Der Fall Priebke

von Bericht: Kuno Haberbusch

JOACHIM WAGNER:

Der ehemalige SS-Offizier Erich Priebke © dpa - Fotoreport

Bereits 1946 hatte der ehemalige SS-Hauptsturmführer Erich Priebke gestanden, daß er bei einem Rache-Massaker der SS an 335 Menschen in Rom zwei der Opfer eigenständig erschossen habe. Trotzdem hat er gute Chancen, dafür ungestraft zu bleiben. Die Hauptschuld trifft dabei nicht das italienische Militärgericht, das ihn vor kurzem aus unverständlichen Gründen freigesprochen hat, sondern die Dortmunder "Zentralstelle zur Bekämpfung von NS-Verbrechen". Sie hat in der Vergangenheit so schlampig und fehlerhaft ermittelt, daß im Ergebnis Priebke mehr geschützt als verfolgt wurde. Zur deutschen Heuchelei im Fall Priebke Kuno Haberbusch.

KOMMENTAR:

Trauer, Wut, Empörung und Tumulte. Reaktionen vor einem römischen Gerichtssaal, heute genau vor drei Wochen. Im Gerichtssaal: der Triumph des Kriegsverbrechers Erich Priebke. Er ist mitschuldig an der Ermordung von 335 Geiseln. Dennoch ein Freispruch - wegen Verjährung. Aber jetzt fordert Deutschland seine Auslieferung. Denn auch hier wird gegen Erich Priebke ermittelt. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Dortmund verweigerte PANORAMA ein Interview. Der Vorgesetzte muß einspringen. Ein undankbarer Job, denn er muß jetzt einen der schwersten Ermittlungsskandale bei der Verfolgung von NS-Verbrechen eingestehen.

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HERMANN WEISSING:

(Generalstaatsanwaltschaft Hamm)

"Selbstverständlich ist das peinlich. Aber es darf auch nach meiner Auffassung nicht verborgen bleiben. Es ist ein verheerender Fehler begangen worden, und dazu muß man stehen."

KOMMENTAR:

Das Verbrechen geschah 1944, hier, in den Adreatinischen Höhlen von Rom. Es war Erich Priebke, der zwei Geiseln eigenhändig erschoß. 335 erschossene Geiseln als Vergeltung für 33 deutsche Soldaten, die kurz zuvor bei einem Partisanenüberfall umgebracht worden waren.

Nach dem Krieg gelang SS-Hauptsturmführer Priebke mit Hilfe des Vatikans die Flucht nach Argentinien. Dort meldete er sich - penibel korrekt - mit richtigem Namen und Daten bei der Deutschen Botschaft. Immer wieder ließ er hier seinen deutschen Paß verlängern und wurde damit aktenkundig. Offenbar wußte Priebke nicht, daß in Deutschland gegen ihn ermittelt wurde: wegen seiner Kriegsverbrechen. Aber die deutschen Staatsanwälte wollten ihn offenbar gar nicht sprechen.

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INTERVIEWER:

"Wäre es nicht sinnvoll, Herrn Priebke selbst dazu zu vernehmen?"

HERMANN WEISSING:

"Ich teile Ihre Auffassung."

INTERVIEWER:

"Aber man hat nichts unternommen, um ihn zu finden?"

HERMANN WEISSING:

"Richtig."

INTERVIEWER:

"Würden Sie das als Versäumnis ansehen?"

HERMANN WEISSING:

"Ja."

KOMMENTAR:

Wie brutal das Kriegsverbrechen war, dokumentierten italienische Richter. Zwar wurden einige der Mörder wegen eines angeblichen Befehlsnotstands freigesprochen, Priebkes Vorgesetzter aber, Herbert Kappler, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt - wegen Mordes. Das Urteil wurde nach Deutschland übersandt. Doch die deutschen Staatsanwälte waren auch offenbar daran nicht interessiert.

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HERMANN WEISSING:

"Es ist seinerzeit, das muß ich ganz offen sagen, ein eklatanter Fehler begangen worden. Man hat die Urteile gegen Kappler, den Vorgesetzten von Priebke, nicht übersetzen lassen."

KOMMENTAR:

Immer wieder trauern die Italiener am Ort des Verbrechens, seit fünfzig Jahren. Für sie ist es das größte Kriegsverbrechen, für die deutschen Staatsanwälte war es lediglich ein Totschlag, der verjährt sei. Deshalb stellten sie das Verfahren gegen Erich Priebke ein.

Hermann Weissing nennt die Erkenntnisse, die 1971 zur Einstellung des Verfahrens geführt haben:

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HERMANN WEISSING:

"Man hatte das Urteil aus Italien -"

INTERVIEWER:

"- das man nicht übersetzt hatte -"

HERMANN WEISSING:

"- das in der Tat nicht übersetzt worden ist - und das schien ausreichend zu sein."

INTERVIEWER:

"Ohne daß man den Inhalt kannte."

HERMANN WEISSING:

"Offensichtlich. Ich räume Ihnen noch mal ein: es war ein eklatanter und verheerender Fehler, der seinerzeit gemacht worden ist."

