Stand: 10.07.18 16:47 Uhr

Der ewige Moslem

von Stefan Buchen

"Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?", "Beethoven oder Burka", oder auch etwas differenzierter: "Islam ausgrenzen, Muslime integrieren - kann das funktionieren?“. Das sind drei mehr oder weniger kreative Überschriften, unter denen in deutschen Talkshows in jüngster Zeit über ein als heiß empfundenes Thema diskutiert wurde. "Die Macht der Moschee", "Heiliger Krieg in Europa" und natürlich: "Deutschland schafft sich ab" sind drei Buchtitel, die sich mit demselben Thema befassen. Insgesamt geht die Zahl der Veröffentlichungen in die Tausende. Da fällt es naturgemäß schwer, sich immer neue Schlagzeilen auszudenken. Bei ehrlicher Betrachtung passen all diese Sendungen, Bücher, Aufsätze, Blogs und Reden unter eine einzige Überschrift: "Die muslimische Frage". Das Thema hat sich gesteigert zur deutschen und westlichen Obsession des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Der Hamburger Muslim Ehsan Safarzadeh. © NDR

"Gebärmaschine, Terrorist, Sozialschmarotzer"
Für viele Muslime gehören Anfeindungen zum Alltag: Sie haben das Gefühl, sich für das rechtfertigen zu müssen, was die Attentäter in Paris angerichtet haben.

Einwanderung bedrohe Sicherheit und Wohlstand

Die Grundaussagen all dieser Publikationen sind überschaubar und lassen sich recht schnell zusammenfassen: Die muslimische Einwanderung nach Deutschland und Europa bedroht Sicherheit und Wohlstand. Muslime fügen sich nicht in unseren Staat und unsere Gesellschaft ein. Sie nutzen unsere Sozialsysteme aus. Sie bringen ein Wertesystem mit, das zu dem unseren in Widerspruch steht, und bilden deshalb "Parallelgesellschaften". Sie vermehren sich schnell, weil sich die Aufgaben der muslimischen Frau auf das Gebären beschränken. Der Islam ist essentiell und von Beginn an mit Gewalt verknüpft. "Und wenn man das alles zu Ende denkt", dann wird klar, was das Ziel dieses muslimischen Verhaltens ist: die Errichtung eines "weltweiten Kalifats".

Natürlich halten die Verfechter dieser Thesen eine Handlungsanweisung bereit. Auf die Frage "Was tun?" haben sie kurze klare Antworten: Die muslimische Einwanderung nach Europa und Deutschland muss gestoppt werden, komplett. Unkontrolliert und illegal Eingewanderte - im Fokus steht das "Katastrophenjahr 2015" - müssen in möglichst großen Zahlen abgeschoben werden. Auf allen Ebenen der Politik, der Verwaltung und der Justiz muss den Muslimen klar gemacht werden, dass sie in Europa nicht willkommen sind.

Weite Verbreitung nationalistischer Positionen

Diese radikalen Ansichten sind in der deutschen Gesellschaft inzwischen weit verbreitet. Die "Alternative für Deutschland" und die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" sind die lautstarken Wortführer. Sie machen den Radau. Die AfD hat Landesparlamente und Bundestag zu Bühnen für die Auseinandersetzung mit der "muslimischen Frage" gemacht. Die extrem nationalistische Partei hat Erfolg. Den kann man - mehr als an steigenden Umfragewerten  - daran ablesen, dass alle anderen Parteien gewisse Ansichten und Forderungen der AfD übernehmen: von der CSU/CDU über FDP und SPD bis hin zu Grünen und Linken. Um den Aufstieg der nationalistischen AfD zu bremsen, machen sich die Etablierten ihrerseits nationalistische Positionen zu eigen, allen voran die regierenden Unionsparteien. 

"Kein Islam auf deutschem Boden" steht auf einem Plakat bei eine Nazi-Demo in Berlin. © imago

Nationalistische Positionen von Pegida und AfD werden gesellschaftsfähig - weil andere Parteien sie teilweise übernehmen.

Eine gewaltige Umstimmung findet statt in Deutschland. Die Muslimgegnerschaft ist der Motor. Den problematischen Teil der Einwanderer macht ja die große Gruppe der Muslime aus ("die Nachkommen der vietnamesischen Arbeiter aus DDR-Zeiten sind kein Problem"), wie Thilo Sarrazin doziert. Der pensionierte SPD-Politiker hat die Bewegung inspiriert wie kein Zweiter. In diesem Sommer will Sarrazin nachlegen mit einem neuen Buch: "Feindliche Übernahme - wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht." 

Inwiefern die nach Deutschland eingewanderten "Muslime" überhaupt ein soziales Kollektiv darstellen, ist eine berechtigte Frage. Viele Gründe sprechen dagegen. Aber darum geht es hier nicht. Ebenso wenig geht es an dieser Stelle um die Frage, welche Rolle "der Islam" spielt bei der Bildung gewaltbereiter "djihadistischer" Gruppen und ihren mörderischen Aktivitäten. Zu beiden Fragen gibt es eine Menge zum Teil gut recherchierter Publikationen.

Gemeinsamer Nenner: "Islamkritik"

Hier geht es darum, dass im gegenwärtigen Deutschland die "Islamkritik" im Begriff ist, zu einem kulturellen Code zu werden, auf den sich immer weitere Kreise des deutschen Groß- und Kleinbürgertums verständigen, also die berühmte Mitte der Gesellschaft. Wer sich von diesem Prozess ein Bild machen möchte, sollte einen Auftritt von Julia Klöckner in einer Talkshow über die "muslimische Frage" beobachten. Wenn das CDU-Präsidiumsmitglied die muslimische Männerdominanz erörtert, bekommt man eine Ahnung davon, wie eine konformistische Rebellion im Deutschland des frühen 21. Jahrhunderts aussehen könnte. Alternativ kann man sich unter das "besitzbürgerliche" Publikum einer Lesung von Thilo Sarrazin mischen. Oder Karten reservieren für die plumpe Theateradaptation des subtilen französischen Romans "Soumission" (Unterwerfung) im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Die geschmacklichen Variationen sind vielfältig, aber es wird stets derselbe "Nerv" getroffen. Und das Publikum häuft langsam, aber sicher, einen soliden Schatz islamkritischen Wissens an.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 17.09.2015 | 21:45 Uhr