Kommentar

Stand: 10.08.19 11:00 Uhr

Nur für Deutsche

von Armin Ghassim

In der Schlange vor der Disko wird es langsam ernst. Möglichst braven Blick aufsetzen, vielleicht schon mal den Ausweis rausholen. Ein paar Minuten zuvor, zwanzig Meter um die Ecke haben wir uns aufgeteilt. Drei "Schwarzköpfe" zusammen? Das versuchen wir erst gar nicht. So gehen der Deutsch-Kurde Salman und der Deutsch-Afghane Edris vor. Ich bleibe mit dem Deutsch-Polen David zurück. Er ist blond, mit ihm würde ich höchstwahrscheinlich reinkommen, dieser Club ist schließlich nicht so streng.

Armin Ghassim

Panorama-Autor Armin Ghassim.

Ich habe iranische Wurzeln, mein Freundeskreis ist gemischt: Deutsche mit afghanischen, deutschen, kurdischen oder polnischen Wurzeln. Mit 29 Jahren besteht dieses Problem für uns genauso wie mit 16 Jahren, als ich zum ersten Mal in Clubs ging. Wenn ich mit meinen Freunden in Düsseldorf feiern gehen möchte, drängen sich einige Fragen auf: Wie ist das Verhältnis von Schwarzhaarigen und Blonden? Wo gibt es überhaupt eine realistische Chance für uns reinzukommen? Diese Fragen sind für uns eine Selbstverständlichkeit. Wenn beispielsweise vier dabei sind, die orientalische Wurzeln haben, werden bestimmte Clubs nur noch im Scherz vorgeschlagen.

Das Kanaken-Kontingent ist erschöpft

An diesem Abend vor wenigen Monaten läuft es zunächst gut. Unsere Taktik geht auf. Der Deutsch-Afghane und der Deutsch-Kurde kommen rein, David und ich ebenfalls. Diese Taktik, den dunkleren Teil der Gruppe zuerst gehen zu lassen, haben wir eingeführt, weil es auf Dauer teuer wurde, mehrfach Eintritte zu zahlen und wieder rauszugehen, weil der Rest der Gruppe nicht reinkam. Heute haben wir aber ein anderes Problem: Der Laden wird nicht voll. Gegen zwei Uhr entscheiden wir uns, es bei anderen Clubs zu probieren. Allerdings spricht jetzt die Uhrzeit gegen uns: Das Kanaken-Kontingent ist auch in den toleranteren Läden wohl schon erschöpft.

Wir schauen uns kurz um auf der Düsseldorfer Partymeile. Mittlerweile ist ein weiterer Freund nachgekommen, Dominik, ein Deutsch-Tscheche. Er ist nicht blond wie David, aber wenigstens weiß. Er sollte unsere Chancen erhöhen. Doch beim nächsten Club machen wir einen Fehler: David geht mit Eddi vor. Wir spielen unseren weißen Trumpf zu früh aus. Die beiden gehen einfach an den Türstehern vorbei. Ein paar Minuten später folgen Dominik, Salman und ich. Ein Weißer, zwei Schwarzköpfe. Dominik geht durch, er ist angetrunken und bemerkt die Türsteher nicht, er ist es nicht gewohnt, ihnen besondere Beachtung zu schenken. Doch hinter ihm streckt der Türsteher nun seinen Arm zur Seite aus und versperrt damit den Eingang. "Heute leider nicht." Salman und ich bleiben draußen.

Ihr seid keine Deutschen

Es geht um mehr als ein paar Abende Ärger am Clubeingang. Was bis dahin nur eine Ahnung war, wurde uns im Jugendalter spätestens hier an der Club-Tür ganz bewusst. Es wurde uns klargemacht: "Du gehörst nicht dazu." Jedes Wochenende, in jeder deutschen Stadt, bekommen junge Deutsche mit Migrationshintergrund das zu spüren.

Die Reaktion auf solche Erfahrungen wird in der Sozialpsychologie als Selbstkategorisierung bezeichnet. Je mehr eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit bewusstgemacht wird, desto mehr definiert man sich über diesen Teil seiner Identität. Auf Ausgrenzungserfahrungen folgt die eigene Abgrenzung: Ich bin kein Deutscher.

Lieber kriminell als ausgegrenzt

Die Forschung zur "Re-Ethnisierung" zeigt, dass ethnische Minderheiten sich besonders dann auf ihre Wurzeln zurückbesinnen, wenn sie sich und ihre soziale Gruppe als diskriminiert wahrnehmen. Und je geringer Menschen die Durchlässigkeit der sozialen Gruppenzugehörigkeiten wahrnehmen, desto wichtiger wird für sie die ethnische Identifikation. Man definiert sich anhand der sozialen, weniger der individuellen Identität. Und passt sich den typischen Verhaltensnormen seiner Gruppe an.

