Amputierte Beine, zerstörte Nieren - Behandlungsfehler bei Diabetikern

von Bericht: Thomas Berbner und Andreas Lange

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Eine Frau spritzt sich Insulin in den Bauch. © dpa / picture-alliance

In Deutschland leiden mindestens sechs Millionen darunter, viele von ihnen jahrzehntelang. Nicht wenige müssen mit Gefäß- und Nervenschädigungen leben, mit regelmäßigen Blutwaschungen. Und nicht selten müssen später ein Bein, im schlimmsten Fall sogar beide Beine amputiert werden. Die Diagnose Diabetes, auch Zuckerkrankheit genannt, verändert ein ganzes Leben. Und dass diese Krankheit nicht etwa nur ein lästiges Übel ist, das die Betroffenen dazu zwingt, sich Insulin zu spritzen und regelmäßig den Blutzuckerspiegel kontrollieren zu lassen, das wissen wohl auch viele Hausärzte nicht. Experten schätzen, dass pro Jahr rund 28.000 Amputationen an Diabetikern vorgenommen werden müssen, und viele davon wären vermeidbar, wenn die Hausärzte und damit auch die Patienten besser informiert gewesen wären.

PANORAMA liegt eine neue Studie vor, die das Ausmaß und auch die Kosten dieser Misere belegt. Thomas Berbner und Andreas Lange mit den Einzelheiten.

KOMMENTAR:

Karsten Johannesson hatte Glück im Unglück. Infolge seiner Zuckerkrankheit erlitt er einen Schlaganfall, dann sollte ihm in einer Hamburger Klinik das rechte Bein abgenommen werden. Erst den Ärzten im Krankenhaus Bethanien in Hamburg gelang es, das Bein zu retten. So viel Mühe geben sich Ärzte bei Diabetikern selten. Aus der Klinik, in der ihm das Bein amputiert werden sollte, war Karsten Johannesson buchstäblich geflüchtet.

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PROF. MANFRED DREYER:

(Diabetologe, Krankenhaus Bethanien, Hamburg)

"Dieser Patient stand bereits auf einem Operationsplan zur Beinamputation. Das wäre für den Patienten besonders bitter gewesen, weil das das Bein ist, das er richtig benutzen kann. Und der Verlauf jetzt hat gezeigt, dass die Amputation nicht erforderlich war. Das Bein ist dran geblieben, die Fußwunde ist fast vollständig abgeheilt."

INTERVIEWER:

"Warum kam es damals dann nicht zur Amputation?"

PROF. MANFRED DREYER:

"Letztlich dadurch, dass der Patient das Krankenhaus gegen ärztlichen Rat verlassen hat."

KOMMENTAR:Die Risiken sind vielen Betroffenen nicht bekannt. Deshalb versucht der Deutsche Diabetikerbund, die Gefahren bewußt zu machen. Bei Diabetikern kann die Bauchspeicheldrüse den Blutzuckerspiegel nicht mehr ausreichend regulieren. Deshalb müssen Betroffene ihr Blut regelmäßig überprüfen. Wird der Blutzuckerspiegel eines Diabetes-Patienten nicht ständig mit Tabletten oder Insulinspritzen richtig eingestellt, drohen gravierende Folgeschäden.

Das Bein von Gerhard Malso hätte gerettet werden können. Gleich mehrere Hausärzte hatten ihn falsch behandelt. Jahrelang war sein Blutzuckerspiegel zu hoch. Über die Risiken hatte ihn niemand rechtzeitig informiert.

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GERHARD MALSO:

(Diabetes-Patient)

"Wenn ich um die Dramatik der Erkrankung gewusst hätte und wenn man mich rechtzeitig umfassender aufgeklärt hätte, hätte ich wahrscheinlich doch mehr drauf geachtet und danach gelebt. Denn Diabetes hat den Nachteil: Diabetes tut nicht weh. Und die Folgen spüren Sie so wie jetzt zum Beispiel nach zwanzig Jahren."

PROF. MANFRED DREYER:

(Diabetologe, Krankenhaus Bethanien, Hamburg)

"Bei diesem Patienten hat keine Durchblutungsstörung des Beines vorgelegen. In einem solchen Fall liegt dann ausschließlich eine Nervenschädigung vor, und die Infektion steht im Vordergrund. Beides lässt sich konservativ, ohne chirurgische Hilfe, in der Regel zur Abheilung bringen. Diese Amputation war sicher überflüssig. Sie gehört zu den fünfzig Prozent Amputationen bei Diabetikern, die überflüssig sind und immer noch durchgeführt werden in Deutschland."

