Faul und fröhlich - Arbeitslose als Drückeberger

von Bericht: Sabine Platzdasch

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Sie sind faul, und sie wollen nicht arbeiten. "Arbeitslose sind Schmarotzer der Gesellschaft" - wer so redet, hat wenig begriffen. "Arbeitslose sind Opfer der Verhältnisse, leider unter Minderwertigkeitsgefühlen und Isolation" - auch dieses politisch korrekte Verständnis für ökonomische und vielleicht auch für individuelle Ursachen von Arbeitslosigkeit ist zu simpel und verstellt den Blick. In der Tat gibt es diejenigen, die sich ein fröhliches, ein bequemes Leben ohne Arbeit auf Kosten des Staates, letztlich auf Kosten von uns allen machen und sich dabei noch ungeheuer schlau fühlen. Aber es gibt eben auch die anderen, die, die alles versuchen, um dem Staat nicht zur Last zu fallen, um ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, egal mit welcher Arbeit.

Mitarbeiterin sortiert Akten © picture-alliance/ dpa Foto: Waltraud Grubitzsch

Faul und fröhlich - Arbeitslose als Drückeberger
Sie sind faul, und sie wollen nicht arbeiten. "Arbeitslose sind Schmarotzer der Gesellschaft" - wer so redet, hat wenig begriffen. "Arbeitslose sind Opfer der Verhältnisse, leiden unter Minderwertigkeitsgefühlen und Isolation"

Sabine Platzdasch hat mit Menschen gesprochen, die mit Arbeitslosigkeit sehr unterschiedlich umgehen.

KOMMENTAR:

Weinstadt in Baden-Württemberg. Es ist 5 Uhr 30. Der Chemiker Dr. Ralf Kellner ist auf dem Weg zur Arbeit. Der promovierte Akademiker verdient sein Geld als Müllmann. Nach dem Abschluss seines Studiums hat Ralf Kellner über 150 Bewerbungen bundesweit geschrieben und genauso viele Absagen bekommen. Sich deshalb arbeitslos zu melden, daran hat er nie gedacht.

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DR. RALF KELLNER:

"Ja, ich hab‘ zwei gesunde Hände, ich kann arbeiten für mein Geld. Ich find‘ es nicht nötig, dass man hier aufs Arbeitsamt geht. Im Gegensatz - ich bin mit nicht zu schade, irgendwelche - in Anführungszeichen - ‚weniger qualifizierte Arbeit‘ anzunehmen, als meiner Berufsausbildung entspricht."

KOMMENTAR:

Zwei gesunde Hände hat auch Marco. Mit denen surft er gerne im Internet. Genug Zeit hat er dafür, denn seit über einem Jahr ist er arbeitslos. Genug Geld hat er auch: 700 Mark Arbeitslosenhilfe, ein paar Nebenjobs, Kost und Logis gibt’s noch gratis bei den Eltern. Warum also arbeiten?

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MARCO:

"Ich bekomme auch mein geregeltes Geld. Ich hab‘ zum Beispiel auch nicht die Probleme, dass mein Chef nicht zahlungsfähig ist und ich drei Monate auf mein Geld warte, denn der Staat zahlt eigentlich immer pünktlich. Zeit hab‘ ich auch ohne Ende. Den ganzen Stress und Ärger auf der Arbeit hab‘ ich nicht. Also ich kann mich nicht beklagen."

KOMMENTAR:

Und damit das Leben auch weiterhin stressfrei bleibt, will der leidenschaftliche BMW-Fahrer auf gar keinen Fall aus seinem kleinen thüringischen Dorf wegziehen.

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MARCO:

"Da wir ja hier im Osten sind, sind die Chancen auf Arbeit ja, sag‘ ich mal, wesentlich schlechter als im Westen. Und sollte ich jetzt in irgendeine größere Stadt im Westen ziehen, habe ich ja viel mehr Möglichkeiten, eine Arbeit anzufangen. Und aus dem Grund werde ich natürlich hier bleiben, damit die Sache halt noch so lange wie möglich gut geht."

KOMMENTAR:

Die Lehre als Versicherungskaufmann hat Marco nicht abgeschlossen. Der Hobbyfotograf will eigentlich was Kreatives machen, sich irgendwie selbst verwirklichen. Über die Leute, die gewöhnliche Arbeiten annehmen, kann er sich nur wundern.

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MARCO:

"Die Leute sind - na gut, ich will nicht sagen dumm, aber sie könnten doch eigentlich ein viel schöneres und relaxteres Leben haben, wenn sie nichts arbeiten."

KOMMENTAR:

Stimmt, so richtig relaxt sieht der Müllmann Dr. Kellner nicht aus. Seine Doktorarbeit hatte die Note eins, aber sein derzeitiger Lehrauftrag verschafft ihm keine wirkliche Erfüllung.

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DR. RALF KELLNER:

"Mit der Selbstverwirklichung ist es eigentlich nicht sehr weit her, ich meine von der Berufsausbildung, ich bin promovierter Chemiker, von daher habe ich mir schon ein bisschen was anderes vorgestellt. Ich suche auch nach wie vor nach einer Arbeit als Chemiker. Aber solange sich eben nichts anderes ergibt, mache ich das hier, das ist kein Problem für mich."

KOMMENTAR:

Für Frank aus Berlin wäre das ein Problem. Er ist gelernter Restaurantfachmann, aber seit drei Jahren arbeitslos. Allzu frühes Aufstehen mag der 39-jährige nicht, es belastet ihn einfach zu sehr.

