Behandeln und betrügen - Notärzte auf Beutezug

von Bericht: Thomas Berndt und Ulrich Mentgen



Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Notarzt © dpa

Oft passiert es nachts, wenn kein Arzt mehr Sprechstunde hat. Starke Schmerzen, ein Unfall oder Krämpfe, und immer schwingt Angst mit. Jetzt muss es ganz schnell gehen, ein Arzt muss her. Wer dann einfach die Auskunft anruft oder ins Telefonbuch schaut, den "Arzt-Notruf" heraussucht und dort anruft, der bekommt zwar schnell Hilfe, aber auch eine saftige Rechnung, die ihm die Krankenkasse in der Regel nicht erstattet. Und genau darauf spekuliert das Unternehmen "Arzt-Notruf". Der Patient wird da zur Ware, mit der richtig viel Geld zu verdienen ist, allein in Hamburg rund 45 Millionen Mark im Jahr.

Thomas Berndt und Ulrich Mentgen mit den Einzelheiten.

KOMMENTAR:

Der Notruf ging am frühen Abend ein. Einsatzort: Hamburg-Langenhorn. Der Patient wusste sich nicht mehr anders zu helfen, entzündete Nerven am Rücken. Vor lauter Schmerzen rief er den Notarzt.

0-Ton

CHRISTIAN MÄHNERT:

(Notarzt-Patient)

"Das war so schlimm, dass ich nicht mehr stehen, nicht mehr liegen, nicht mehr gehen, nicht mehr sitzen - eigentlich konnte ich gar nichts. Ich konnte eigentlich nur zwischen schreien und vor mich hin stöhnen, weil ich hatte ja einen akuten Bandscheibenvorfall."

KOMMENTAR:

Im Telefonbuch fett und groß gedruckt dieser Arzt-Notruf. Und auch die Telefonauskunft vermittelt häufig diese Nummer. Aggressive Werbung, kostspielige Folgen. Denn nicht jeder merkt sofort bei "19242", dass man hier für die Behandlung richtig blechen muss. Privatpatienten bekommen das Geld wieder, die gesetzlichen Krankenkassen hingegen, ob Barmer oder AOK, übernehmen diese Kosten meistens nicht.

Auch Christian Mähnert ist auf diese Nummer reingefallen, denn am Ende bekam er eine saftige Rechnung präsentiert - von über 800 Mark. Der Notarzt habe ihn sogar belogen und vorgegaukelt, er würde sein Geld schon zurückbekommen.

0-Ton

CHRISTIAN MÄHNERT:

(Notarzt-Patient)

"Die Rechnung würde an uns gehen, aber wir könnten sie auch problemlos bei der Krankenkasse einreichen, weil es ein akuter Notfall wäre, und weil ich dann irgendwie, glaube ich, gesagt habe .... - ja, das ist ein akuter Notfall, das ist gar kein Thema, das bezahlen die Krankenkassen. Das hat Dr. Bialas so wortwörtlich gesagt. Und da fühle ich mich natürlich megamäßig verschaukelt."

KOMMENTAR:

Das ist besagter Dr. Bialas, der Chef des dubiosen Arzt-Notrufs. An Einzelfälle kann er sich natürlich nicht erinnern bei rund 10.000 Einsätzen pro Jahr. Und wenn schon.

0-Ton

TAMMO BIALAS:

("Arzt-Notruf 19242")

"Was richtig ist, wenn Sie den Punkt ansprechen, dass viele Patienten, im übrigen nicht nur gesetzlich versicherte, sondern auch privat versicherte, die Leistung und deren Kosten im Nachhinein diskutieren, will ich mal sagen. Und auch dieses ist natürlich ein irgendwo normales Verhalten, wie es auch in anderen privatisierten Bereichen ist."

KOMMENTAR:

Ganz privatisiert schlägt man hier Profit aus den Patienten. Und davon braucht man viele. Da die meisten aber bei gesetzlichen Kassen versichert sind, muss man sie besonders ködern, schon am Telefon, genau nach Dienstanweisung, sagen ehemalige Mitarbeiter.

0-Ton

MATTHIAS H.:

(Ehem. "Arzt-Notruf"-Mitarbeiter)

"Wenn dann die Frage kam, ob das übernommen wird, mussten wir dann sagen: Das können wir Ihnen nicht sagen, weil da verhalten sich die Kassen unterschiedlich - wohl wissend, dass wir - wir wussten, dass die Kassen das nicht übernehmen würden, weil das hat uns Dr. Bialas auch selber gesagt."

KOMMENTAR:

Und genau deswegen ermitteln die Staatsanwaltschaften in Berlin und Hamburg - wegen Betrugs in vielen Tausend Fällen. Der Gesamtschaden soll im Millionen-Bereich liegen.

