Stand: 11.02.15 09:00 Uhr

Das Jesidentum

von Finn Rütten
Drei jesidische Männer sitzen auf dem Boden im Nordirak während des alljährlichen jesidischen Festes zu Ehren Sheikh Adis (um 1944). © picture-alliance / A.F.Kersting

Jesiden leben schon lange im Nordirak.

Das Jesidentum ist eine monotheistische Glaubenstradition, die sich zum Glauben an den gleichen Gott wie die abrahamitischen Religionen bekennt. Als Jeside wird man geboren, niemand kann zum Jesidentum übertreten. Eine Heirat ist nur innerhalb der eigenen Kaste erlaubt. Die beiden Kasten Pirs und Scheich stehen für Geistliche, Muriden sind die Laien und bilden die größte Kaste. Im Gegensatz zum Judentum, Islam oder Christentum ist das Jesidentum keine Buchreligion, hat also kein für alle verbindliches Schriftwerk wie die Bibel oder den Koran. Die Brauchtümer, Mythen und Glaubenslehren sind größtenteils mündlich überliefert. Aufgrund der Auswanderung in westliche Länder gewinnen jedoch Texte und neue Medien unter jüngeren Jesiden an Bedeutung. Erste Aufzeichnungen, die religionswissenschaftlich sicher dem Jesidentum zugerechnet werden können, stammen aus dem 12. Jahrhundert. In der Selbstwahrnehmung der Jesiden sind sie jedoch Angehörige einer der ältesten Religionen der Welt, die 1.000 bis 3.000 Jahre vor Christus zurückgeht. Jesiden sehen sich darüber hinaus als Ursprungsreligion der Kurden, von denen ihrer Ansicht nach viele zwangsislamisiert werden.

Jesiden im Nordirak

Weder Hölle noch Teufel

In der jesidischen Glaubenslehre existiert keine Figur eines bösen Widersachers Gottes wie der Teufel. Im Zentrum des Glaubens stehen sieben von Gott erschaffene Engel, der wichtigste heißt Tausi Melek, was zu Deutsch "der Engel Pfau" bedeutet. In der Überlieferung hat dieser sich nicht wie die anderen sechs Engel dem Menschen unterworfen, worauf Gott ihn zum obersten Engel ernannte. Die Geschichte weist gewisse Parallelen zu dem gefallenen Engel Iblis aus dem Koran auf. Dieser wurde von Gott in die Hölle geschickt, weil er sich dem Menschen nicht unterwerfen wollte, und symbolisiert im Islam daher den Teufel. Diese Parallele führte bei radikalen Muslimen dazu, Jesiden als "Teufelsanbeter" zu bezeichnen und zu verfolgen. Faktisch existieren für Jesiden allerdings weder Teufel noch Hölle. Sie glauben nicht an das Böse, weil dessen Existenz ein Zeichen für die Fehlbarkeit Gottes sei. Gott st jedoch ihrer Ansicht nach unfehlbar.

Das geografische religiöse Zentrum der Jesiden liegt im Nordirak, im Lalisch-Tal nordöstlich der Stadt Mossul. Dort befindet sich die Grabstätte von Scheich Adi ibn Musafir, einem jesidischen Oberhaupt aus dem 12. Jahrhundert. Dieser gilt als der bedeutsamste Heilige der Jesiden. Seine Grabstätte und der dazugehörige Tempel sind das wichtigste Heiligtum der Glaubensgemeinschaft. Die zweitwichtigste Pilgerstätte Sherfedin befindet sich auch im Nordirak, im Shingal-Gebirge.

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Das Erste | #Beckmann | 23.02.2015 | 20:15 Uhr