Verkaufshit Putenfleisch - Im Preis inbegriffen: Tierquälerei

von Bericht: Christian Kossin und Joachim Tacke

Rinderwahn, Schweinepest, Hormone im Kalbfleisch - das sind Stichworte, die Kotelett- und Bulettenfans offenbar immer noch schrecken. Das Geschäft in Schlachtereien und Supermarktfleischtheken geht schleppend bis schlecht. Dafür boomt der Geflügelmarkt. Die Nachfrage ist kaum zu befriedigen, weil die Produktivität der Geflügelfarmen nicht mehr zu steigern ist. In der Putenzucht werden schon heute die Grenzen zur Tierquälerei überschritten.

Verkaufshit Putenfleisch - Im Preis inbegriffen: Tierquälerei
Rinderwahn, Schweinepest, Hormone im Kalbfleisch - das sind Stichworte, die Kotelett- und Bulettenfans offenbar immer noch schrecken. Das Geschäft in Schlachtereien und Supermarktfleischtheken geht schleppend bis schlecht.

Christian Kossin und Joachim Tacke haben sich in einigen Putenställen umgeschaut.

KOMMENTAR:

Eine Pute, die nicht mehr stehen kann das sogenannte Beinschwächesyndrom. Nach Schweizer Untersuchungen leiden achtzig Prozent der Mastputen unter leichten bis schweren Verformungen der Beine und schmerzhaften Gelenkentzündungen. Die Ursache: extremes Übergewicht.

Weil die Tiere fast nur noch liegen, bilden sich große Blasen an der vom Verbraucher so sehr geschätzten Putenbrust.

Derweil laden deutsche Supermärkte zum Putenschlachtfest. Nach den Fleischskandalen der letzten Zeit feiert die Geflügelbranche enorme Umsatzsteigerungen. Das saubere Image von Puten fleisch wird von diätfanatischen Frauenzeitschriften noch gefördert. Die meisten der vollfleischigen Putenbrüste werden hierzulande im Südoldenburgischen produziert.

Landwirte, die dort Puten mästen, haben ihre Unabhängigkeit verloren. Das Geschäft wird von anderen gemacht, zum Beispiel von Schlachtunternehmen wie der Heidemark in Garrel. Sie wiederum sind eng mit großen Futtermittelproduzenten verflochten. Komplettiert wird das Putenkartell noch durch die sogenannten Kükenerzeuger.

Ein geschlossenes, gut abgeschirmtes System, in dem Landwirte nur noch Lohnmäster sind. Nicht einmal eigene Futtermittel dürfen sie in ihren Ställen verfüttern.

BUT Big 5 ist d i e Mastpute in Deutschland. BUT steht für British United Turkeys, eine von drei Firmen, die weltweit die Zucht der wertvollen Elterntiere kontrollieren. Zu natürlicher Fortpflanzung sind die Fleischkolosse nicht mehr fähig. Die männlichen Tiere sind so plump und schwer, daß sie ent weder von der Henne fallen oder sie erdrücken würden.

In sogenannten Besamungsstationen wird das wertvolle Puterejakulat in kleine Plastikröhrchen abgesogen. Mit dem Sperma eines Hahns werden gleich mehrere Hennen besamt. Sie müssen nur noch die Eier legen, aus denen in Brut schränken später die Küken schlüpfen.

Die Puten-Bosse im Südoldenburgischen können die Nachfrage nicht mehr be friedigen, sie sind in die neuen Bundes länder gezogen. In Sachsen-Anhalt haben sie die ersten Bauern unter Vertrag genommen. Die mußten viel Geld in Spezialställe investieren.

O-Ton

Putenmäster ANDREAS SCHRÖDER:

"In der letzten Zeit ist das Kosten Erlös-Verhältnis sehr eng geworden, es hat vor einem Jahr drastische Preis einschnitte gegeben bei den Puten. Und zur Zeit freue ich mich, wenn die Refinanzierung wieder rauskommt."

