Stand: 10.11.16 13:40 Uhr

Das Ende der bekannten Welt

von Andrej Reisin

Sexismus und Rassismus als Markenzeichen

Denn in Wirklichkeit sind die Interessen wohlhabender Schichten, die zum Beispiel niedrige Steuern wollen, und die Interessen alleinerziehender Mütter aus der Unterschicht nicht dieselben. Eltern, die ihre Kinder ab der 5. Klasse auf Gymnasien schicken wollen, verfolgen nicht das gleiche Ziel wie Stadtteilschulen für alle.

Eine "Schuldenbremse" mag zukünftige Generationen steuerlich entlasten, aber natürlich verhindert sie hier und heute Investitionen, von denen Arbeiter, Handwerker und Geringverdiener überproportional profitieren könnten. Wer daher behauptet, bestimmte Lösungen seien "alternativlos", verschleiert in Wirklichkeit seine eigenen politischen Entscheidungen mit ideologischen Floskeln. Und davon haben offenbar sehr viele Menschen die Nase voll.

Hillary Clinton und Donald Trump. (Bildmontage) © imago Fotograf: ZUMA Press

Lieber einen vulgären Mann als eine Frau - auch so muss man das Wahlergebnis in den USA lesen.

Es gibt aber auch noch eine andere, bedrückendere Wahrheit hinter dem Trump-Sieg: Offenbar war es vielen seiner Wählern nicht nur egal, dass Ihr Kandidat mit auf Sexismus, Rassismus und die permanente Beleidigung seiner Gegner setzte, es scheint geradezu ein Motiv gewesen zu sein, ihn zu wählen. Natürlich hat das Scheitern von Hillary Clinton neben allem anderen auch damit zu tun, dass sie als Frau aufgrund ihres Geschlechts einen bislang ungekannten Hass auf sich zog. "Lock her up" ("Sperrt sie ein") und "Crooked Hillary" ("Betrügerische Hillary") waren leider noch die vergleichsweise harmlose Schlachtrufe, das Ausmaß an Frauenfeindlichkeit auf T-Shirts und Postern der Trump-Rallyes war ekelerregend. Auf Wahlkampfveranstaltungenkonnte man Shirts kaufen mit der Aufschrift: "Trump that bitch" oder: "Hillary sucks but not like Monica." Das Signal Trump heißt auch: Lieber einen vulgären, unberechenbaren Mann als eine Frau - unter allen Umständen.

Die Kluft ist größer geworden

Skyline des New Yorker Stadtteils Manhattan mit Freiheitsstatue. © picture-alliance / Bildagentur Huber

Der Sieg Trumps ist auch eine Kampfansage an das großstädtische Milieu, gegen alles bunte, offene, queere und fortschrittsgläubige.

Die Kluft in Amerika zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Liberalen und Konservativen, zwischen Stadt und Land ist alles andere als kleiner geworden. Egal, ob in Kalifornien, Texas oder Pennsylvania: Nahezu überall hat Clinton die Großstädte haushoch gewonnen. Im High-Tech Standort San Francisco hat Donald Trump keine zehn(!) Prozent. Diese Entwicklung gibt es in Europa: Nirgendwo war die Ablehnung des Brexit so groß wie in London - nirgendwo sind die Wahlergebnisse der AfD schlechter als in jenen "Multikulti"-Stadtteilen der Großstädte, deren Wahlbevölkerung ja vermeintlich am meisten unter Einwanderern und Muslimen leiden müssten. "Wie sollen schwarze und muslimische Amerikaner dieses Wahlergebnis ihren Kindern erklären?", fragte letzte Nacht ein sichtlich konsternierter Analyst auf CNN.

Feindbild Fortschrittsgläubige

In diesem Sinne meint der Wahlsieg Donald Trumps durchaus "uns": Uns liberale Medien, uns Großstadtbewohner, uns Fortschrittsgläubige, uns Feministen, uns Homosexuelle, uns politisch Korrekte, uns Gutmenschen mit Migrationshintergrund, uns aufrechte Demokraten, so lange das Wahlergebnis irgendwo zwischen Merkel-CDU und Linkspartei pendelt. Es droht nichts weniger als eine geschlossene Front von rechtspopulistischen Autokraten, die von Trump über Le Pen bis Orban, Putin und Erdogan reichen könnte. Wie es dann langfristig um Freiheits- und Minderheitenrechte, um Emanzipation und Aufklärung bestellt ist, darüber muss man sich keine Illusionen machen.

"Das Eintreten des Unvorhergesehenen"

In "Verschwörung gegen Amerika" beschreibt Philip Roth einen fiktiven Wahlsieg des berühmten Fliegerhelden Charles Lindbergh. In Roths Roman gewinnt der mit Faschismus und Antisemitismus sympathisierende Lindbergh 1940 gegen Franklin D. Roosevelt - woraufhin die Geschichte des Zweiten Weltkriegs einen gänzlich anderen Verlauf nimmt als tatsächlich.

"Lindberghs Wahl", so schreibt Roth, "hatte mir unmissverständlich klargemacht, dass es immer nur um das Eintreten des Unvorhergesehen ging. Im Rückblick betrachtet, war das schonungslose Unvorhergesehene das, was wir Kinder in der Schule als 'Geschichte' lernten, harmlose Geschichte, wo alles Unerwartete zu seiner Zeit als unvermeidlich verzeichnet wird. Den Schrecken des Unvorhergesehenen lässt die Geschichtswissenschaft verschwinden, indem sie eine Katastrophe zu einem Epos macht." Welches Epos die Geschichtswissenschaft einstmals über den Schrecken des unvorhergesehenen Sieges von Donald Trump schreiben wird, bleibt abzuwarten.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 13.10.2016 | 21:45 Uhr