Stand: 03.05.18 08:00 Uhr

Streng geheim: Deutsche Chemiewaffenpläne im Kalten Krieg

von Lena Gürtler, Gabor Halasz, Christoph Heinzle und Jennifer Ilona Lange

Fast 50 Jahre sind seit seinen Recherchen vergangen. Der Journalist Günter Wallraff erinnert sich noch gut, wie er und sein Kollege Jörg Heimbrecht beschimpft wurden. In der linken Zeitschrift "konkret" hatten sie geschrieben, Deutschland könne Schauplatz eines Giftkrieges werden. "Giftgas für die Bundeswehr", so lautete damals der Titel. "Ich habe lange gedacht 'Mensch, bin ich derjenige der übertrieben hat?'", sagt Günter Wallraff. "Wenn ich jetzt diese streng geheimen Unterlagen sehe, dann sage ich, in vielem war das zu harmlos."

Hand auf Landkarte © NDR Fotograf: Screenshot

Deutsche Chemiewaffenpläne im Kalten Krieg
Nie wieder Auschwitz, nie wieder Chemiewaffen. Das hatte die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg geschworen. Doch Recherchen zeigen: Die Bundeswehr plante mit Chemiewaffen.

Brisante Geheim-Dokumente

Die Unterlagen stammen aus dem Bundesarchiv und waren jahrzehntelang streng geheim. Nun sind sie öffentlich zugänglich und wurden von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" ausgewertet. Sie bestätigen einen Teil der Recherchen von Wallraff und Heimbrecht, nämlich dass sich die Bundesrepublik auf den Einsatz von Chemiewaffen vorbereitete. Die Bundeswehr - so schrieb der Führungsstab des Heeres - plane mit eigenen "C-Einsatzmitteln". 1963 bat der damalige Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel die US-Regierung geheim um die Belieferung mit chemischer Munition. Das Pentagon war zunächst bereit, dem nachzukommen. Das US-Außenministerium aber äußerte Bedenken.

Bundeswehr plante Einsatz chemischer Waffen

Günter Wallraff (l.) und Jörg Heimbrecht © NDR Fotograf: Screenshot

Günter Wallraff (l.) und Jörg Heimbrecht wurden für ihre Berichterstattung über chemische Waffen in den 1960ern scharf kritisiert.

Parallel dazu plante die Bundeswehr in einem kleinen Kreis hochrangiger Offiziere 1962 bis mindestens 1968 detailliert einen möglichen Einsatz von C-Waffen - auf Weisung des Generalinspekteurs und in Rücksprache mit Verteidigungsminister und Staatssekretären. Wie aus den Dokumenten hervorgeht, schlugen die Militärs vor, 14.000 Tonnen C-Waffen für die Bundeswehr in den USA zu beschaffen und im Ernstfall durch Artillerie und Luftwaffe gegen Truppen des Warschauer Pakts einzusetzen. Generäle und Spitzenbeamte aus dem Verteidigungsministerium spielten den Einsatz von Chemiewaffen durch - 1967 in der Planübung Damokles, einer Art Manöver am Tisch.

Der Journalist Jörg Heimbrecht ist vom Inhalt der Dokumente trotz seiner damaligen Recherchen überrascht. "Wir gingen davon aus, dass es eine Gruppe von rechten Offizieren gibt, die so eine Ausrüstung der Bundeswehr damit planen. Wir wären nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass das eine offizielle Planung der Bundeswehrführung sein könnte."

"Hetz- und Verleumdungskampagne"

Offiziell hatten Bundeswehr und Verteidigungsministerium alle Pläne vehement dementiert. Sie sprachen von der "linksextremistischen Zeitschrift" "konkret" und einer vom Osten gesteuerten "Hetz- und Verleumdungskampagne". Tatsächlich präsentierte die DDR 1968 der Weltpresse einen Überläufer aus dem Westen. Ehrenfried Petras war vom Bundesverteidigungsministerium beauftragt worden, an chemischen Kampfstoffen zu forschen. Stasi und SED starteten eine Propaganda-Kampagne, die auch Grundlage für die Recherchen der West-Journalisten war.

Hubertus Knabe © NDR Fotograf: Screenshot

Der Historiker Hubertus Knabe bemängelt die Quellen von Günter Wallraff und Jörg Heimbrecht.

Für den Historiker Hubertus Knabe ein Tabubruch. Wallraff und Heimbrecht hätten die Informationen aus dem Osten nicht nutzen dürfen. "Was Wallraff anbetrifft, finde ich es einfach für einen seriösen Journalisten absolut unstatthaft, sich aus DDR-Quellen versorgen zu lassen. Das ist eine klassische aktive Maßnahme, wo man entweder als nützlicher Idiot im besten Fall fungiert oder sogar als bewusst handelnder Einflussagent." Wallraff entgegnet, es bestehe kein Zweifel an den Recherchen, und sein Kollege Jörg Heimbrecht ergänzt: "Wenn das Ergebnis stimmt, dann würde ich sagen, hätte ich auch heute kein Problem, wenn man mir vorwirft: Du hast mit einem Geheimdienst gesprochen." Davon ist Heimbrecht heute noch überzeugt. Er würde heute wieder so handeln.

Keine Hinweise auf Herstellung von C-Waffen

Für die eigene Herstellung von Giftwaffen durch die Bundesrepublik gibt es allerdings auch in den neuen Dokumenten keinen Hinweis. Diese Behauptung von Wallraff und Heimbrecht ist also bis heute nicht belegt. Tatsächlich wollte die Bundeswehr tausende Tonnen Giftgasmunition fertig kaufen, in den USA. Im Ergebnis das Gleiche, aber so konnte das Verteidigungsministerium die Öffentlichkeit täuschen.

Auf Anfrage von NDR, WDR und SZ erklärte das Bundesverteidigungsministerium jetzt, ihm lägen zu den damaligen Planungen keine Informationen vor, da der Vorgang zeitlich zu weit zurückliege: "Heute existieren auf deutschem Boden weder in deutscher noch in Verantwortung von NATO-Verbündeten Chemie-Waffen." Die Pläne - so zeigen es die Dokumente - wurden 1968 offenbar aufgegeben. Die USA hatten es abgelehnt, Deutschland C-Waffen zu liefern.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 03.05.2018 | 21:45 Uhr