Gequält und getötet - Mordvideos im Internet

von Bericht: Christine Adelhardt, Ilka Brecht
Hand greift nach PC-Maus © picture-alliance/ dpa Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Snuff - das ist Englisch und bedeutet auslöschen - eine Kerze zum Beispiel. Aber auch: jemanden auslöschen, also ihn umbringen. Snuff-Videos sind Filme, in denen Menschen getötet werden, reale, brutale Mordszenen. Die gibt es, und zwar nicht zu wenig.

Zu sehen sind diese Mord-Videos im Internet, in sogenannten Tauschbörsen, auf denen viele, vor allem Jugendliche, surfen, eigentlich, um sich Musik oder Videospiele zu laden. Aber ein Mausklick weiter - zufällig oder gezielt - und sie sehen echte Morde. Die Betreiber dieser Tauschbörsen übernehmen keine Verantwortung.

Es ist schockierend einfach: Ein Mausklick, das passende Suchwort, und ein paar Sekunden später sind die Filme aus dem Internet auf den heimischen Computer geladen. Auch illegale Filme, sogenannte Snuff-Videos, in denen Menschen auf bestialische Art und Weise gefoltert und getötet werden. Panorama zeigt nur einen Ausschnitt. Im Original läuft die Szene dann noch weiter.

Albert Bischeltsrieder vom Landeskriminalamt München kennt die Szene:

"Bei dieser Sequenz dürfte es sich um eine echte Aufnahme handeln, die möglicherweise in Osteuropa entstanden ist. Die Bildsequenz zeigt die Ermordung eines Soldaten, und zwar wird ihm mit dem Messer die Kehle durchgeschnitten. Hier ist es natürlich in erster Linie interessant, ob hier das Grunddelikt eines Mordes, respektive Totschlages zugrunde liegt, das ist natürlich in erster Linie zu prüfen."

Für die Münchner Internet-Fahnder ein schwieriges Unterfangen, werden die Mord-Videos doch meist im Ausland produziert und von dort ins Internet gestellt. Das deutsche Recht gilt dort eben nicht, und so gelingt es nur selten, jemanden zu überführen. Die Nachfrage allerdings ist ungebrochen.

Es gibt noch mehr Videos. Auch sie sind echt: Einem russischen Soldaten werden einzeln die Finger abgeschossen. Oder eine afrikanische Frau, die bei lebendigem Leib verbrannt wird. Und einem Mann wird - vermutlich irgendwo in Osteuropa - der Kopf abgeschlagen.

"Das ist also etwa die Bandbreite dessen, was Sie unter Snuff-Videos finden können", weiß Albert Bischeltsrieder vom Münchner Landeskriminalamt. "Aber eines kann ich gleich noch dazu sagen: Der Phantasie sind hier leider Gottes keinerlei Grenzen gesetzt. Es ist erstaunlich, auf was Menschen alles kommen, um derartige Tötungsszenen darstellen zu können."

"Was denken Sie da persönlich, wenn Sie so was bei Ihrer Arbeit am Rechner sehen", will der Interviewer wissen.

"Schlicht und ergreifend ekelhaft."

Und solche ekelhafte Filme im Internet zu finden, ist kinderleicht. Marco verbringt mit seinen Freunden ganze Tage vor den Rechnern. Sie surfen durchs Netz, immer auf der Suche nach neuen Programmen. Marco, der anonym bleiben möchte, erzählt, dabei stoße man auch auf Snuff-Videos.

"Das Schlimme ist eben, dass wir das erste Mal diese Live-Tötungen und Video-Aufzeichnungen gesehen haben und wir doch schon erschreckt waren, wie leicht es ist, daran zu kommen. Und es spricht sich auch schnell herum. Wenn ein Jugendlicher in der Schule so ein Video findet, dann weiß es am nächsten Tag die ganze Klasse, und in zwei Wochen weiß es die ganze Schule. Und wenn es tausend Leute wissen, hundert holen sich das dann dort."

Fündig wird man schnell in Internet-Tauschbörsen wie Kazaa. Und alleine dort tummeln sich schon über 10 Millionen Nutzer weltweit. Es funktioniert wie eine Pinwand: Jeder kann etwas ablegen und sich nehmen, was er will - auch Mord-Videos.