O-Ton

Landvolk Sachsen-Anhalt JOCHEN DETTMER:

"Wir meinen, das sind Knebelverträge,die in der heutigen Preissituation Investitionsrisiken bergen, die nicht sinnvoll sind. Zum anderen kommt, daß die Haltungsmethoden der industriali- sierten Putenmast nach unserer Auf fassung nicht einem bäuerlichen Berufsethos entsprechen. Wir dürfen nicht alles mitmachen in der Landwirtschaft, was technisch machbar ist."

KOMMENTAR:

Doch nur noch mit dem technisch Mach baren läßt sich Putenfleisch offenbar billig und damit konkurrenzfähig pro duzieren. Deshalb müssen sich diese süßen Küken in nur 22 Wochen durch eine spezielle Kraftfuttermast in riesige Fleischkolosse verwandeln. Ein Turbo-Wachstum.

Mit jedem Kilo mehr auf den Rippen wird's enger im Stall. Bis zu zehn Prozent bezahlen das Gedränge mit dem Leben. Die Mastmethoden sind überall gleich.

O-Ton

Putenmäster ANDREAS SCHRÖDER:

"Die Verluste sind in einem Rahmen, wie auch in anderen Tierarten gang und gäbe sind. Und insofern weiß ich nicht, was die mit artgerecht meinen. Daß das Tier keinen Auslauf hat, ich meine, das ist in der industriemäßigen Tierproduktion so. Das hat's nicht, aber es ist immerhin so, daß es Tageslicht hat, frische Luft ausreichend."

KOMMENTAR:

In Frankreich, dem größten Exporteur auf dem deutschen Markt, sieht's finsterer aus. In den dort verbreiteten Dunkelställen vegetieren die Puten im Kunstlicht vor sich hin. Hinter solchen Mauern herrscht zudem dicke Luft. Die empfindlichen Puten erkranken häufig an Lungenentzündung.

Aber auch die Haltung in den viel gerühmten Offenställen hat es in sich. Die extrem hohe Tierdichte schafft ideale Bedingungen für Krankheitserreger. Die Luft kann noch so frisch sein, ständig droht die Gefahr, daß Infektionen mit Viren und Bakterien sich wie Lauffeuer ausbreiten. Hinzu kommt noch die Belastung mit Darm und Blutparasiten. Ohne die Pharmaindustrie läuft hier nichts.

Über Futter oder Wasser bekommen die Tiere regelmäßig Impfstoffe, Antibiotika, Histomoniska und Kokzidiostatika verabreicht. Gegen Ende der Mast, wenn die Puten immer schwerer werden, kommen Schmerzmittel hinzu, denn das rasante Wachstum geht ihnen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Knochen.

Nur wer sich noch einigermaßen auf den Beinen hält, kann in der Herde bleiben, schwächere Tiere haben keine Überlebenschance, denn die Überfüllung der Ställe steigert die Aggressivität der Puten.

Eine anfangs harmlose Form der Auseinandersetzung ist das Federpicken. Doch diese Verhaltensstörung kann tödliche Folgen haben. Denn fließt erst einmal Blut, hat nur der eine Überlebenschance, der im Gedränge noch entfliehen kann. Kannibalismus ist bei industriell gehaltenen Puten eine häufige Todesursache.

Um ihn zu bekämpfen, greifen die Putenproduzenten zu umstrittenen Methoden. Mit Laserstrahlen oder glühenden Drähten kürzen sie den Tieren ihren Oberschnabel - ein schmerzhafter Eingriff.

Putenproduzenten behaupten, durch Schnabelkürzen den Tod durch Kannibalismus weitgehend verhindern zu können.

Doch ein Blick in die stets gut gefüllten Kadavertonnen vor den Mastställen beweist, daß der Kannibalismus weiterhin Opfer fordert. Denn trotz gekürzter Schnäbel reißen sich die Tiere blutende Wunden. Wer nicht direkt totgepickt wird, verendet langsam und qualvoll. Die offenen Wunden sind ideale Herde für tödliche Infektionserreger. Glück haben die, die vorher ein Infarkt dahinrafft, das geht schneller.

