Stand: 03.10.15 21:47 Uhr

Millionen Iraker flüchten vor dem Terror

von Finn Rütten
Irakische Flüchtlinge stehen in einer Schlange. Eine Frau trägt ein Kind auf dem Arm. © dpa bildfunk Fotograf: Kamal Akrayi

Viele Flüchtlinge suchten im kurdischen Teil des Irak Zuflucht.

Nach UN-Angaben sind im Irak seit Anfang 2014 bis August 2015 geschätzt etwa 3,1 Millionen Menschen auf der Flucht. Weitere 250.000 Syrer haben sich in den letzten Jahren vor dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland in den Irak gerettet. Die rund 35 offiziellen Flüchtlingslager sind hoffnungslos überfüllt. Viele liegen im kurdischen Norden des Landes. Dorthin flüchten vor allem Jesiden, seit der IS im August 2014 deren Heimatregion angegriffen hat. Die UN berichtet von Lagern, die für rund 1.000 Familien geplant waren, in denen aber drei Mal so viele untergebracht sind. In ihrer Not müssen viele Flüchtlinge in improvisierten Camps unter widrigsten Umständen leben. Nach UN-Angaben hat jeder dritte Flüchtling im Irak keine adäquate Unterkunft. Es fehlt besonders an Decken, Schuhen und warmer Kleidung.

In den Flüchtlingslagern im Nordirak fehlt es an allem

Verfolgte Minderheiten

Turkmenen und Schabak

Zu den Minderheiten im Irak gehören auch die Turkmenen und die Schabak. Während die Turkmenen in etwa zu gleichen Anteilen Schiiten und Sunniten sind, ist die große Mehrheit der Schabak den Schiiten zuzurechnen. Schätzungen zugfolge leben im Irak rund 250.000 Schabak und etwa zwei Millionen Turkmenen. Die meisten Schabak sind in mehreren Dörfern östlich von Mossul zu Hause, viele Turkmenen in und um die Städte Erbil, Tal Afar, Kirkuk und Mossul.

In der Region lebende Minderheiten wie Jesiden, Christen, schiitische Turkmenen und Schabak sollen nach IS-Ideologie vertrieben oder vernichtet werden. Amnesty International wirft dem IS "systematische ethnische Säuberungen" vor. Als die Milizen im Sommer 2014 die zweitgrößte irakische Stadt Mossul überrannten, mussten Tausende Christen fliehen. Rund die Hälfte der 300.000im Irak lebenden Christen hat Zuflucht im kurdischen Norden gesucht. In der Region östlich von Mossul mussten schiitische Schabak ihre Heimatdörfer verlassen. Rund 200.000 Menschen aus dem Gebiet flohen vor dem IS.

Als kurdische Peschmerga und schiitische Milizen im Oktober 2014 einige der vom IS gehaltenen Gebiete zurückeroberten, soll es allerdings zu Racheakten gekommen sein. So sind Berichten zufolge arabische Dörfer mit sunnitischen Muslimen angegriffen, deren Häuser verbrannt und deren Besitz enteignet worden.

Situation in den Nachbarländern

Die Flüchtlingssituation in der gesamten Region ist angespannt. Bereits vor der Offensive des "Islamischen Staates" im Sommer 2014 beherbergten die umliegenden Länder mehrere Millionen Flüchtlinge, hauptsächlich aus Syrien. Die Zahl der syrischen Flüchtlinge in der Türkei wird mittlerweile sogar auf mehr als 1,9 Millionen geschätzt. Länder wie Jordanien oder der Libanon stehen vor großen Herausforderungen, da sie im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl besonders viele Flüchtlinge aufnehmen. So leben im 4,5-Millionen-Staat Libanon aktuell mehr als 1,1 Millionen Flüchtlinge. In Jordanien sind es rund 630.000 bei 6,5 Millionen jordanischen Staatsbürgern.

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Irakische Asylbewerber in Deutschland

Weit weniger Flüchtlinge sind es in Deutschland: In den ersten acht Monaten 2015 haben etwa 231.000 Menschen einen Erstantrag auf Asyl gestellt, darunter mehr als 52.000 Syrer und 12.500 Iraker. Mehr als die Hälfte der irakischen Flüchtlinge 2014 stellte zum ersten Mal einen Asylantrag in Deutschland. Die Zahl dieser Anträge stieg zwar deutlich im Vergleich zum Vorjahr, doch 2013 hatte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) weniger irakische Asylbewerber als in den Jahren zuvor verzeichnet.

Das Land Baden-Württemberg plant zudem bis zu 1.000 traumatisierte jesidische Frauen und Mädchen aus dem Nordirak nach Deutschland zu holen. Die Frauen, die von den Männern des IS verschleppt und teilweise vergewaltigt wurden, sollen in Baden-Württemberg psychologisch behandelt und betreut werden. Aktuell sind bereits 400 Frauen und Mädchen - hauptsächlich Jesidinnen, aber auch Christen und Muslime - in dem Bundesland in Behandlung. Weitere 600 sollen bis Jahresende folgen. Auch Niedersachsen hat ein entsprechendes Sonderprogramm auf den Weg gebracht.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | #Beckmann | 23.02.2015 | 20:15 Uhr