Erst bestechen, dann bestatten - Schmiergelder für Leichen

Anmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Sarg mit Rose © dpa

Auch in unseren wirtschaftlich schwierigen Zeiten gibt es Branchen, die weder unter Auftragsmangel noch unter Konjunkturschwankungen leiden. Todsicher ist das Gewerbe der Bestattungsunternehmer: gestorben wird immer. In Deutschland gehen rund 870.000 Menschen im Jahr den Weg alles Irdischen. So einige Betreiber der schwarzen Gilde kümmern sich nicht nur um Todesanzeige, Grabredner und Sargmodell, sondern die so seriösen Damen und Herren in Dunkel sind von Leichenbestattern auch zu Leichenbeschaffern avanciert. In der schwarzen Branche regeln viele nicht mehr nur die letzten Dinge, sondern auch die vorletzten. Um an Leichen und damit ans Geschäft zu kommen, wird bestochen.

Über die letzte Schmierung zwischen Pietät und Profit berichten Harald Feller und Klaus Scherer.

KOMMENTAR:

So haben wir uns das immer vorgestellt: Die grauen Haare noch ein letztes Mal gekämmt und dann, auf dem Totenkissen, noch einmal zurechtgerückt. Die Hände dazu akkurat gefaltet, von einem aufrichtigen Mitarbeiter einer ehrbaren Bestattungsfirma. Ein Gewerbe, das vom Vertrauen lebt und vom Respekt den Toten gegenüber. Schade nur, daß es so nicht ist - oder wenigstens nicht immer war, zum Beispiel bei der Firma Lehmann im Berliner Wedding, bei der Pietät Zeller und Sohn in Berlin-Charlottenburg und bei der Berliner Begräbnishilfe GmbH - alle drei wurden inzwischen verkauft. Bis dahin galt offenbar jahrelang das Firmenmotto: Erst bestechen, dann bestatten.

Insgesamt zehn Bestattungsinstitute gehörten offenbar der Seilschaft an. Die Leichen, die sie in Berlin zu Grabe ließen, hatten sie - Ermittlungen zufolge - sich zuvor zum Teil erkauft. Das bestätigten jetzt Strafverfolger gegenüber PANORAMA.

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JOB TILMANN: (Staatsanwaltschaft Frankfurt a.M.)

"Gesucht wurde in Geschäftsräumen, aber auch bei Behörden. Die Ermittlungen richten sich gegen eine Großzahl von Personen, zehn sind verdächtig, Vorteile gewährt zu haben, fünfzig etwa sind verdächtig, Vorteile entgegengenommen zu haben. Die Vorwürfe reichen von schlichter Angestelltenbestechung bis zur Bestechung von Amtsträgern. Als Tatzeit kommen 91 bis 96 in Betracht. Wir haben allerdings Erkenntnisse, daß auch zuvor schon die Bestattungsunternehmen in korruptiver Weise sich um Aufträge gekümmert haben."

KOMMENTAR:

Geschmiert wurden vorzugsweise jene, die von Berufs wegen öfter mal als erste eine Leiche finden, zum Beispiel Polizisten. Wenn keine Angehörigen am Tatort sind, muß die Polizei schließlich irgendwo den Sarg bestellen. Für den Anruf bei der richtigen Firma gab's Prämien für den Mittelsmann. Ein Polizeiangestellter hat dazu jetzt ein Geständnis abgelegt, nachdem auch sein Büro durchsucht wurde, hier im Polizei-Abschnitt 28, mitten in Berlin. Der Mann, 46 Jahre alt, arbeitete in der Anzeigenaufnahme. Inzwischen hat er einvernehmlich, wie es heißt, gekündigt. Eine Stellungnahme der Berliner Polizei gab es für PANORAMA nicht.

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JOB TILMANN: (Staatsanwaltschaft Frankfurt a.M.)

"Aus dem Geständnis des Verwaltungsangestellten, des früheren Verwaltungsangestellten der Berliner Polizei, und den weiteren Ermittlungen ergibt sich, daß ein Mitarbeiter der Beerdigungsinstitute praktisch auf Good-will-Tour immer unterwegs war, bei Krankenhäusern, Pflegeheimen und anderen Einrichtungen Vertrauen erweckt hat, kleine Geschenke gemacht hat, angefüttert hat, die Mitarbeiter der Behörden dafür interessiert hat, kooperativ zu sein."