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FRANK:

"Ich merk‘ das schon, wenn ich manchmal morgens aufs Amt muss um 8 Uhr, also was ich da für Probleme hab‘. Da muss ich halt auch um 6 aufstehen, und da bin ich also den ganzen Tag malade. Und wenn ich das jetzt wieder jeden Tag machen müsste, okay, irgendwann hätte ich mich dran gewöhnt, denke ich, aber das würde schon seine Zeit dauern."

KOMMENTAR:

Zeit, die Frank viel besser nutzen kann - für einen Tunesienurlaub beispielsweise. 1.200 Mark Arbeitslosen- und Sozialhilfe bekommt er monatlich. Gelebt wird nach der Devise: den Tag ganz unbeschwert genießen, einfach mal am See entspannen. Eine geregelte Arbeit ist für den sensiblen Lebenskünstler nur schwer vorstellbar.

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FRANK:

"Ich würde meine Freiheit aufgeben, so dieses machen, wann ich will und wie ich will. So nachts, wenn es mich nachts um 10 reitet, dann geh‘ ich halt los. Das könnte ich dann nicht mehr tun. Also so Sachen würde ich aufgeben. Das würde mir erstmal schon schwerfallen, ja."

KOMMENTAR:

Trotz täglicher Acht-Stunden-Schicht hat Müllmann Dr. Kellner ganz nebenbei seinen Lkw-Führerschein gemacht, auf eigene Kosten. Jetzt darf er den Müllwagen fahren. So verdient der werdende Vater ein bisschen mehr als früher, 2.400 Mark netto.

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DR. RALF KELLNER:

"Nee, also lohnen - wenn ich die Einstellung hätte, ich bekomme das gleich Geld vom Arbeitsamt, wie ich jetzt hier verdiene mit meiner Hände Arbeit sozusagen, dann lohnt es sich natürlich nicht, dann könnte ich zu Hause bleiben, könnte mir jeden Tag einen schönen Lenz machen. Es ist nicht meine Art, zu Hause auf der faulen Haut zu liegen und das Geld für nichts sozusagen zu bekommen."

KOMMENTAR:

Auch Stefan liegt nicht gerne auf der faulen Haut. Der gelernte Stahlbetonbauer ist ungemein aktiv. Free Climbing am Vormittag. Weitere Hobbies: Boxen, Fallschirmspringen auf Usedom und Tauchen im Roten Meer. Zum Arbeiten bleibt da natürlich keine Zeit.

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STEFAN:

"Das ist eigentlich das Coole am Arbeitslosendasein, dass man wirklich irgendwo sich ausleben kann einfach, dass man keine Grenzen, keine Zwänge irgendwo hat, morgens aufzustehen, zur Arbeit zu gehen und dann wieder früh schlafen zu gehen, weil man ja weiß, Mensch, morgen muss ich wieder fit sein, morgen muss ich für die Arbeit sein."

KOMMENTAR:

Und das wäre das Aus auch für den Tauchgang am Nachmittag. Seit sechs Jahren ist er mit kurzen Unterbrechungen arbeitslos. Im Moment bekommt er 1.200 Mark Arbeitslosenhilfe. Die arbeitende Bevölkerung trifft er manchmal frühmorgens - kein schöner Anblick, findet er.

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STEFAN:

"Ich komme grade von irgend’ner Party, oder ich komme irgendwie - weiß ich nicht, von meinem Kumpel morgens mal nach Hause geschlendert oder so, weil wir mal einen Computerabend gemacht haben bis in die Puppen, und ich komme dann morgens nach Hause geschlendert, und dann sehe ich manchmal so diese, ja, Werktätigen und Berufstätigen, die dann zur Arbeit, alle nicht ausgeschlafen, alle ein verkniffenes Gesicht. Irgendwie sind sie ja unzufrieden, dass sie jetzt doch da hinrennen müssen. Die sollten sich überlegen, ob sie nicht mal ein bisschen was an ihrem Leben ändern sollten."

KOMMENTAR:

Der Müllmann Dr. Ralf Kellner hat mit seinem Team inzwischen 6,5 Tonnen Biomüll eingesammelt, die müssen nun noch entsorgt werden. Jetzt ist es 14 Uhr, und die Schicht geht langsam ihrem Ende zu.

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DR. RALF KELLNER:

"Müde auf jeden Fall. Man hat ja auch früh angefangen, sind um halb sechs aus dem Hof raus, also es strengt schon an, so ist es nicht. Also es geht nicht spurlos an einem vorüber."

KOMMENTAR:

Morgen müssen die Hausmülltonnen geleert werden, diesmal in Leutebach. Schichtbeginn: 5 Uhr 30.

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ARBEITSLOSER:

"Das kann ich nicht verstehen, wenn jetzt einer nur glücklich ist, wenn er jetzt jeden Tag richtig hart ran muss."

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FRANK:

"Also besonders glücklich sind sie darüber bestimmt auch nicht, die würden vielleicht auch lieber eine Stunde länger im Bett bleiben."

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MARC:

"Die haben am Tag, jeden Tag acht Stunden Arbeit, den ganzen Ärger und so weiter und bekommen nicht viel mehr. Also es ist eigentlich ein ungerechtes System, von dem ich aber guten Nutzen habe."

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Ungerecht ist dieses System, sagt der junge Mann, der sicher, wenn er es denn wollte, einen Job finden würde. Ungerecht, weil es ihn so gut behandelt. Und da hat er richtig Recht. Übrigens: Der promovierte Müllmann, der Chemiker, sucht immer noch einen adäquaten Job.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 13.07.2000 | 21:15 Uhr