0-Ton

RÜDIGER BAGGER:

(Staatsanwaltschaft Hamburg)

"In der Tat ist es so, dass in den meisten Fällen wir davon ausgehen können, dass entweder nicht gesagt wurde, dass das ein privatärztlicher Notdienst ist und von der Kasse nicht bezahlt wird, oder aktiv gesagt wurde, die Kasse übernimmt das, was dann nicht der Fall war. Und das ist Betrug, und das ist in den meisten Fällen hier vorgekommen."

O-Ton

TAMMO BIALAS:

("Arzt-Notruf 19242")

"Das ist alles fälschlich hereingeredet, und das wird sich alles zu gegebener Zeit aufklären. Und die Hintergründe sprengen jetzt ein bisschen den Rahmen."

KOMMENTAR:

Zu den Hintergründen allerdings gehören noch weitere Vorwürfe: Nicht nur vorsätzlich gelogen, sondern auch viel zu hoch abgerechnet habe Bialas Firma - ganz planmäßig.

0-Ton

RÜDIGER BAGGER:

(Staatsanwaltschaft Hamburg)

"Wir haben ja durchsucht im Rahmen dieses Verfahrens und haben Beweismittel sichergestellt, und es gibt in der Tat Hinweise dafür, dass es Anweisung gab von der Zentrale, sag` ich einmal, in einer bestimmten Weise abzurechnen: zum Beispiel Wegegelder - Sie können ja zum Beispiel sagen: Rechne immer soundso viel Wegegeld ab, rechne soundso viel Verweildauer ab, um es ganz praktisch zu sagen: Man sagt, rechne immer eine halbe Stunde ab, auch wenn du nur eine Viertelstunde da warst."

KOMMENTAR:

In diesem Hamburger Gewerbegebiet die Zentrale des Arzt-Notrufs. Bundesweit ist die Bialas-Nummer 192242 geschaltet, Notrufe aus über zwanzig Städten laufen hier zusammen. Die Vertragsärzte in den jeweiligen Orten werden dann von hier in Marsch gesetzt. Und das lohnt sich. Beispiel Köln: Ein Kurzeinsatz wegen Magenkrämpfen kostete am Ende 380 Mark - für zehn Minuten und eine Spritze.

0-Ton

JÜRGEN POLLS:

(Notarzt-Patient)

"..... für zehn Minuten, dass er da war, gut, die Anfahrt, dann Nachtschichtzulage, was er da raufgeschrieben hat, Kilometerzahl. Ich kann das auch nicht bezahlen, und ich fühle mich betrogen, das ist eine Sauerei für mich."

KOMMENTAR:

Und auch in Hamburg endet ein Bialas-Besuch in der Regel mit einer saftigen Rechnung und vielen Fragezeichen - wieder einmal.

0-Ton

CHRISTIAN MÄHNERT:

(Notarzt-Patient)

"Ich hab` jetzt knapp 800 Mark zu bezahlen, für Rechnungen oder für Leistungen, wo er hier wirklich gesessen hat und mir ein paar Spritzen gegeben hat. Und das sind eindeutig - also ich bin kein Arzt, aber es sind eindeutig Leistungen, die er nicht erbracht hat."

KOMMENTAR:

Und damit nicht genug. In den Verbraucherzentralen häufen sich inzwischen Hunderte von Beschwerden. Bialas-Abrechnungen, so der Befund, sind zum großen Teil absurd.

0-Ton

CHRISTOPH KRANICH:

(Verbraucherzentrale Hamburg)

"Und in diesem Fall ging es um einen Zeckenbiss. Da hat die Patientin den Notarzt gerufen, und der Notarzt hat nicht nur einen Anfahrtsweg von über 25 Kilometer gehabt, was wir nun ja von den anderen Fällen kennen, was auch hier bezweifelt worden ist, was auch vorher nicht angekündigt war, sondern vor allem hat er ein eingehendes psychiatrisches Gespräch mit der Patientin geführt, was man sowieso nur macht, wenn Patienten schwer depressiv oder anderweitig psychisch krank sind, aber nicht bei Zeckenbissen oder Mandelentzündungen. Nach unseren Erfahrungen ist es fast schon als normal zu betrachten, dass die Patienten doppelt so viel zahlen, als berechtigt ist, manchmal noch mehr."

KOMMENTAR:

Da wundert es dann wenig, dass im letzten Jahr Rekordumsätze eingefahren wurden - beim Arzt-Notruf 19242.

0-Ton

TAMMO BIALAS:

("Arzt-Notruf 19242")

"Insgesamt können wir sagen, dass wir nicht nur sehr zufrieden sind, sondern dass wir mit unserer Organisation eine sehr gute Dienstleistung erbracht haben."

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

In 22 Städten gibt es den teuren Arzt-Notruf bereits, und das Unternehmen will noch weiter expandieren.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 13.07.2000 | 21:15 Uhr