nur die Frage von seinem Überleben, sondern es war eine Frage, die er stellte, weil er wollte wissen, wie Deutschland sich zu uns sozusagen verhält."

KOMMENTAR:

Aus Deutschland derweil neue Versprechen. Der Bundestag beschließt sogar Leistungen für die Opfer, die, so wörtlich, "den individuellen Bedürfnissen nahekommen sollen". Doch das Finanzministerium blockiert wieder, jetzt mit einer neuen, noch zynischeren Begründung: Angesichts der geringen Zahl der Betroffenen seien damit zu hohe Verwaltungskosten verbunden.

Das Sterben der KZ-Überlebenden geht weiter. Jeden Monat muß der inzwischen 70jährige Alexander Bergmann jetzt zu einer neuen Beerdigung.

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ALEXANDER BERGMANN:

(1995)

"Wir sind heute noch 95 Mann, am Anfang waren wir mehr als 120."

KOMMENTAR:

In den Bundestag wird ein gemeinsamer Antrag von Regierungs- und Oppositionsparteien eingebracht. Das Finanzministerium hat schon wieder einen Einwand: Eine Entschädigung würde "andere Staaten ermuntern", mit ähnlichen Forderungen an uns heranzutreten, etwa "Griechenland".

1996. Jetzt stirbt auch noch Bergmanns Freund Lasar Javorkowski. Beide waren zusammen in drei verschiedenen Kzs. Noch 1993 hatte Javorkowski in einem PANORAMA-Interview um schnelle Entschädigung gebeten.

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LASAR JAVORKOWSKI:

(Holocaust-Überlebender, 1993)

"Wenn im Laufe eines halben Jahres zehn oder zwölf Menschen sterben, so ist das die Folge davon, daß sie nicht versorgt werden können, daß ihnen nicht die nötige Hilfe gewährt wird."

KOMMENTAR:

Auch Javorkowski hatte kein Geld, seine Krebskrankheit zu behandeln und so sein Leben etwas zu verlängern.

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ALEXANDER BERGMANN:

"Im Fall von Javorkowski, dort, wo man Leute vielleicht retten könnte, wenn man eine Entschädigung hätte, wenn man etwas mehr Geld hätte - das hat mich wirklich verbittert."

KOMMENTAR:

Aus Bonn keine neuen Versprechen mehr. Doch die Holocaust-Überlebenden gaben nicht auf:

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ALEXANDER BERGMANN:

"Wir haben jeden Monat eine Versammlung, und die Frage der Entschädigung stand auf jeder - auf jeder Versammlung wurde sie immer wieder gestellt, seit vielleicht '93, seit Sie zum ersten Mal zu uns kamen."

KOMMENTAR:

30. Januar. Ein neuer PANORAMA-Beitrag sorgt für Aufregung, denn: Während die lettischen Überlebenden immer noch nichts bekommen, erhalten ihre Peiniger von damals sogenannte "Opferrenten". Bonn zahlt nicht nur an lettische SS-Veteranen, sondern weltweit. Hunderte von Millionen Mark jedes Jahr an Kriegsverbrecher und Waffen-SSler.

Im Juni fährt Kohl nach Washington. Jetzt gibt es Druck. Inzwischen ist Clinton persönlich mit der Entschädigungsfrage befaßt. Kohls Leute verstehen die Botschaft, sie setzen die Konferenz in Bonn an. Letzte Woche in Bonn dann Harmonie mit den Amerikanern. Doch die angebliche Erschütterung findet seltsam dünne Worte.

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FRIEDRICH BOHL:

(Kanzleramtsminister)

"Es ist wahr und richtig, daß es hier eine ganz besondere Problematik gibt."

KOMMENTAR:

Besteht die "besondere Problematik" etwa darin, daß Leute wie Bergmann damals das KZ überlebt haben? Beschlossen wurde jetzt in Bonn lediglich eine Kommission. Bis die Entschädigung bezahlt wird, dauert es noch viele Monate - wenn sie überhaupt je kommt.

Von den 124 lettischen Holocaust-Überlebenden zur Zeit des ersten PANORAMA-Beitrags leben heute nur noch 83. Bergmanns Liste der noch Lebenden wird immer kürzer.

Abmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Die menschenverachtenden Begründungen, warum hier immer noch nicht gezahlt wird, wollte kein Mitglied der Bundesregierung vor der Kamera von sich geben - Interview abgelehnt.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 28.08.1997 | 21:00 Uhr