KOMMENTAR:

Eine bislang unveröffentlichte Studie, betreut durch das Krankenhaus München-Bogenhausen, zeigt die Dramatik der Situation: Als Folge von Diabetes werden jedes Jahr in Deutschland 27.900 Amputationen vorgenommen, die Hälfte davon sind unnötig. 8.000 Fälle von Nierenversagen erleiden Diabetiker jedes Jahr. 27.000 Herzinfarkte und 6.000 Erblindungen.

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DR. HANS-JOACHIM LÜDDEKE:

(Diabetologe, Krankenhaus München-Bogenhausen)

"Aus unserer täglichen Praxis heraus sieht es eigentlich sogar noch ein bisschen schlimmer aus. Die Zahl der Patienten mit Komplikationen ist erschreckend hoch. Und da wir ja wissen, dass viele der Komplikationen bei einer entsprechenden Kontrolle vermeidbar wären, ist es für uns umso erschreckender."

KOMMENTAR:

In speziellen Schulungen können Diabetiker lernen, welche Warnsignale sie beachten sollten. Fußschulungen sind besonders wichtig, weil Diabetiker durch eine Nerverstörung in den Füßen keine Schmerzen mehr fühlen. Außerdem heilen Verletzungen bei Diabetikern schlecht.

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SCHULUNGSLEITERIN:

"Jetzt gehen Sie mal mit Ihrer Hand rein und fühlen mal, ob es irgendwo harte Kanten oder Stellen gibt."

KOMMENTAR:

Aus kleinen Wunden, zum Beispiel durch zu enge Schuhe, entstehen so gefährliche Entzündungen.

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DR. ALEXANDER RISSE:

(Diabetologe, Klinikum Dortmund-Nord)

"Die Patienten schenken dem wenig Aufmerksamkeit, weil sie die Nervenstörung haben, sie spüren die Schmerzen nicht. Und die Ärzte schenken dem wahrscheinlich wenig Aufmerksamkeit, weil die Patienten nicht klagen, weil sie keine Schmerzen haben. So läuft das Ganze auf eine Katastrophe zu, an deren Endstrecke dann so eine Amputation steht, die man mit sehr hohem Aufwand dann mit Prothesen weiterbehandeln muß, oder, weil es sich um ältere Patienten handelt, die häufig mit dem Tod enden."

KOMMENTAR:

Als bei Werner Höft der Zucker zum ersten Mal festgestellt wurde, verschrieb ihm der Hausarzt Tabletten. Dazu gab es den Ratschlag, künftig einfach den Zucker im Kaffee wegzulassen. Jahrelang zerstörte der falsch behandelte Diabetes unbemerkt seinen Körper. 1993 versagten die Nieren. Gleichzeitig wurde sein Bein Stück für Stück abgeschnitten. Die Betroffenen sprechen in solchen Fällen von chirurgischer Salamitaktik.

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WERNER HÖFT:

(Diabetes-Patient)

"Da meinte ich, die Welt ging unter, als er mir sagte, kam ans Bett, der Arzt, und sagte: Herr Höft, es tut uns leid, wir müssen bis oben hin amputieren, es bleibt uns keine andere Wahl. Und, wie gesagt, ich fiel fast aus dem Bett."

KOMMENTAR:Jedes Jahr geben die gesetzlichen Krankenkassen für Diabetes-Patienten 18,5 Milliarden Mark aus. Der Anteil von Insulin und blutzuckersenkenden Tabletten beträgt dabei aber nur 7 Prozent. Auf die Behandlung der Folgeerkrankungen in den Krankenhäusern hingegen entfallen 50 Prozent der Kosten. Würden mehr Patienten rechtzeitig und richtig mit Insulin eingestellt, ließe sich ein Großteil der Spätfolgen vermeiden.

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WERNER HÖFT:

"Ich möchte sehr stark annehmen, dass ich vielleicht meine Beine noch hätte, wenn ich frühzeitig vorher richtig informiert gewesen wäre und die Schulungen und alles mitgemacht hätte."

