Stand: 11.02.15 09:00 Uhr

Verfolgung der Jesiden durch den IS

von Finn Rütten
Frauen stehen um einen Ofen in einem der Flüchtlingslager im Nordirak. © NDR/beckground tv

Abertausende suchen Zuflucht in Lagern.

Die Gräueltaten des "Islamischen Staates" an den Jesiden im Nordirak und in Syrien entsetzten die Weltöffentlichkeit. Tausende Angehörige der kurdischen Minderheit wurden ermordet, Frauen und Mädchen entführt, vergewaltigt und versklavt. Viele sind immer noch auf der Flucht vor den Dschihadisten. Laut Nahost-Experte Jan Ilhan Kizilhan geht die kurdische Regionalverwaltung im Irak von 3.800 verschleppten Jesidinnen aus. Viele Jesiden in der Region seien aber nicht meldetechnisch erfasst. So rechnet Kizilhan mit rund 5.600 verschwundenen Frauen. Nur knapp 500 davon kamen bislang wieder frei. Einige von ihnen konnten fliehen, andere wurden von ihren Familienangehörigen freigekauft. Mitte Januar 2015 ließ die Terrormiliz überraschend mindestens 200 Jesiden frei, darunter hauptsächlich alte Menschen und kleine Kinder.

Veraltete islam-geschichtliche Argumente

Der IS sieht Jesiden als Ungläubige und behandelt sie entsprechend erniedrigend. "Die Milizen des IS rechtfertigen ihr Vorgehen mit einer veralteten islam-geschichtlichen Argumentation zur Kriegsbeute", sagt Islamwissenschaftler und Ethnologe Dr. Robert Lange von der Universität Heidelberg. Die Extremisten sprechen Jesiden den Stellenwert von Menschen ab. Diese gelten als Besitz und dürfen versklavt werden. Auch sexuelle Gewalt ist im verschobenen Moralgefüge der Terroristen offensichtlich in Ordnung. "Die Überlebenden sprechen von mehrfachen Vergewaltigungen pro Tag, Schlägen, Demütigungen und Menschenhandel", sagt Kizilhan. Teilweise gehe es um Mädchen, die erst elf oder zwölf Jahre alt seien.

Vergewaltigungen als Strategie

Hinter den Vergewaltigungen von jesidischen Frauen und Mädchen verbirgt sich eine perfide Strategie der IS-Milizen, meint Kizilhan. So sehen streng-konservativ und patriarchisch organisierte Teile der Jesiden den Verlust der Jungfräulichkeit der jungen Mädchen als Entehrung für sie und die gesamte Familie. "Diese patriarchischen Strukturen sehen wir vor allem in den ländlichen Gebieten und kleineren Dörfern", sagt Kizilhan. Kulturell spielt hier auch das Gefühl des "Gesichtsverlustes" eine Rolle, meint Religions- und Politikwissenschaftler Dr. Michael Blume. Die Männer hätten den Eindruck, beim Beschützen ihrer Familie versagt zu haben.

Mythos Teufelsanbeter

Die Mitglieder des "Islamischen Staats" sind nicht die ersten fundamentalistischen Muslime, die Jesiden aufgrund ihrer Religion verfolgen. Während die meisten Kurden sunnitische Muslime sind, gehören Jesiden zu einer eigenen Glaubensgemeinschaft. Sie vereinen verschiedene Bräuche aus unterschiedlichen Religionen. Von fundamentalistischen Muslimen wurden und werden sie oftmals als "Teufelsanbeter" diskriminiert, verfolgt und auch getötet. Kizilhan geht davon aus, dass in den vergangenen 700 Jahren 1,2 Millionen Jesiden im Nahen Osten zwangsweise zum Islam konvertieren mussten und 1,8 Millionen von ihnen umgebracht wurden. Die Jesiden selbst zählen die Verfolgung durch den IS als den 74. Genozid an ihnen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | #Beckmann | 23.02.2015 | 20:15 Uhr