Stimmungstief im Osten: Was sagt die DDR-Wirtschaftselite?

von Ben Bolz

Berlin - Prenzlauer Berg. In den Büroräumen der Publizistin Katrin Rohnstock trifft sich regelmäßig die ehemalige Wirtschaftselite der DDR. Professoren und Chefs der einstigen "Volkseigenen Betriebe", der "Kombinate" - riesige Unternehmen vergleichbar mit den Großkonzernen im Westen. Das Schwermaschinenbauunternehmen SKET, das Fernsehwerk RFT oder VEB Kosmetik. Man tauscht sich aus, erzählt von damals und diskutiert die schlechte Stimmung in den ostdeutschen Bundesländern heute. Und immer wieder taucht auch die Frage auf: Was hat die DDR damit zu tun? Ein Land, das den Anspruch hatte, so ganz anders zu sein, als der Westen.

Ehemalige DDR-Generaldirektoren © NDR Foto: Screenshot

Stimmungstief im Osten: Was sagt die DDR-Wirtschaftselite?
Um die Ostdeutschen heute zu verstehen, müsse man die DDR verstehen, sagen ehemalige Wirtschaftsbosse aus dem Osten. Panorama hat mit ihnen gesprochen.

"Überzeugt, dass wir in der DDR eine bessere Gesellschaft machen"

Eckhard Netzmann © NDR Foto: Screenshot

Eckhard Netzmann war Generaldirektor des Schwermaschinenbaukombinats "Ernst Thälmann".

Wer verstehen will, was heute in den ostdeutschen Bundesländern passiert, der muss die DDR verstehen, sagt Eckhard Netzmann, u.a. ehemaliger Generaldirektor des Schwermaschinenbaukombinats "Ernst Thälmann", SKET. Es war mit 30.000 Mitarbeitern eines der größten Unternehmen der DDR, in dem Netzmann schon im Alter von 20 Jahren Karriere machte. "In den 50er Jahren war ich fest davon überzeugt, dass wir in der DDR eine bessere Gesellschaft machen, dass nie wieder Faschismus kommt, dass wir Ausbeutung vermeiden wollen", sagt er. Netzmann war damals überzeugter Sozialist. Er glaubte an die Vision eines anderen Miteinanders, getragen vom sogenannten "sozialistischen Menschen" - einem besseren, anderen Menschen als im Kapitalismus. "Wir wollten einen Menschen haben, der mit Freude zur Arbeit geht, weil er weiß, dass die Arbeit die Werte schafft. Und wir glaubten, dass der von Ausbeutung befreite Mensch ein ganz anderer ist. Ja - wir haben uns in all den Dingen bemüht, aber vielleicht nicht mit ausreichendem Erfolg."

Christa Bertag © NDR Foto: Screenshot

Für Christa Bertag, fünf Jahre Chefin des Kosmetik Kombinats Berlin, kam mit der Wende auch die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt.

Man habe zu wenig berücksichtigt, dass jeder Mensch auch individuelle Bedürfnisse habe, sagt Christa Bertag. Von 1985 bis 1990 war sie Chefin des VEB Kosmetik Kombinats Berlin. Und doch sei das Leben im Alltag für viele leichter gewesen als im Kapitalismus. "Jeder DDR-Bürger war es gewohnt, dass er von der Wiege bis zur Bahre begleitet wurde. Alles war geregelt. Man hatte Sicherheit und musste nicht um seinen Arbeitsplatz fürchten", erzählt Bertag. Dann kam die Wende, die Wiedervereinigung. "Ich glaube, dass insbesondere der älteren Generation der ehemaligen DDR gerade das sehr schwer gefallen ist, sich plötzlich behaupten zu müssen. Also in Konkurrenz zu treten mit anderen."

