"Unverantwortlich, so zu handeln"

von Stefan Buchen und Christian Salewski

Wie viel soziale Verantwortung zeigt ein Unternehmen, das bei Rekordgewinn tausende von Menschen auf die Straße schickt?

Das hat keine soziale Verantwortung, die müsste es aber haben. Unternehmen sind Teil der Gesellschaft. Ein Unternehmen wie Siemens mit über 6,2 Milliarden Euro Gewinn, was ja von den Menschen erwirtschaftet ist, nimmt die Verantwortung nicht war, wenn es gleichzeitig in diesem Umfang Arbeitsplätze abbauen und die Leute auf die Straße stellen will.

Klaus Abel © NDR Fotograf: Screenshot

Klaus Abel ist Erster Bevollmächtigter der IG Metall Berlin.

Was glauben Sie, wie kommt Siemens-Chef Joe Kaeser auf die Idee, das zu tun?

Ich glaub, er ist sehr weit weg von den Menschen. Er guckt halt auf die nackten Zahlen und denkt, er kann mehr Marge machen, wenn er mit weniger Leuten arbeitet. Und er hat den Blick auf die Realität in den Werken ein Stück weit verloren.

Joe Kaeser saß neulich mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump zum Abendessen zusammen. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Also ich fand es unverantwortlich, wie Herr Kaeser sich da geäußert hat. Auf der einen Seite hab ich mich ein Stück weit gefreut, weil er gesagt hat, Gasturbinen haben eine Zukunft – in Deutschland hat er ja immer gesagt, Gasturbinen können wir nicht mehr verkaufen – auf der anderen Seite fand ich es unverantwortlich, dass er sich da mit Herrn Trump gemein gemacht hat und gesagt hat, aufgrund der Steuerreform werden wir jetzt in den USA investieren. Er muss auch sehen, was das bei den Menschen hier in Berlin ausgelöst hat. Im Gasturbinenwerk waren die Menschen entsetzt, weil sie ja gleichzeitig hören, Gasturbinen will das Management hier nicht mehr bauen. Insofern finde ich das für den Chef eines Weltkonzerns unverantwortlich, sich so zu verhalten.

Trump beginnt mit seiner Reform der Unternehmenssteuern ja eine Art Steuerwettlauf nach unten. Könnte das dazu führen, dass tatsächlich Arbeit aus Deutschland in die USA verlagert wird?

Vorstellbar ist das. Es war ja offensichtlich, dass Herr Kaeser eine Entscheidung, die bereits früher gefallen war, jetzt argumentativ mit dieser Steuerreform verbindet.

Die großen Gasturbinen haben ja angeblich keine Zukunft, wenn man den Begründungen für die Einschnitte in der Kraftwerkssparte glaubt. Gibt es da wirklich keine realistische Alternative?

Doch die Gasturbine hat Zukunft. Eine Turbine, die hier in Berlin im Moment gebaut wird, wird im nächsten Jahr ein Stück weit entfernt, in einem Kraftwerk in Marzahn aufgebaut werden, es gibt in Deutschland eine Reihe von Anlagen und der Weltmarkt – gerade Asien, Afrika, Lateinamerika – wird auch künftig eine Nachfrage nach Gasturbinen haben.

Was bedeuten diese Abbaupläne bei Siemens für die Sozialpartnerschaft in Deutschland?

Die Sozialpartnerschaft in Deutschland wird durch so ein Verhalten infrage gestellt, weil wir als Gewerkschaften immer sagen: Wir führen einen Dialog mit den Arbeitgebern, um diesen Transformationsprozess, der in der Industrie stattfindet, gemeinsam mit den Menschen zu gestalten. Unsere Einschätzung ist: Wir haben in Deutschland Ingenieurskunst, Facharbeiterwissen, das können wir mit der Digitalisierung verbinden und in die Zukunft führen. Und Herr Kaeser meint offensichtlich, dass er sich von traditionellen Bereichen verabschieden und mit Digitalisierung Extraprofite machen zu können. Das wird aber nicht funktionieren, wenn er nicht den Dialog mit uns führt. So wird er auch nachhaltig das Unternehmen schädigen, weil das so nicht zukunftsfähig sein wird.

Anstatt Menschen zu feuern, könnte man sie nicht mitnehmen beim digitalen Wandel, etwa durch Umschulungen?

Auf jeden Fall können die Menschen mitgenommen werden, wir können sie gut gebrauchen. Die Stärke von Deutschland ist gerade, das traditionelle Geschäft zu beherrschen, also die industrielle Fertigung, und diese zu verbinden mit neuen Entwicklungen der Digitalisierung. Das macht gerade unsere Stärke aus und deshalb ist es so fatal, wenn Herr Kaeser meint, er will die Leute auf die Straße stellen. Wir müssen sie mitnehmen und sind dann als deutscher Industriestandort auch stärker.

Wie wollen Sie den Abbauplänen jetzt begegnen?

Auf zwei Ebenen: Protest auf der Straße und gleichzeitig sind wir dabei, Alternativkonzepte zu entwickeln. Hier im Werk gibt es bereits Innovationskonzepte, die in Siemens reingespielt werden. Kluge Konzepte gepaart mit Druck, Einschalten der Politik, um diese Pläne von Herrn Kaeser nicht Wirklichkeit werden zu lassen.

Wie schätzen Sie Ihre Erfolgsaussichten ein?

Ich denke, die sind gut. Im Moment finden ja Sondierungsgespräche statt und wir haben wirklich gute Argumente auf unserer Seite. Herr Kaeser hat sich verrechnet, er hat nicht mit dem Widerstand der Menschen gerechnet, auch nicht mit ihrer Innovationskraft. Ich glaube, wir werden diese Pläne wirklich nachhaltig verändern können.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 15.02.2018 | 21:45 Uhr