Familie, Beruf, Religion: Türkeistämmige in Zahlen

von Björn Erichsen
Eine deutsche und eine türkische Fahne an dem Seitenfenster eines Automobils. © picture-alliance / dpa Fotograf: Gero Breloer

Auf Dauer angelegt: die Beziehung zwischen Deutschen und Türken in Almanya.

Viele Deutsche und Deutschtürken sind sich zunehmend fremd. Nicht nur in der Beurteilung der Erdogan-Regierung und des Islams herrscht gegenseitiges Unverständnis. Experten fürchten um den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Obwohl Türkeistämmige seit Jahrzehnten zu Deutschland gehören, wissen wir noch immer relativ wenig übereinander.

Der Religionssoziologe Detlef Pollack hat kürzlich in einer umfangreichen Studie für die Universität Münster herausgefunden: Sie fühlen sich wohl in Deutschland, zumindest sagen das 90 Prozent der Befragten. Ein überraschend hoher Wert, angesichts der jüngsten Debatten um Kopftuchverbote, Armenien-Resolution und Erdogan-Politik. 87 Prozent betonen ihre Verbundenheit zu Deutschland, immerhin noch 70 Prozent ihren ehrlichen Integrationswillen. Jedoch stimmt auch die Hälfte diesem Satz hier zu: "Als Türkeistämmiger fühle ich mich als Bürger zweiter Klasse."

Keine homogene Gruppe

Ein Widerspruch ist das nicht, das zeigt eine Betrachtung der wichtigsten sozioökonomischen Daten. Als homogene Gruppe darf man die insgesamt 2,851 Millionen Türkeistämmigen hierzulande dabei nicht verstehen: Sie unterscheiden sich zum Teil stark hinsichtlich Aufenthaltsdauer, Bildungsniveau und Sprachkenntnissen. Nur noch die Hälfte verfügt überhaupt über eigene Migrationserfahrung. Türkeistämmige, das können sein der anatolische Arbeitsmigrant, der Facharzt aus Istanbul oder die hier geborene Studentin aus Berlin. Oder einer der vielen türkeistämmigen Kurden, die hierzulande politisches Asyl erhalten und deren genaue Anzahl in den offiziellen Statistiken nicht gesondert erhoben wird.

Doch trotz der Vielschichtigkeit lohnt der Blick auf die Daten: Verrät er doch einiges über ihre Lebensumstände und ihre Konflikte, sowohl untereinander als auch in der Auseinandersetzung mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Der statistische Durchschnitt

Die meisten Menschen mit türkischem Migrationshintergrund leben in den Ballungsräumen von Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern oder in Berlin, meist in bescheidenen Verhältnissen:

  • Ihr Haushaltseinkommen liegt mit 1.242 Euro recht deutlich unter dem deutschen Durchschnitt von 1730 Euro.
  • Die Türkeistämmigen leben besonders häufig in Familien, im Schnitt haben sie 1,98 Kinder, ihre durchschnittliche Haushaltsgröße beträgt 3,2 Personen (Deutsche: 1,9).
  • Da bleibt nur wenig Platz: Jedem Türkeistämmigen stehen im Durchschnitt lediglich 32 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, nur etwas mehr als halb so viel wie der deutsche Durchschnitt (59 Quadratmeter).

Diese traditionellen Strukturen bröckeln allerdings. Das zeigt sich, wenn man die erste Generation der Einwanderer sowie die Nachkommen der zweiten bzw. dritten Generation gesondert betrachtet: Die Jüngeren heiraten später, haben weniger Nachwuchs, leben häufiger allein oder zusammen ohne Trauschein - und nähern sich damit den demografischen Werten der deutschen Mehrheitsgesellschaft an.

Die Rolle der Frau

Auch in puncto Emanzipation zeigen sie sich fortschrittlicher als ihre Eltern: Dass eine Frau zu Hause bleiben und sich um den Haushalt kümmern soll, finden in der Studie der Uni Münster rund die Hälfte der ersten Generation, aber nur noch 31 Prozent der Jüngeren, womit sie schon ziemlich dicht an der Haltung der Gesamtbevölkerung in dieser Frage liegen (27 Prozent). Von den Frauen selbst stimmt nur jede Fünfte dieser Aussage zu.

