Hamburger Todespiloten - Neue Spuren, neue Namen

von Bericht: Thomas Berndt, Stefan Buchen, Christoph Mestmacher
Rauch- und Staubwolke über dem World Trade Center nach den Anschlägen vom 11. September. © dpa

Rauch- und Staubwolke über dem World Trade Center nach den Anschlägen vom 11. September.

Für einen kurzen Augenblick hielt die Welt den Atem an. Es war der Moment, als zwei Maschinen in das World Trade Center rasten. Vier Monate später ist dieser Tag relativ genau rekonstruiert. Wir kennen die Schicksale vieler Opfer. Wir haben seither viel gelernt über islamistische Staaten, und wir kennen die Todespiloten, zumindest deren Identität. Aber wir wissen wenig darüber, wie diese Menschen zu Allahs radikalen Vollstreckern wurden. Zum Beispiel Ziad Jarrah, der dritte Pilot, der bei Pennsylvania abstürzte. Auf den Fotos eigentlich ein Sunnyboy, ein Mädchenschwarm, der auch mal in Diskos ging oder Alkohol trank. Westlich erzogen, kein Bilderbuch-Märtyrer. Kam Ziad Jarrah schon als Terrorist nach Deutschland, oder wurde er erst hier erweckt?

Greifswald, die Feldstraße, wo im dritten Stock im Spätsommer 1997 ein smarter, weltoffener Libanese wohnte. So kannten ihn dort die meisten. Ziad Jarrah, einer der Attentäter vom 11. September. Doch er gibt Fahndern bis heute Rätsel auf. Jarrah lebte gern und gut. Allahs lachender Todesengel verfehlte als einziger sein Ziel. Er bohrte die entführte Boeing in ein Waldstück bei Pennsylvania. Ein Top-Terrorist aus Greifswald?

Elke Gratz, Jarrahs Deutschlehrerin: "Ich hätte es mir nie vorstellen können. Als ich den Namen zum ersten Mal hörte, hab ich gedacht: Ziad Jarrah - kann nicht sein, Jarrah ist ein häufiger Name. Unvorstellbar."

Gudrun Schimpfky, Studienkolleg Greifswald: "Das finde ich heute immer noch unbegreiflich, dass es so gekommen ist. Und für mich steht auch die Frage ja: Wo ist in seinem Inneren irgendetwas zerbrochen, wo ist die ganze Sache gekippt?"

Jarrahs Wohnung in der Feldstraße 3. Für Fahnder eine spannende Adresse. Ist der scheinbar lebenslustige Libanese schon 1997 hier in Greifswald als Gotteskrieger rekrutiert worden? Zeugenaussagen aus der damaligen Wohngemeinschaft stützen diesen Verdacht. Mit Jarrah und dessen Freundin Aysel lebte auch Grit in der Feldstraße. Mit ihm, Ziad Jarrah, so erklärt später dem BKA in ihrer Zeugenaussage, stritt sich seine Freundin Aysel. Der Grund: unterschiedliche religiöse Auffassungen. Das Paar habe sich zeitweise sogar getrennt. Ein anderer Zeuge wurde noch deutlicher: Jarrah, so sagte er aus, habe erschreckend fanatische Ansichten vertreten.

Wurde Ziad Jarrah schon im beschaulichen Greifswald zum potentiellen Massenmörder? Um diese Frage zu klären, tauchen jetzt immer wieder Fahnder in der Hansestadt auf. Ausgerechnet dort wurde Jarrah rekrutiert, wo es nur ein islamisches Zentrum gibt? An dem allerdings kommt kein Moslem vorbei. Und auch an ihm nicht: Abd ar-Rahman al-Makadi, die Stimme Allahs in Greifswald. Er gibt dort die Regeln vor. Ganz fürsorglich widmet er sich seiner Gemeinde, kennt jeden. Auch Ziad Jarrah, den Todespiloten, holte er in seine Moschee, forderte ihn zum regelmäßigen Gebet auf.

Abd ar-Rahman al-Makadi, Islamische Studentengemeinde Greifswald: "Ziad Jarrah hatte keine nahen oder engen Freunde gehabt. Und dadurch habe ich auch versucht, selbst mit ihm irgendwie Kontakt aufzunehmen, und versucht immer ihn zu ziehen, zu kommen zur Moschee, zum Beten."

Doch Makadis Fürsorge ist umfassender. Völlige soziale Kontrolle, wie ein Diktator habe er die Moschee geführt, so klagen Mitglieder seiner Gemeinde. Jedenfalls Frauen haben es hier nicht immer leicht. Für sie gelten in Greifswald die Regeln des Orients. Selbst in der Universität, verantwortlich für die Moschee, hört man die Klagen über das harsche Regiment des Jemeniten. Ein Fall ist gar zum offiziellen Vorgang geworden.