KOMMENTAR:

Und dank dieser Fehler lebte der Kriegsverbrecher mit deutschem Paß unbehelligt im argentinischen Beriloche, einer wunderschön gelegener Stadt. An die alte Heimat erinnern nicht nur gemütliche Kneipen und Fachwerkhäuser. Als Vorsitzender des argentinisch-deutschen Kulturvereins beantragte Priebke in Bonn Gelder für die deutsche Schule. Hunderttausende von Mark wurden von Deutschland gezahlt. Priebke ging immer wieder auf Reisen, besuchte alte Freunde - regelmäßig auch in Deutschland.

Vor zwei Jahren dann die Wende im Leben des Kriegsverbrechers. Es waren Journalisten des amerikanischen Senders ABC, die ihn aufstöberten. Der Film löste internationale Proteste aus.

Auch die Dortmunder Staatsanwälte wurden zum Handeln aufgefordert. Doch für die bestand keine Veranlassung, die Auslieferung von Erich Priebke zu verlangen, so ihr Fazit im Jahre '94.

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HERMANN WEISSING:

"Ja."

INTERVIEWER:

"Wie kommt man zu dieser Einschätzung?"

HERMANN WEISSING:

"Weil man zu dem Zeitpunkt, als der Vermerk niedergelegt worden war, die Übersetzung immer noch nicht kannte."

KOMMENTAR:

Fünfzig Jahre nach dem Verbrechen also noch immer keine Übersetzung der wichtigsten Dokumente. Irgendwann im letzten Jahr hatten die Staatsanwälte dann wohl endlich einen Übersetzer gefunden. Denn in Deutschland lag die Übersetzung der Akten vor. Und plötzlich entdeckte man das, was man fünfzig Jahre nicht entdecken wollte: Mordverdacht.

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HERMANN WEISSING:

"Aus diesen Urteilen ergibt sich auch für uns, daß die Tat durchgeführt worden ist. Und eine grausame Tötung ist Mord, infolgedessen wirft man Herrn Priebke jetzt zumindest Beihilfe zum Mord vor."

KOMMENTAR:

Und jetzt plötzlich geben sich die Bundesregierung und die deutsche Justiz als Nazijäger, verlangen Priebkes Auslieferung. Doch Bonn will jetzt nicht nur Priebke, sondern auch noch einen anderen vermeintlichen Kriegsverbrecher: Karl Hass. Der trat jetzt im Priebke-Prozeß völlig überraschend als Zeuge auf. Für die deutschen Staatsanwälte galt er bis jetzt als tot.

Heimlich gedrehte Aufnahmen von Karl Hass. Er war ebenso wie Priebke an der Geiselerschießung in Rom beteiligt. Das Verfahren gegen ihn wurde 1963 eingestellt. Die Begründung: Karl Hass ist tot. Hermann Weissing erklärt, wie es damals zum amtlichen Tod von Karl Hass kam:

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HERMANN WEISSING:

"Die geschiedene Ehefrau hatte einen entsprechenden Antrag beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg gestellt."

INTERVIEWER:

"Und dem wurde entsprochen?"

HERMANN WEISSING:

"Dem wurde entsprochen, ja."

KOMMENTAR:

Doch der angeblich tote Kriegsverbrecher war zu diesem Zeitpunkt - 1963 - quicklebendig. Er arbeitete unter richtigem Namen beim Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge als Angestellter in deren Büro in Rom.

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FRITZ KIRCHMEIER: (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge)

"Aus den Unterlagen, die ich gesehen habe, geht nicht hervor, daß er irgend etwas über seine Vergangenheit verschleiert hätte."

KOMMENTAR:

Brauchte er auch nicht, denn hier, in der Deutschen Botschaft in Rom, hat der angeblich Tote seinen deutschen Paß immer wieder verlängern lassen. Die deutschen Staatsanwälte wußten nicht, daß Karl Hass seit 1965 auch offiziell wieder lebendig wurde. Erst jetzt weiß man darüber Bescheid.

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INTERVIEWER:

"Und wie kam es dann, daß er plötzlich lebendig wurde '65?"

HERMANN WEISSING:

"Weil er sich selbst gemeldet hatte und irgendwelche Urkunden gebrauchte, um eine zweite Ehe schließen zu können."

INTERVIEWER:

"Und davon haben Sie nie etwas erfahren?"

HERMANN WEISSING:

"Davon haben wir nichts erfahren."

KOMMENTAR:

Und so war es auch Karl Hass möglich, unter richtigem Namen ein Leben als "unbescholtener Ehrenmann" zu führen - genauso wie Erich Priebke. Beide profitierten von deutschen Staatsanwälten, die offensichtlich erfolglos bleiben wollten.

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HERMANN WEISSING:

"Das muß ich einräumen."

INTERVIEWER:

"Da wußte doch die eine Behörde nichts von der anderen?"

HERMANN WEISSING:

"So ist es."

INTERVIEWER:

"Und gibt es da keine Gesetze, daß da etwas mehr Kommunikation stattfindet?"

HERMANN WEISSING:

"Die gibt es nicht, das ist nicht vorgeschrieben."

KOMMENTAR:

Nicht vorgeschrieben. Gut für Alt-Nazis und Kriegsverbrecher und ein neuer Höhepunkt in der deutschen Heuchelei bei der Verfolgung dieser Straftäter, die ungestört ganz alt werden durften, - ihre Opfer hatten diese Chance nicht.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 22.08.1996 | 21:00 Uhr