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Eine Frage der Bildung

Die größten Integrationshemmnisse waren und sind Bildung und Ausbildung. Zwar lassen sich Erfolge verzeichnen, etwa ein deutlicher Anstieg der türkeistämmigen Studenten an Hochschulen (8,4 Prozent), jedoch stehen dem immer noch 65 Prozent gegenüber, die keinerlei Berufsausbildung vorweisen können. Auch bei den 17 bis 45-Jährige gilt das immer noch für jeden zweiten. Wie schon ihre Eltern sind auch sie überdurchschnittlich häufig als un- oder angelernte Arbeiter oder einfache Angestellte tätig. Eine Konkurrenz für deutsche Arbeitnehmer sind sie, wenn überhaupt, nur im Niedriglohnsektor. Vielmehr sind sie häufiger von Arbeitslosigkeit (Quote: 14 Prozent) und Armut (Risikoquote: 36 Prozent) bedroht.

Die Schulen können das Bildungsgefälle nur langsam abbauen. Zwar haben sich die Rahmenbedingungen verbessert, etwa durch Förderklassen oder Ganztagsangebote. Und tatsächlich hat sich der Anteil derjenigen, die die Schule ohne Abschluss verlassen zwischen erster und zweiter/dritter Generation halbiert. Dennoch: Die Nachkommen der Einwanderer machen seltener Abitur (27 Prozent) und wesentlich häufiger den Hauptschulabschluss (39 Prozent) als gleichaltrige Deutsche (44 Prozent / 17 Prozent). Der Schulerfolg hängt dabei stark vom Bildungsniveau und Integrationsgrad der Eltern ab: Wer für einen Kindergartenplatz sorgt und zu Hause nicht nur türkisch spricht, verschafft seinem Nachwuchs einen besseren Start in ein Bildungssystem, das sich für Kinder aus einfachen Verhältnissen als ohnehin nicht sehr durchlässig erweist.

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Wertewandel: Die Bedeutung des Islam

Parallel zur besseren Integration der Jüngeren konstatiert Prof. Dr. Pollack in seiner Studie einen bemerkenswerten Wertewandel hin zu einer "kulturellen Selbstbehauptung": Eine einfache Assimilation, also die Aufgabe ihrer Kultur, Traditionen und Werte, lehnen sie ab. Stattdessen sagen 86 Prozent der Befragten man solle selbstbewusst zur eigenen Kultur und zur eigenen Herkunft stehen, deutlich häufiger als Mitglieder der ersten Generation (67 Prozent). Eine ähnliche Verteilung entdeckte der Soziologe Pollack bei der Haltung zum Islam, den er als "Identitätsmarker" versteht: So stufen sich mehr Angehörige der zweiten/dritten Generation als "sehr" oder "eher" religiös (72 Prozent) ein, besuchen aber gleichzeitig seltener die Moschee oder suchen das persönliche Gebet als ihre Eltern.

Was die Einschätzung des Islam angeht, haben Deutsche und Türkeistämmige deutlich verschiedene Wahrnehmungen: Während die einen ihn vor allem mit Fanatismus, Gewalt und Unterdrückung von Frauen in Verbindungen bringen, assoziieren Türkeistämmige ihn vor allem mit Friedfertigkeit, Toleranz und Menschenrechten, 83 Prozent macht es wütend, wenn nach einem Terroranschlag als erstes Muslime verdächtigt werden. Gleichzeitig finden sich in der Studie besorgniserregende Aussagen: So stimmen 36 Prozent der Türkeistämmigen dem Satz zu: "Nur der Islam ist in der Lage, die Probleme unser Zeit zu lösen." Die Anzahl von religiösen Fundamentalisten beziffert Pollack auf 18 Prozent in der ersten und halb so viel in der zweiten Generation.

Bereits diese wenigen Zahlen verdeutlichen, wie viel Zündstoff in der Religionsfrage steckt. Die Auseinandersetzung darüber, ob oder wie viel Islam zu Deutschland gehört, dürfte schon jetzt für die Integration der Türkeistämmigen mindestens ebenso wichtig sein wie weitere Fortschritte am Arbeitsmarkt oder bei der Bildung. Dennoch kann man sagen: Die Angehörigen der zweiten/dritten Generation sind in ihrer Mehrheit "angekommen in Almanya".

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | #Beckmann | 13.12.2016 | 22:55 Uhr