Stand: 25.02.15 13:28 Uhr

Irak-Reisetagebuch: Flüchtlingscamp bei Zakho

von Reinhold Beckmann und Helmar Büchel

Dienstag, 13. Januar

Mehrere Rohbauten © NDR/beckground tv Fotograf: Thamer Alyas

Unterkunft für 2.800 Jesiden.

Das hier ist der Vorhof zur Hölle! Wir sind in einem Camp, das man nicht als solches bezeichnen kann. 2.800 Jesiden hausen unter schlimmsten Bedingungen in Betonruinen - irgendwo im Nirgendwo unweit der türkischen Grenze. Die Lebenssituation ist so katastrophal, dass alle in unserem Team plötzlich verstummen. Kein Wort - nur Tränen.

Eine vertriebene und vergessene Gemeinde kämpft um ihr Überleben: völlig verstörte Waisenkinder, von IS-Kriegern vergewaltigte Frauen, Männer, die nach ihren vermissten Frauen und Kindern suchen. Gestern ist hier ein 18-jähriger junger Mann gestorben. Er hat die Strapazen der Flucht nicht überstanden.

Besonders Songül Tolan setzen die ersten Eindrücke und Bilder schwer zu. Die junge Frau ist Jesidin und lebt in Berlin. Sie promoviert in Volkswirtschaft. Ihre Eltern und Brüder sind in Oldenburg zu Hause, dort wo die größte jesidische Gemeinde Deutschlands angesiedelt ist. Seit dem Einmarsch der IS im Shingal ist Songül für die Jesiden in Deutschland eine Art Pressesprecherin. Als der Genozid des IS gegen ihre Volksgruppe begann, war sie zu Gast in meiner Sendung und beeindruckte uns mit ihren eindringlichen Schilderungen. Jetzt begleitet uns Songül als Vertreterin des Zentralrats der Jesiden in Deutschland auf unserer Reise durch den Norden des Irak. Sie ist das erste Mal in der Heimat ihrer Mütter und Väter. Und sie ist sichtlich geschockt und getroffen von dem, was wir hier vorfinden.

Im Camp werden wir empfangen wie lang ersehnte Retter. Nur können wir diese Rolle gar nicht ausfüllen. Wir können nur versuchen, die Geschichte der Vertreibung und Demütigung dieser Menschen zu erzählen. Und das werden wir mit all unseren Möglichkeiten tun. 1,85 Millionen Menschen sind hier auf der Flucht. In Europa redet kaum einer darüber. Wir sind jetzt seit vier Tagen im Irak. Man verliert hier schnell den Glauben, dass der Mensch ein kluges Wesen sein könnte.

20.000 Isis-Kämpfer befinden sich im Irak, 20.000 in Syrien , zudem 30.000 al-Quaida- und al-Nusra-Kämpfer. Und es werden immer mehr.

Wir sind in Zakho unweit der türkischen Grenze. Um hier anzukommen, haben wir Mossul weiträumig umfahren. Der IS hat die zweitgrößte Stadt des Irak komplett unter Kontrolle. Komisch - aber mittlerweile haben wir uns an die vielen Checkpoints gewöhnt. Unsere einheimischen Fahrer sind routiniert im Umgang mit dieser überaus angespannten Situation. Morgen früh drehen wir mit Pater Emanuel, der sich mit großem Engagement für die vergessenen Frauen und Kinder engagiert und eine dezidierte Meinung zur gesellschaftlichen Situation des Irak und seiner so zerstrittenen Ethnien hat.

Kurz vor Mitternacht kommen wir im Hotel an. Es ist arschkalt. Das Hotel hat keine Heizung. Die Klimaanlage muss es richten. Sie blubbert und kämpft vor sich hin, während die Flüchtlinge aus dem Shingal in den Betonruinen von Zakho ohne unseren Luxus auskommen müssen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | #Beckmann | 23.02.2015 | 20:15 Uhr