Puten, die die Mastperiode durchstehen, sind herzlich eingeladen: zum Putenschlachtfest. Beim Verbraucher sind sie heiß begehrt. Ihr Fleisch ist billig, eiweißreich und fettarm. Die Tierquälerei auf dem Wege vom Putenküken zum Putenkoloß, die kennen die meisten Verbraucher nicht.

JOACHIM WAGNER:

Der Einsatz von Medikamenten in der Putenmast ist bis zu gewissen Grenzwerten zulässig. Nur wenn sie überschritten werden, kann der Genuß von Putenfleisch für Verbraucher gefährlich sein.

POHLMANN CONTRA PANORAMA

JOACHIM WAGNER:

Um Verbraucherschutz hat sich Hühnerbaron Anton Pohimann nur wenig gekümmert. Dafür ist der ehemals größte Eierproduzent Europas Anfang Juni zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe mit Bewährung verurteilt worden. Mitverantwortlich dafür war ein PANORAMAFilm aus dem Januar dieses Jahres. Die Berichterstattung und ihre Folgen haben Pohimann außerdem sage und schreibe 50 Millionen Mark gekostet. Warum, erklärt Christian Kossin.

POHLMANN CONTRA PANORAMA

KOMMENTAR:

Hühnerbaron Anton Pohimann auf dem Weg zum Landgericht Oldenburg, dahin, wo Tierschützer ihren Intimfeind schon lange sehen wollten. Sein Name ist zum Synonym für die Bruta lität der Massentierhaltung und die Ohnmacht ihrer Gegner geworden. Im größten Eier-Imperium Europas gab es immer wieder Skandale. Verstöße gegen Hygiene-, Umwelt- und Tierschutz bestimmungen wurden, wenn überhaupt, mit Bußen oder Geldstrafen geahndet. Die zahlte Pohimann aus der Portokasse - mit reinem Gewissen.

O-Ton

1994 ANTON POHLMANN:

"Ich war immer lernfähig, und ich glaube, alle Beteiligten heute bei den Behörden werden mir zugestehen, daß wir heute unser Geschäft sehr sorgfältig und sehr ordentlich führen."

KOMMENTAR:

Recherchen von Tierschützern und PANORAMA brachten erstmals handfeste Beweise ( gegen Pohlmann. Tonnenweise ätzende Desinfektionsmittel statt teurer Medikamente im Hühnerfutter und illegale Schädlingsbekämpfung mit dem Ultragift Nikotin - Millionen nikotinverseuchter Eier im Handel. Aufgrund von PANORAMA-Hinweisen durchsuchte die Staatsanwaltschaft Oldenburg das Eier-Imperium. Dabei stellte sie belastandes Beweismaterial sicher. Pohimann mußte für sieben Wochen in Untersuchungshaft. Erst gegen fünf Millionen Kaution kam er wieder frei. Anfang Juni verurteilte das Landgericht Oldenburg den Hühnerbaron zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung, verhängteein lebenslanges Tierhaltungsverbot und eine Geldstrafe von 3,1 Millionen Mark. Ein Grund für die relativ geringe Geldstrafe: der PANORAMA-Film, die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und das verheerende öffentliche Echo hatten Pohimann schon vor dem Strafurteil 50 Millionen Mark gekostet. Denn kurz zuvor hatte der Hühnerbaron sein Imperium für 186 Millionen Mark verkauft. Wegen des Rufschadens und gekündigter Lieferverträge drückten die Käufer den Preis um 50 Millionen. Verloren ein Teil des schönen Geldes, das Pohlmann auch durch Tierquälerei und Gesetzesverstöße gescheffelt hatte.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 04.07.1996 | 21:00 Uhr