Eine Strategie ist dabei das Wechseln oder Umdrehen des Wertesystems, sodass die eigene Gruppe im Vergleich besser dasteht als die Vergleichsgruppe, die Deutschen. So orientieren sich junge Menschen, die ihre soziale Identität als stigmatisiert erleben, an anderen Wertesystemen. Dies können etwa kriminelle Freundeskreise bieten. Sie zeigen, dass man mit der Missachtung von Regeln materiell etwas erreichen und gleichzeitig der Gesellschaft den Mittelfinger zeigen kann. Im schlimmsten Fall fällt man auf diejenigen rein, die den Hass auf die Mehrheitsgesellschaft ganz offen predigen, unter dem Deckmantel der Religion etwa. In den Biografien der Täter von Paris, Brüssel oder dem Breitscheidplatz folgt das eine auf das andere. Erst die kriminelle Karriere, dann die Radikalisierung.

Ein Witz, den jeder versteht

Die sozialen Kategorien führen im Nachtleben deutscher Städte zu einer Form der Segregation, die sich selbst reguliert. Wir nichtweiße Deutsche versuchen es bei manchen Clubs erst gar nicht. Auf der anderen Seite gibt es Clubs, die vor allem Nichtweiße besuchen. Sie sind das Ergebnis von Selbst-Segregation und Alternativlosigkeit. Der deutsch-marokkanische Comedian Benaissa Lamroubal begrüßte sein größtenteils nichtweißes Publikum in einem nobleren Düsseldorfer Nachtlokal mit den Worten: "Hallo, guten Abend zusammen. Freut mich, dass ihr alle gekommen seid. Die meisten konnten den Laden ja noch nie von innen sehen." Applaus, Lachen, zustimmendes Nicken. Das verstanden alle.

Die Disko-Tür ist dabei nur ein Ort der Diskriminierung: Ich könnte beliebig weitermachen. Mit 15 Jahren sagte der Vater eines Gegenspielers beim Fußball zu meinem besten Freund, er solle zurück in den Kongo, wo er hingehöre. Mein Freund hat einen ghanaischen Vater und eine früh verstorbene deutsche Mutter. So aufgewühlt und aggressiv wie nach diesem Spiel hatte ich ihn noch nie erlebt. Bei einer "allgemeinen Verkehrskontrolle" fragte der Polizist mich und zwei Freunde nach unserer "Aufenthaltsgenehmigung", nachdem er unser muttersprachliches Deutsch bereits gehört hatte. Bei einer anderen wurde mir geraten, immer meine Papiere dabeizuhaben, gerade weil ich so "rassig" aussähe. Das vergangene Silvester haben wir in Holland gefeiert. Zwei Deutsch-Afghanen, ein Deutsch-Kurde, ein Deutsch-Pole und ich. "Da ist die Tür nicht so rassistisch", das war das entscheidende Argument.

Das Privileg, "echter" Deutscher zu sein

Identifiziere ich mich als Deutscher? Der Kopf ja, das Gefühl eher nein, obwohl ich in Deutschland geboren bin und bei weitem besser Deutsch als Persisch spreche. Wundert Sie das? Mich wundert es, dass es viele Biodeutsche wundert. Ich habe einfach nicht das Gefühl, als Deutscher gesehen zu werden. Und nicht das Gefühl, dass es erlaubt ist, sich nicht nur deutsch, sondern auch iranisch oder türkisch zu fühlen.

Ist Deutschland meine Heimat? Ja. Ich identifiziere mich vor allem mit Deutsch-Iranern, Deutsch-Afrikanern, Deutsch-Afghanen und den anderen nichtweißen Bindestrich-Identitäten, weil uns die Erfahrungen in Deutschland verbinden. Weiße deutsche Freunde und Kollegen finden es befremdlich, wenn ich die Bedeutung von sozialen Kategorien betone. Es ist ein weißes Privileg, das nicht zu tun. Unsere Kategorienzugehörigkeit wird uns jeden Tag bewusst gemacht, Weißen nicht. Weiße Deutsche repräsentieren nicht eine Gruppe, sondern sich als Individuum. Genau das ist das Privileg.

Der bekannteste Türsteher Deutschlands heißt Hakan, eine Figur des Comedians Kaya Yanar. Er steht auf der Bühne, im Publikum sitzen größtenteils Biodeutsche. Sie lachen bei seinem Erkennungssatz "Du kommst hier net rein". Haha, so ein Asi. Jedes Wochenende, in jeder deutschen Stadt bekommen junge Menschen das in verschiedenen Varianten am Club-Eingang zu hören. Sie sind nicht biodeutsch und sie lachen auch nicht.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 13.06.2019 | 21:45 Uhr