Ausländer im DDR-Alltag unsichtbar

Und noch etwas war anders in der DDR. Es gab so gut wie keine Ausländer, sagt die 76 Jährige. "Es war erst mal begrenzt. Also die Anzahl bezogen auf die Gesamtmenge. Und dann war es politisch auch gar nicht so gewollt, dass man zu eng zu einander kam." Und Eckhard Netzmann erinnert sich: "Wenn ich überlege, dass die russischen Soldaten tief abgeschirmt in ihren Kasernen waren und im Stadtbild gar keine Rolle spielten. Und die Ausländer, die wir hatten - Gastarbeiter aus Mosambique, Vietnam Kuba - die wurden gedrillt zusammenzubleiben."

Uwe Trostel © NDR Foto: Screenshot

Ausländer in der DDR? Dienten fast nur der Produktion, sagt Uwe Trostel.

Uwe Trostel war zuletzt Mitglied der Plankommission der DDR, also des zentralen Gremiums, das die Ziele für die Planwirtschaft vorgab. Hört man dem 75-jährigen zu, bekommt man den Eindruck, dass Ausländer in erster Linie ein Mittel zur Erreichung des Planziels waren. Etwa die Vertragsarbeiter aus Vietnam. "Es gab Konflikte, wenn die Vietnamesen die Norm weit übererfüllten. Dann sagten die Deutschen "Macht mal nicht so schnell!'. Aber sonst haben die ganz friedlich miteinander gelebt."

Im Alltag waren die Ausländer weitestgehend unsichtbar, so Trostel. "Die Mehrheit der DDR Bürger ist nie mit Ausländern direkt oder indirekt in Berührung gekommen." Letztlich sei es ein Sozialismus nur für Deutsche gewesen, so Eckhard Netzmann. "Was will ich einer Hausfrau vorwerfen, wenn sie sich jetzt in der S-Bahn rübersetzt, wenn sich ein Schwarzer neben sie setzt. Wir haben da ein unkorrigierbares Handicap und so eine Distanz. Manche werden mir nicht zustimmen, ich sehe das aber so."

Fehlende Anerkennung nach der Wende

Denn mit der Einheit und den offenen Grenzen kamen auch Ausländer. Das Leben in der DDR wiederum war vorbei. Die Errungenschaften des Sozialismus - etwa eine gute Gesundheitsversorgung, Jobs für Frauen und Kitas für alle - sie fanden wenig Beachtung. Christa Bertag sagt: "Diese Erniedrigung, diese Verachtung, dieses Nichtanerkennen gewisser Fortschritte - das war schon sehr bitter, ja." Uwe Trostel ergänzt: "Teilweise bis heute erzählt man uns ja, dass wir nichts hingekriegt haben, dass wir Mangelwirtschaft hatten. Manche sagen ja, wir haben umsonst gelebt. Es war sinnlos, dass wir überhaupt gelebt haben."

Und was ist aus dem sogenannten "sozialistischen" Menschen geworden? Die DDR-Bürger hätten versucht, sich den Werten der Westdeutschen anzupassen, so Trostel. Vielen sei das auch gelungen, aber manch anderem eben nicht. "Und der ist faktisch auf dem Niveau DDR stehen geblieben und merkt, er passt ja gar nicht in die heutige Gesellschaft. Und er macht sich nun so seine Gedanken, warum er so ist und sucht Auswege und findet die zum Beispiel auch in der AfD."

Wer die Ostdeutschen verstehen will, der muss die DDR verstehen. In den dreißig Jahren seit der Wiedervereinigung haben das offenbar nur wenige wirklich versucht, sagt Eckhard Netzmann. "Ich hatte das Riesenglück, dass ich sofort nach der Wende in ein paar gesamtdeutschen Gremien war - und da kam das Wort immer: 'Herr Netzmann, wie ist denn die Befindlichkeit im Osten?' Ich weiß, dass ich das immer mit einem Lächeln aufgenommen habe, als wenn ich gestreichelt wurde." Nach zwei Jahren habe dann niemand mehr gefragt, erzählt er. "Jetzt kommt es auf einmal wieder. 'Wie ist denn Ihre Befindlichkeit, wie ist denn die Befindlichkeit der Ossis?' Ich wunder mich ein bisschen."

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Das Erste | Panorama | 07.03.2019 | 21:45 Uhr