Der Chef von Kazaa, Niklas Zennström ist ein erfolgreicher Internet-Unternehmer und urlaubt zur Zeit in Nizza an der Cote d'Azur, dem Treffpunkt der Schönen und Reichen. In seinem Urlaubsdomizil konfrontiert Panorama ihn damit, was in seiner Netzbörse für Kinder und andere zu sehen ist. Zennström aber bleibt weitgehend ungerührt:

"Wir sind juristisch für das nicht verantwortlich, wir betreiben doch nur eine Plattform, sozusagen eine Software im Internet. Und außerdem: es gibt immer Missbrauch, sehen Sie, wenn sie in die Schule gehen oder auf einen Platz, dort gibt es immer auch schlechte Dinge."

Tatsächlich ist Kazaa juristisch nicht zu belangen. Strafbar macht sich nur, wer Snuff-Videos direkt ins Netz stellt. Die Mord-Videos aber werden jetzt zum Problem, denn Kazaa lebt von Werbung, und nach den Panorama-Recherchen sehen sich Werbekunden in ein unschönes und nicht gewolltes Licht gerückt. Werbebanner unter Killer-Videos.

Blankes Entsetzen bei ValueClick. Die Münchner Werbeagentur vermittelt zahlreiche Firmen auf diverse Internet-Seiten.

Eine erste Reaktion von Eduard Meisel von ValueClick: "Das ist schrecklich, das ist abschrecken. Wir können es nicht akzeptieren, wir akzeptieren das nicht und werden das auch konsequent verfolgen."

Auch Handy-Hersteller Ericsson will sicherstellen, zukünftig nicht unter Mord- und Folterszenen aufzutauchen, das sei nicht förderlich für's Image.

"Es ist erschreckend", sagt Jens Kürten von Ericsson. "Und ich kann nur im Namen von Ericsson um Entschuldigung bitten, dass uns solch ein Fehler passiert ist. Wir wussten nichts von genau dieser Schaltung, wir wussten nichts von den Inhalten, die auf dieser Tauschbörse getauscht wurden. Und sobald wir Kenntnis bekommen haben davon, haben wir dafür Sorge getragen, dass es sofort entfernt wird."

Das hat auch LebenDirekt getan. Makaber, aber auch eine Lebensversicherung erschien unter brutalen Mordsequenzen. Auf unsere Recherche teilt der Konzern uns mit, man distanziere sich nachdrücklich von solchen Filmen.

Noch genießt der Kazaa-Boss Niklas Zennström das sonnige Südfrankreich. Doch einige einer Werbekunden springen schon ab, denn Mord-Videos sind mehr als schlecht für's Image. Und so wird er sich eins vermutlich nicht mehr lange leisten können, nämlich lapidare Ausflüchte:

"Das ist das Internet von heute, mit dem müssen wir leben. Kazaa ist eben eine sehr gute Suchmaschine, das macht es extrem leicht, zu finden, wonach man sucht. Und so kriegt man eben auch eine Menge Snuff-Videos auf den Rechner."

Natürlich gab es - wie häufig - auch vor der Ausstrahlung dieses Beitrags Post an Panorama, Anwaltspost. Eine große internationale Kanzlei wollte verhindern, dass wir die Namen der Werbekunden ihrer Mandanten nennen: Shopping 24, Premiere, Ericsson, HUK Coburg, Dell, Greencard und LebenDirekt. Schließlich hätten all diese Firmen ja nichts gewusst und ihre Werbebanner unverzüglich entfernen lassen - nach den Panorama-Hinweisen. Wir sagen: Dankeschön.

Einen wirklichen Schutz vor diesen Mord-Videos gibt es bisher nicht. Alle Computerprogramme, die solche Seiten rausfiltern können, sind wirkungslos. Die einzige Möglichkeit für Eltern, ihre Kinder vor solch brutalen Bildern zu bewahren, ist, sie nicht allein ins Internet zu lassen - und das wiederum ist weltfremd.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 30.08.2001 | 21:00 Uhr