KOMMENTAR:

Über Scheinarbeitsverträge mit Strohleuten irgendwo in der Stadt finanzierte der Bestatterring die Schmiergeldkasse - wie die Fahnder herausfanden, an der Steuer vorbei. Oder über fingierte Rechnungsrabatte von Blumengroßhändlern. Pro Jahr hatte das Bestattersyndikat den Ermittlungen zufolge auf diese Weise etwa 100.000 Mark Schmiergeld zur Verfügung. Wer sich als Partner in der Leichenschieberei bewährte, bekam dann von den Bestattern offenbar schon mal den Urlaub finanziert: Zum Beispiel hier am Nordseestrand auf Sylt - die offenbar beliebteste Bestechungsprämie für die diskreten Partner des Bestattersyndikats. Rund fünfzig mutmaßliche Tipgeber aus Berliner Kranken- und Altenheimen, Polizeirevieren und Behörden finden sich auf den Beleglisten für diese Ferienwohnung des mutmaßlichen Syndikatschefs. Rechnungen liegen PANORAMA vor - und der Staatsanwaltschaft auch. Saisonpreis pro Nacht 280 Mark plus Nebenkosten. Mal blieben die Urlauber zwei Tage, mal gleich drei Wochen lang. Bezahlt, so die Ermittler, haben die Bestattungsfirmen.

Aufgeflogen ist das ganze Ende letzten Jahres, als der Frankfurter Staatsanwaltschaft der Wohnungsbesitzer, seinerzeit noch wegen anderer Delikte, ins Netz ging: Dr. Ansgar Jungehülsing, damals noch Anteilseigner der Bestattungsfirmen, hier vor der PANORAMA-Kamera kurz vor seiner Festnahme. Inzwischen sitzt er in Untersuchungshaft.

Es gab, so die Ermittler, auch schon mal einen Ausflug nach Paris, oder, auch sehr beliebt bei den Berlinern, ein paar Karten fürs Olympiastadion zum Heimspiel der Kicker von Hertha BSC.

Noch ist unklar, wo überall Mitarbeiter ihre Hand aufhielten für einen Anruf, sobald jemand gestorben war. Die zuständige Senatorin erfuhr erst von PANORAMA, daß ermittelt wird.

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BEATE HÜBNER: (CDU, Sozialsenatorin Berlin)

"Das empört mich kolossal, und Sie können davon ausgehen, daß ich an dieser Stelle auch ganz hart durchgreifen werde, wenn sich so etwas bestätigt."

KOMMENTAR:

Klar ist allerdings, daß auch Mitarbeiter des Sozialamtes in Schöneberg in Korruptionsverdacht geraten sind. Auch hier gab es eine Hausdurchsuchung der Staatsanwaltschaft. Hintergrund sind mutmaßliche Schiebungen bei Sozialbestattungen für Menschen ohne Geld und Angehörige.

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BEATE HÜBNER:

"Ich weiß, daß diese Durchsuchungen stattgefunden haben. Ich weiß auch, daß der Verdacht von Korruption und Bestechung besteht. Ich kann aber insgesamt zu den Ergebnissen noch nichts sagen, da sind mir also auch noch keine Informationen mitgeteilt worden."

KOMMENTAR:

Andere könnten wohl mehr mitteilen, schweigen aber lieber still. Die Bestatter-Innung beispielsweise verweigerte PANORAMA eine Stellungnahme, obwohl Branchenkritiker ihr gegenüber schon offen die Bestechungspraxis beklagt haben. Während sich der neue Besitzer der durchsuchten Bestattungsfirmen weiter wundert über die Eigenheiten des Gewerbes.

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EBERHARD SCHÖBITZ: (Bestattungsunternehmer)

"Es ist uns auch passiert, wir haben mit sämtlichen Methoden nach Übernahme sofort abgestellt, das hat dazu geführt, daß es bei uns einen massiven Geschäftseinbruch gegeben hat. Und wir distanzieren uns heute von jeglichen Methoden, die nicht den lauteren Geschäftspraktiken entsprechen. Es ist trotzdem vorgekommen, daß auch Personen an uns herangetreten sind, die für die Vermittlung eines Sterbefalls Geld haben wollten, was wir natürlich strikt abgelehnt haben. Aber das kommt leider heute auch noch vor."

KOMMENTAR:

Pro Leiche, sagt er, bis zu 300 Mark, und das sind schätzungsweise zwanzig Prozent aller Bestattungsfälle Berlins. Das wären 8.000 pro Jahr. Und nichts spricht dagegen, daß es anderswo nicht ähnlich ist. Vertrauen, das sich bewährt hat, setzt sich schließlich überall durch.

Abmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Mal sehen, wie schnell über das blühende Geschäft mit dem Tod buchstäblich Gras wächst. Vermutlich bleibt vieles in der Gräberbranche auf ewig im Dunkeln.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 13.03.1997 | 21:15 Uhr