Stand: 08.06.15 14:33 Uhr

"Das ganze Leben hat sich drastisch verändert"

Eine Hand hält ein Stück Brot © imago stock&people

Mittlerweile leben etwa 30 Prozent der Griechen unterhalb der Armutsgrenze.

Angst ist das Wort, das am häufigsten fällt, wenn man mit Griechen spricht. Eine junge Akademikerin, ein 49-jähriger Familienvater und eine Rentnerin erzählen über ihr Leben in der Krise und wie sie ihren Alltag bestimmt. Nichts ist mehr, wie es früher mal war.

  • "Leute suchen im Müll nach etwas Essbarem"

    Alexandra D., 66 Jahre alt, Rentnerin, gelernte Bauingenieurin

    Meine persönliche Situation hat sich seit Beginn der Schuldenkrise verschlechtert, dabei gehöre ich eigentlich noch zu den bevorzugten Griechen. Denn immerhin erhalte ich eine Rente, auch wenn ich mich frage, wie lange noch. Sie wurde bereits um drei Monatsbeträge gekürzt, was bedeutet, das ich monatlich mit 300 Euro weniger zurecht kommen muss. Das macht sich im Alltag bemerkbar. Ich muss beim Einkaufen sparen, ich gehe eigentlich gar nicht mehr ins Theater, vielleicht ab und zu mal ins Kino. Ich kann mir nicht mehr das leisten, was ich früher konnte. Dazu kommt, dass ich meinen Bruder unterstütze. Er ist seit langem arbeitslos ist und wohnt jetzt bei mir.

    Natürlich mache ich mir Sorgen um die Zukunft. Ich sehe oft Leute auf der Straße oder vor einem Supermarkt betteln, weil sie ihre Kinder nicht versorgen können. Leute suchen im Müll nach etwas Essbarem. Kinder in der Schule fallen in Ohnmacht, weil sie lange nichts gegessen haben. Und nicht selten höre ich von Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie sich das Leben nehmen. Das ist der Alltag heute in Griechenland.

    Die Politik müsste sich für die Interessen der kleinen Leute einsetzen und die Reichen dazu zwingen, Steuern zu zahlen. Und die europäischen Politiker müssten begreifen, dass die Politik der Sparmaßnahmen keinen Erfolg für ganz Europa haben kann. Keiner kann konsumieren, wenn er nicht genug verdient.

  • "In der Krise kann alles passieren"

    Andreas T., 49, 2 Kinder, Hochschullehrer und Rechtsanwalt

    Das ganze Leben hat sich drastisch geändert, nicht nur materiell, sondern auch psychisch. Mein Gehalt an der Universität wurde in den letzten Jahren immer wieder gekürzt. Früher konnte ich in einer privaten Kanzlei etwas dazuverdienen, heute geht das kaum noch, denn es kann sich niemand mehr einen Anwalt leisten. Mittlerweile geben wir unser Geld fast vollständig nur für Miete, Essen, Versicherungen und Steuern aus, also für das unbedingt Lebensnotwendige. Für Kleidung, Theaterbesuche, Haushaltsgegenstände bleibt da so gut wie nichts übrig. Neulich musste ich einen alten Freund aus der Kindheit belügen, den ich lange nicht mehr gesehen hatte. Als er mal wieder in der Stadt zu Besuch war und mich sehen wollte, behauptete ich, dass ich auf Reisen sei. Und zwar deshalb, weil ich kein Geld gehabt hätte, um ihn abends zum Essen einzuladen. Dafür schäme ich mich.

    Überall in der Gesellschaft spürt man dieses Gefühl, zu versagen. Weil man nicht in der Lage ist, seinen Freunden und seiner Familie das zu bieten, was ihnen früher so gefallen hat. Die Menschen blicken mit Sorgen in die Zukunft, sie sind niedergeschlagen und deprimiert. Oft spürt man einen unterschwelligen Zorn, der plötzlich scheinbar grundlos ausbricht. Häufig kommt es zu Streitereien über irgendwelche finanziellen Dinge. Auch bei uns zu Hause diskutieren wir fast täglich mit Freunden über die Krise, über unsere finanziellen Probleme und über die politische Entwicklung. Alle sind besorgt, wie es weitergeht. Und viele sind unglaublich pessimistisch, sie glauben nicht mehr daran, trotz ihrer persönlichen Anstrengungen noch etwas erreichen zu können. Im Hinblick auf die unmittelbare Zukunft herrscht ein regelrechter Angstzustand. Auch ich habe Angst, dass ich meine Stelle verliere. In der Krise kann alles passieren, unabhängig von der Qualität deiner Arbeit und deinen Leistungen.

  • "Sie wären lieber in Griechenland geblieben"

    Kalliopi Johanna P., 30, ledig, Politikwissenschaftlerin, lebt bei ihren Eltern

    Die Angst ist immer da. Die Angst, meine Arbeit zu verlieren. Die Angst vor den finanziellen Folgen. Anderthalb Jahre habe ich nach meinem Studium eine Stelle gesucht, habe mich immer wieder beworben, bis es dann doch geklappt hat. Geblieben sind meine Zweifel und die Unsicherheit, wie lange ich noch Arbeit haben werde.

    Aufgrund der Krise und des sprunghaften Anstiegs der Arbeitslosigkeit, vor allem bei jungen Leuten, ist es schwer, Arbeit zu finden. Ich kenne viele junge Uni-Absolventen, die seit langer Zeit arbeitslos sind oder ohne Versicherung arbeiten oder schlecht bezahlte Aushilfsjobs annehmen mussten. Eine ganze Reihe meiner Freunde waren aus der Not heraus gezwungen, ins Ausland zu gehen, um eine Berufsperspektive zu haben – obwohl sie lieber in Griechenland geblieben wären.

    Mein ganzes Leben ist beeinflusst durch die Krise, sie bei uns zuhause ständiges Diskussionsthema. Ich schränke vieles ein, was ich früher immer gerne gemacht habe: Essengehen mit Freunden, Reisen oder Shoppen. Heute überlege ich mir vorher sehr genau, ob ich etwas wirklich brauche. Das war früher anders. Meine Hobbys mache ich weiter, aber ich habe mir günstigere Sport-Angebote gesucht. Ich hoffe sehr, dass unsere Regierung es schafft, eine nachhaltige Lösung für einen Ausweg aus der Krise zu finden. Wichtig ist mir, dass Griechenland in der Eurozone bleibt.

    1/1

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | #Beckmann | 08.06.2015 | 20:30 Uhr