Kommentar

„Besorgte Bürger" unterwandern Polizei

von Kaveh Kooroshy

"Ich hab' noch nie so was erlebt, der Klassenraum sah aus wie Sau, die Hälfte Araber und Türken, frech wie Sau. Dumm. Konnten sich nicht artikulieren." Es ist eine anonyme Audiodatei, die die Zeitung „Die Welt" veröffentlicht hat und in der es weiter heißt: "Das sind keine Kollegen, das ist der Feind. Das ist der Feind in unseren Reihen." An der Echtheit der Aufnahme besteht laut Polizei kein Zweifel.

Vorwürfe gegen Polizeiausbilder werden geprüft

Polizeischüler der Polizeiakademie Berlin

Polizeischüler mit Migrationshintergrund sollen in der Berliner Polizeiakademie aufgefallen sein.

Es ist schon absurd, was derzeit in Berlin passiert. Polizeiausbilder verunglimpfen Polizeischüler mit Einwanderungshintergrund in rassistischer Weise, und das wird – und das ist das wirklich Absurde – von weiten Teilen der Politik und den Medien wie ernstzunehmende Sachkritik „geprüft". Geprüft heißt hier, dass den anonymen Vorwürfen von angeblichen Polizeiausbildern nachgegangen wird.

Im Berliner Abgeordnetenhaus haben FDP und CDU gemeinsam mit der AfD einen Antrag für eine Sondersitzung gestellt. So heißt es bei der Berliner CDU: „Die anonymen Berichte aus dem Inneren der Polizeiakademie erfordern eine sofortige umfassende Aufklärung durch das Abgeordnetenhaus. Uns erreichen viele Zuschriften besorgter Bürger. Sie alle wollen sich auf ihre Polizei verlassen können. Berichterstattungen zu Disziplinlosigkeiten beunruhigen sie ebenso wie die Sorge vor einer Unterwanderung der Polizei durch die organisierte Kriminalität."

Unterwandern arabische Großclans die Polizei?

Auch einige Medien wollen prüfen. Zum Beispiel, inwiefern es stimmt, dass die Polizei von Kriminellen „unterwandert" wird. Der Vorwurf, auf den sich ein Großteil der Aufregung bezieht und der vom RBB publik gemacht wurde, lautet, ein Polizeianwärter hätte Kontakte zum Miri-Clan. Weiter heißt es, auch andere Polizeianwärter hätten kriminelle Verwandte, und so würde „der Feind" die Polizei unterwandern.

Als ob sich Einzelfälle auf hunderte verallgemeinern lassen. Als ob kriminelle Verwandte zu einem Berufsverbot als Polizist führen müssten. Als ob die bloße Anwesenheit eines Deutschen, dessen Eltern oder Großeltern nicht in Deutschland geboren wurden, der Beleg für „Unterwanderung" sei.

Als ob diejenigen, die den Minderheiten zugerechnet werden, die so genannte Mehrheitsgesellschaft unterwandern würden und damit also gar nicht Teil einer Gesellschaft wären.

Wer aber so denkt, hat unsere Wertegemeinschaft längst verlassen.

"Besorgte Bürger" sind die größere Gefahr

Umgehend müssten diejenigen, die solche Aussagen treffen und Polizisten ausbilden (!), ermittelt und sanktioniert werden. Und die Medien müssten klarstellen wes Geistes Kind das Thema ist: es ist der viel zitierte „besorgte Bürger". Es ist derselbe, der die Islamisierung des Abendlandes fürchtet und Geflüchtete für nicht integrierbar hält.

Es ist nämlich der besorgte Bürger, der uns glauben lassen will, dass Polizeianwärter mit Migrationshintergrund eine Gefahr sind. Und zwar generell. Denn in der Berliner Polizei hat es ein Umdenken gegeben: erfolgreiche Polizeiarbeit kann nicht gegen die Minderheiten, sondern nur mit ihnen gemeinsam gelingen. 40% aller Polizeianwärter in Berlin haben deshalb inzwischen einen Migrationshintergrund.

Die Vielfalt der Stadt, die sich nun auch in der Polizei widerspiegeln soll, ist aber wohl das eigentliche Problem des besorgten Bürgers, deren Zuschriften die CDU erreichen. Unvorstellbar, dass der Strafzettel für das Falschparken bald schon von Mustafa ausgestellt wird. Deshalb stellt sich hier eigentlich eine ganz andere Frage: inwiefern ist die Polizei eigentlich vom besorgten Bürger unterwandert? Und inwieweit führt diese Unterwanderung dazu, dass rassistische Imaginationen systematisch in Politik und Medien sickern?