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DR. ALEXANDER RISSE:

(Diabetologe, Klinikum Dortmund-Nord)

"Als Diabetologe wundert man sich auch, dass das in Deutschland noch möglich ist. Also Sie können Beine abschneiden, ohne dass alle aufjaulen. Wenn aber jemand ein leichtes Zipperlein hier in dieser Gegend hat, dann kommt sofort der Notarzt angefahren, mit riesigem Aufwand, und man landet auf einer kardiologischen, also Herzintensivstation, und da wird alles nur Erdenkliche gemacht."

KOMMENTAR:

Diabetes-Patienten hingegen müssen selbst um das Allernotwendigste kämpfen. Bei Ines Stendel trat der Diabetes während der Schwangerschaft auf. Danach hat sie alles richtig gemacht. Nach einer Schulung wurde ihr Blutzuckerwert mit einer Insulintherapie optimal eingestellt. Sechs bis sieben Mal muss Ines Stendel diesen Blutzuckerwert messen, damit sie weiß, wieviel Insulin sie benötigt. Jedesmal verbraucht sie dabei einen Teststreifen, macht pro Quartal rund 600. Diese Menge wollte ihr niedergelassener Arzt aber nicht verschreiben.

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INES STENDEL:

(Diabetes-Patientin)

"Und dann teilte mir mein Arzt mit, dass die Teststreifen pro Quartal auf 400 Stück begrenzt seinen, jetzt neu, durch ein Gesetz bzw. weil die Kassen ihm das so abverlangen, und dass ich dann halt nur noch diese 400 Stück im Quartal habe und halt letztenendes zusehen muss, wie ich damit haushalte, weil das für mich nicht reicht."

KOMMENTAR:

Eine solche Begrenzung der Teststreifen durch ein Gesetz existiert nicht. Weil Ärzte offenbar ihr Arzneimittelbudget nicht belasten wollen, gefährden sie die Gesundheit ihrer Patienten.

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PROF. MANFRED DREYER:

(Diabetologe, Krankenhaus Bethanien, Hamburg)

"Ich glaube, ein ganz grundsätzliches Problem liegt in der Mediziner-Ausbildung. Während des Studiums hört der Medizinstudent ungefähr drei Doppelstunden zum Diabetes, und diese Stunden werden nicht mehr, diese Stunden werden auch in der Qualität nicht besser. Diabetologie verschwindet nach und nach von den Universitäten. Die scheinen sich vollständig darauf einzurichten, die Folgen des Diabetes zu behandeln, aber nicht den Diabetes selbst."

KOMMENTAR:

Die Münchner Studie zeigt, wohin diese Unwissenheit führt. Nur 26 Prozent der Diabetiker haben einen optimal eingestellten Blutzuckerwert. Ein zu hoher Blutzuckerwert hingegen wurde bei 74 Prozent der untersuchten Diabetiker festgestellt. Sie alle müssen mit Spätfolgen rechnen.

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DR. HANS-JOACHIM LÜDDEKE:

(Diabetologe, Krankenhaus München-Bogenhausen)

"Wir müssen zur Kenntnis nehmen, Dreiviertel aller Patienten sind schlecht eingestellt. Diese schlecht eingestellten Patienten werden, wenn sie es nicht schaffen, eine Verbesserung zu erreichen, Komplikationen erleiden. Das heißt, es tickt eine Zeitbombe, und wir wissen auch, dass wir diese Zeitbombe an sich entschärfen können."

KOMMENTAR:

Wolfgang Harders hat jahrelang mit einem solchen schlecht eingestellten Blutzuckerspiegel gelebt. Dann kamen die ersten Sehstörungen. Dreißig Operationen konnten ihm nicht helfen. Blind durch Diabetes. Sein Arzt hatte ihm empfohlen, jeden Tag die gleiche Menge Insulin zu spritzen. Kontrollen gab es nur alle sechs Wochen.

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WOLFGANG HARDERS:

(Diabetes-Patient)

"Anfänglich, als es mit meinen Augen losging, hatte ich große Schwierigkeiten damit. Ich hatte eine unglaubliche Wut, eine unbändige Wut in mir, dass die Ärzte sagten: Herr Harders, Sie können nächstes Jahr wieder gucken, wir operieren Sie weiter. Und je öfter ich operiert wurde, desto blinder wurde ich. Genau an dem Punkt hätte ich genauso wie die Menschen, die sich damit auskannten damals, besser als ich, das verhindern können, dass ich blind geworden bin."

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 22.06.2000 | 21:00 Uhr