Carl Heinz Jacob, Kanzler Universität Greifswald: "Die Probleme sahen so aus, dass versucht worden ist, zumindest eine islamische Studentin, die unverschleiert und ohne Kopftuch hier studiert hat, dazu zu bewegen, doch wenigstens ein Kopftuch zu tragen."

Nicht das einzige Opfer.

Opfer (Stimme verfremdet): "Ich habe allein in einer Wohnung gelebt und hatte meine Freiheiten. Ich habe mich angezogen, wie ich wollte. Das hat Herrn Makadi gestört. Er wollte, dass ich ein Kopftuch oder einen Schleier trage. Sogar von meinem deutschen Freund sollte ich mich trennen. Ich war empört und schockiert, weil er sich in mein Privatleben einmischen wollte."

Doch Makadi mimt das Unschuldslamm, gibt ganz den liberalen Moslem, jedenfalls vor unserer Kamera.

Abd ar-Rahman al-Makadi: "Ich hab mit denen nie darüber gesprochen, also ihr müsst verschleiert sein oder mit Kopftuch laufen oder so was, das hab ich nie mit denen gesprochen, überhaupt nicht. Weil ich bin der Meinung, dass jeder muss das alleine wissen, ob die Frau jetzt oder die junge Dame Kopftuch oder sich verschleiert oder was weiß ich - das ist ihr Problem und nicht mein Problem."

Opfer (Stimme verfremdet): "Die Leute hier haben Respekt, nein, Angst vor ihm. Herr Makadi möchte hier die islamische Gemeinde unter Kontrolle haben und isolieren. Aber wir sind hier in Deutschland, und er muss sich an die Regeln halten und die Demokratie."

Die religiöse Autorität Makadi studiert quasi nebenberuflich Zahnmedizin, mittlerweile im 23. Semester. Doch der Jemenit gibt weitere Rätsel auf, denn seine religiösen Kontakte beschränken sich nicht nur auf Greifswald. Das erfuhren die Fahnder eher zufällig. Der Grund: eine Telefonrechnung von über 2.600 Mark, lange unbezahlt. Herr Makadi und seine Glaubensbrüder telefonierten viel - nach Syrien, in den Sudan, Länder, in denen islamische Terroristen zu Hause sind.

Abd ar-Rahman al-Makadi: "Es gab Telefone durch Gespräche, die 10 Minuten, 15 Minuten nach Türkei, nach Jemen, nach Syrien, nach Sudan. Ich hab das für unseren Gebetsraum benutzt, also wenn ich jetzt was wo anrufe, also Fragen oder so was habe."

"Also bei anderen religiösen Gemeinden?"

Abd ar-Rahman al-Makadi: "So kann man sagen, genau, genau."

Und auch in Hamburg knüpft der umtriebige Makadi Kontakte. Er ist bekannt in der arabischen Szene. Zum Gebet kam er auch in die Al-Kuds Moschee, wo gerne Hass auf Amerika gepredigt wird. Genau wie die Hamburger Todespiloten, ihre Hintermänner und Helfer. Alle trafen sich in der Al-Kuds Moschee. Zum Beispiel Mohamed Haydar Z. Der mutmaßliche Helfer der Terroristen gilt Fahndern als Reiseagentur für Trips nach Afghanistan. Kein Unbekannter für Makadi.

Abd ar-Rahman al-Makadi: "Das ist der Zammar. Und mit seinem Bart hier."

"Kanntest du ihn denn schon vorher?"

Abd ar-Rahman al-Makadi: "Vom Sehen her, vom Sehen. Also dies Gesicht, wenn man jetzt einmal sieht, vergisst man nicht schnell."

Und auch ihn hat er nicht vergessen. Plötzlich, Ende 1997, verzichtet Jarrah auf ein begehrtes Zahnmedizinstudium. Überraschend zieht er nach Hamburg. Dort fängt er an Flugzeugbau zu studieren, trifft die anderen Todespiloten. Hat Makadi seinen Weg nach Hamburg geebnet? Von Jarrahs Todesflug jedenfalls will er erst übers Autoradio erfahren haben.

Abd ar-Rahman al-Makadi: "Was! Ziad? Kann nicht wahr sein. Also ich konnte nicht mehr fahren. Echt, muss ich ehrlich sagen. Ich war am Autobahn, ich konnte nicht mehr fahren. Im Kopf gestoßen, also musste ich gleich parken. Überhaupt nicht im Parkplatz, sondern auf die Seite von Autobahn. Es war für mich ein Schock."

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 10.01.2002 | 20:15 Uhr