Stand: 30.05.11 17:30 Uhr

Jubiläumsfeier: 50 Jahre Panorama"

von Julia Scheper

Am 4. Juni 1961 lief die allererste Ausgabe des Politikmagazins Panorama. Den 50. Geburtstag feierte die Redaktion am Freitag, 27. Mai, auf Einladung des NDR Intendanten und des Programmdirektors Das Erste mit vielen Gästen bei Hagenbeck in Hamburg. Es sei "die vornehmste Aufgabe eines Journalisten, Missstände aufzudecken", sagte NDR Intendant Lutz Marmor, Gastgeber des Abends, in seinem Grußwort. Diese Aufgabe macht sich Panorama seit 50 Jahren zu eigen - früher mit spektakulären Tabubrüchen, heute mit aufsehenerregenden Enthüllungen aus der Welt von Wirtschaft und Politik. Die Redaktion wurde daher enttäuscht bei ihrer 50-Jahr-Feier: Kritik hatte sie sich von ihren Glückwunschrednern gewünscht, doch das fiel sowohl dem Intendanten als auch dem zweiten Gastgeber Volker Herres schwer. Der Programmdirektor Das Erste, früher Programmdirektor NDR Fernsehen, versicherte, Panorama habe ihm nie eine einzige schlaflose Nacht bereitet. "Die Beiträge waren immer so gut recherchiert, dass man keine Angst haben musste, nasse Füße zu bekommen", so Herres.

Panorama feiert runden Geburtstag

Mehrere Urgesteine des Magazins waren zur Feier gekommen, daher kam zumindest die Frage auf, ob vielleicht "früher alles besser" gewesen sei. "Früher hatte Panorama noch echte Feinde, heute lädt man den "Feind" zur Jubiläumsfeier ein - und er kommt auch noch!" sagte Stefan Aust, der 14 Jahre bei Panorama war, scherzhaft. Denn der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber saß im Saal, ebenso Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz: "Ich habe zugesagt, weil ich einmal die Gelegenheit haben wollte, bei Panorama live und ungeschnitten zu sprechen", eröffnete Scholz seine Rede. Er sehe Politikmagazine naturgemäß anders, seit er selbst darin vorkomme – und wechselnde Sendezeiten von Panorama seien wohl dazu gedacht, Politikern Unannehmlichkeiten zu bereiten: "Wenn man nicht genau weiß, wann die Sendung läuft, kann man sie nicht gezielt umgehen!" Wichtig war dem Ersten Bürgermeister das Aufrechterhalten eines Diskurses zwischen Politik und Presse - beide Seiten dürften nicht an vorgefertigten Meinungen festhalten, sondern sollten "überzeugbar" bleiben.

War früher alles besser?

Anja Reschke und Edmund Stoiber beim Panorama-Jubiläum © Marco Maas/NDR

Ein friedlicher Diskurs zwischen Politik und Panorama? Edmund Stoiber wünschte sich im Gespräch mit Moderatorin Anja Reschke mehr von der Redaktion: ein Überdenken der unangekündigten "Überfallinterviews". "Was wollen Sie mit solchen Überfällen bezwecken? Sie wollen damit doch ein Thema einseitig darstellen. Meines Erachtens eine Unhöflichkeit, denn Sie gehen in eine andere Veranstaltung und stören diese Veranstaltung." Der derart "Überfallene" habe das Thema, zu dem er plötzlich befragt werde, nicht so schnell parat. Es gebe nur zwei Möglichkeiten für den Befragten: "In so einer Situation kannst du nur schlecht oder ganz schlecht ausschauen." Stoiber vertrat die Meinung, ein Politiker müsse eine Frage nicht beantworten, wenn er nicht wolle - was Anja Reschke als kritische Journalistin naturgemäß anders sah.

Auch auf die Antwort auf die Frage, ob "früher alles besser" war, konnten sich Anja Reschke und Edmund Stoiber nicht recht einigen - nur darauf, dass es früher anders war. Dies verdeutlichte auch Stefan Aust, der Anekdoten aus seiner Panorama-Zeit zum Besten gab. Die Einführung der Gruppenmoderation, bei der jeder Autor seinen Beitrag selbst ansagte - der Gedanke dahinter: "mehr Demokratie wagen". Sein Enthüllungsfilm über eine Geheimdienstaffäre, der in der Sendung plötzlich verschwunden war und nie wieder auftauchte. Eine Demonstration, organisiert von Ulrike Meinhof, gegen die Absetzung des Redaktionsleiters Joachim Fest zugunsten von Peter Merseburger.

Anja Reschke und Peter Merseburger beim Panorama-Jubiläum © Marco Maas/NDR

Und dann wurde Merseburger derjenige, der so oft wie wohl kein anderer die schützende Hand über die Redaktion hielt. Merseburger habe während der Abnahme der Beiträge immer aus dem Fenster geguckt, erzählte Stefan Aust. Darüber haben er und seine damaligen Kollegen sich wohl stets gewundert - nun konnte Peter Merseburger das Rätsel aufklären: Er habe ganz genau auf den Text hören müssen. Denn das Manuskript wurde den Gremien zur Zustimmung vorgelegt und der Redaktionsleiter wollte im Vorfeld schon jede Möglichkeit eines Protests aus Programmbeirat und Co. vermeiden. 

Bis in 50 Jahren!

Aufsehen erregten damals nicht in erster Linie Beiträge zur Politik, erinnerte sich Merseburger weiter. Es waren die Themen, die an der bestehenden Gesellschaftsordnung rührten: Feminismus, Abtreibung, antiautoritäre Erziehung. Tabuthemen, die es so heute nicht mehr gibt. Was es aber gibt, sind zahlreiche andere Politikmagazine, andere Fernsehprogramme - kurz, viel mehr Konkurrenz für ein Magazin, das in seinen ersten Jahrzehnten praktisch eine Monopolstellung innehatte. Panorama werde im politischen Berlin heute daher auch nicht mehr so stark wahrgenommen wie früher, sagte Joachim Wagner, ebenfalls ehemaliger Redaktionsleiter der Sendung.

Joachim Wagner und Anja Reschke beim Panorama-Jubiläum © Marco Maas/NDR

Doch hat Panorama deshalb an Bedeutung verloren? "Ohne unabhängigen kritischen Journalismus kann eine Demokratie nicht leben", betonte Lutz Marmor. Enthüllungen der jüngsten Zeit und der ungebrochene Erfolg von Panorama unterstreichen sicherlich die Bedeutung, die das Magazin nach wie vor hat. Und manches war früher tatsächlich schlechter: "Abschwenken einer Hauswand, Papier, O-Ton, Abschwenken einer Hauswand..." beschrieb Christoph Lütgert die Filme aus früheren Jahrzehnten. "Wir haben die Sinnlichkeit des Mediums nicht begriffen." Heute sei die Sendung doch deutlich ansehbarer und müsse sich nicht verstecken. Da klang die Verabschiedung von Anja Reschke doch gar nicht so abwegig: "Bis in 50 Jahren!"

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 26.05.2011 | 22:00 Uhr