Stand: 05.08.19 17:00 Uhr

Fragen und Antworten zum Beitrag "Klima kippt - Kreuzfahrt boomt"

von Stefan Buchen

Zu dem Beitrag "Klima kippt - Kreuzfahrt boomt" haben wir so viele Zuschriften erhalten, dass wir nicht auf jede einzelne eingehen können. Zuschauer haben Kritik aus sehr unterschiedlicher Perspektive geäußert. Wir möchten die am häufigsten vorgebrachten Punkte aufgreifen und in Form einer generellen Stellungnahme antworten.

Ein Schiff an einer Seebrücke © NDR Foto: Helmut Kuzina aus Wismar

Klima kippt - Kreuzfahrt boomt
Flanieren zwischen Arktis und Antarktis - warum das Kreuzfahrtschiff der Fetisch des zeitgenössischen Vergnügungs- und Reisekonsumenten ist.

Viele Zuschauer wünschen sich "ein Verbot" von Kreuzfahrtschiffen. Es war nicht unser Anliegen, "ein Verbot" zu fordern. Wir wollten eher anregen zum Nachdenken über die Frage, inwiefern das moderne Reiseverhalten mit der Belastbarkeit von Umwelt und Atmosphäre vereinbar ist. Was wäre zum Beispiel, wenn immer mehr Bürger in immer mehr Ländern auf Kreuzfahrt gehen? Wir wollten darauf hinweisen, dass die Expansion der Kreuzfahrt - sowohl bei den Passagierzahlen als auch bei der Erschließung immer neuer Routen, etwa in den Polarregionen - mit dem Ziel des Klimaschutzes nicht vereinbar ist. Die Kreuzfahrtindustrie strebt jedoch eine fortlaufende Expansion an. Hier war es unsere Absicht, auf den Zielkonflikt hinzuweisen. Einige Zuschauer haben uns einen Mangel an Selbstkritik vorgeworfen, weil wir als "Panorama" Teil des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks seien, aber nicht erwähnt hätten, dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten selbst die Reize der Kreuzfahrt in Serien wie "Traumschiff" und "Verrückt nach Meer" positiv darstellen würden. Gerade weil es viel die Kreuzfahrt bejahendes Programm im Fernsehen gibt, haben wir es für umso dringlicher gehalten, auch einmal eine andere Seite des Themas zu zeigen. Der Binnenpluralismus gehört zum Programmauftrag der ARD.

Viele Zuschauer haben auch bemängelt, dass wir die Kreuzfahrt und ihre Auswirkungen auf Umwelt und Klima zu negativ und und zu undifferenziert dargestellt hätten. Wir hätten die Kreuzfahrt herausgegriffen und dabei andere Industriezweige wie die Luftfahrt oder die Containerschifffahrt vernachlässigt. Hierzu ist zu sagen, dass wir nicht die Absicht hatten, alle Auswirkungen der Kreuzfahrtindustrie auf Umwelt und Klima bis ins kleinste Detail nachzuzeichnen. Das haben in der ARD etwa kritische Dokumentationen des Autoren Andreas Orth besser geleistet. Wir wollten viel mehr die These in den Raum stellen, dass ein Mehr an Kreuzfahrten sich kaum mit dem Ziel vereinbaren lässt, den ökologischen Fußabdruck der Menschen zu verkleinern und die Erderwärmung zu begrenzen. Mit einer zehntägigen Kreuzfahrt ist das Kohlenstoff-Jahresbudget eines Menschen ja schon aufgebraucht. Die Kreuzfahrt steht aus unserer Sicht also sinnbildlich dafür, dass wir über unsere Verhältnisse leben. Es ist aus unserer Sicht deshalb ein gutes Beispiel für die Gesamtthematik, weil es in der Realität immer mehr Menschen tun. In dem Beitrag haben wir erwähnt, dass Fliegen noch schädlicher ist als Kreuzfahren. Über den Klimaschaden, den andere Industrien verursachen, haben wir in früheren Sendungen berichtet, etwa über den Straßenverkehr:

Der Abgas eines Autos. © NDR

Abgasbetrug: Das Märchen vom Klimaweltmeister
Bei der Bekämpfung des Klimawandels wird die deutsche Autoindustrie kaum in die Pflicht genommen. Tatsächlich stoßen Autos weiter viel mehr CO2 aus, als auf dem Papier steht.

über das Fliegen, die Zementbranche, die Braunkohleverstromung und noch mal den Straßenverkehr:

Dunkler Rauch steigt aus Schornsteinen einer Industrieanlage. © Fotolia.com Foto: Rico K.

Klimarettung: Auf dem Papier ist Deutschland weit vorn
Die Welt ist auf dem Weg zu einer Erwärmung um mindestens drei Grad Celsius. Und Deutschland? Verhält sich wie ein riesiges VW-Werk: Hauptsache, die Werte stimmen auf dem Papier.

Die Containerschifffahrt wird von vielen Zuschauern nach unserer Meinung zurecht als Quelle von Verschmutzung und Treibhausgasen angeführt. Sicher kann man generell auf die Containerschifffahrt schwerer verzichten als auf Kreuzfahrten. Aber dennoch muss man fragen, ob der Transport argentinischer Äpfel nach Deutschland ökologisch sinnvoll ist. Außer Äpfeln und Birnen aus Südamerika gibt es viele weitere Beispiele. Auch die Frage, ob die Containerschifffahrt ausgeweitet werden sollte, haben wir bereits aufgeworfen, etwa anhand kritischer Berichterstattung über die Elbvertiefung:

Containerschiff auf der Elbe © fotolia.com Foto: Kara

Elbvertiefung: Irrsinn mit Riesen-Pötten
Ökonomen der OECD warnen vor den "Megafrachtern" und raten Häfen zu Kooperation statt Konkurrenz. Doch trotz neuer Auflagen hält der Hamburger Senat an der Elbvertiefung fest.

Generell gilt aber nach unserer Auffassung: die Tatsache, dass es andere klimaschädliche Aktivitäten wie zum Beispiel die Containerschifffahrt gibt, bedeutet nicht, dass man etwa Kreuzfahrten nicht so kritisch zu beurteilen braucht. Solche Argumente vom "Schwarzen Peter" führen unserer Ansicht nach nicht weiter.

Einige Zuschauer haben sich einen exakten Vergleich des CO2-Verbrauchs einer Kreuzfahrt mit anderen Urlaubsformen gewünscht. Exakte Vergleiche sind hier sehr schwierig. Denn sehr viele Faktoren wären dabei zu berücksichtigen: Kreuzfahrten können unterschiedlich lange dauern, Flugreisen sind unterschiedlich weit, Reisen mit dem Auto ebenso. Verschiedene Autos verbrauchen unterschiedlich viel Kraftstoff. Die Art des Wohnens am Urlaubsort kann sehr unterschiedlich sein etc. etc. Generell ist, wie im Beitrag gesagt, Fliegen klimaschädlicher als Kreuzfahren. Wenn man eine Kreuzfahrt mit einer Anreise per Flugzeug kombiniert, dann ist es besonders klimaschädlich. Wichtig ist es uns zu betonen, dass wir weder den Urlaubsspaß verderben, noch den Urlaubern ein schlechtes Gewissen einreden wollten, wie uns von einigen vorgeworfen wurde. Wir wollten zum Nachdenken über das Reiseverhalten in Zeiten des Klimawandels anregen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 01.08.2019 | 21:45 Uhr