Stand: 27.02.15 09:50 Uhr

"Viele Flüchtlinge schaffen es nicht in sicheres Gebiet"

Gustavo Fernandez © Sébastien Agnetti/13photo

Gustavo Fernandez arbeitet für "Ärzte ohne Grenzen".

Gustavo Fernandez von "Ärzte ohne Grenzen" koordiniert als Programmverantwortlicher die Einsätze der Organisation im Irak. Im Gespräch mit Team Beckmann erklärt er, mit welchen Schwierigkeiten die Helfer im Land bei ihrem Einsatz für die Flüchtlinge täglich zu kämpfen haben, wie die schnell wechselnde Sicherheitslage deren Arbeit beeinflusst und wo er die Probleme der internationalen Hilfen insgesamt sieht.

Wie viele Ärzte/Sanitäter arbeiten für "Ärzte ohne Grenzen" im Irak?

Gustavo Fernandez: Die Organisation beschäftigt im Moment nahezu 400 Mitarbeiter im Irak. "Ärzte ohne Grenzen" war zum ersten Mal 2003 im Irak tätig und ist seit 2006 durchgehend vor Ort.

Wie ist die Lage im Irak?

Fernandez: Die Situation ist alarmierend. Der Irak erlebt seit 2014 einen dramatischen Anstieg der Gewalt, was zu mehreren großen Flüchtlingswellen führte. Der "Islamische Staat" (IS) dehnte seinen Einflussbereich im Land aus. Irakische Sicherheitskräfte bemühen sich seitdem zusammen mit schiitischen Milizen, kurdischen Kämpfern (Peschmerga) und unterstützt von einer westlichen Koalition sowie der US-Luftwaffe die Offensive abzuwehren.

Heute geht man von mehr als 2,2 Millionen Menschen aus, die aus den Kriegsgebieten im Zentral- und Nord-Irak geflüchtet sind. Der Bedarf an medizinischer und humanitärer Hilfe ist groß. Besonders alarmierend ist die Notlage der Menschen, die in Konfliktregionen festsitzen und weder angemessenen Schutz noch humanitäre Unterstützung bekommen. Die meisten Menschen sind wiederholt geflüchtet. Sie hofften Angriffen und einer Zwangseinberufung zu entkommen. Allerdings konnten sie keine sichereren Gebiete erreichen.

Wo im Irak ist das medizinische Personal von "Ärzte ohne Grenzen" im Einsatz?

Fernandez: "Ärzte ohne Grenzen" versucht dort zu helfen, wo die Versorgung der Menschen am schwierigsten ist. Deswegen setzen wir mobile Kliniken in den Gebieten ein, die zurückerobert wurden (wie die Region um Mossul, die Provinz Saladin) oder in frontnahen Gebieten. Dort halten sich Hunderttausende vertriebene Familien auf - zum Beispiel in Kirkuk und Umgebung. Besonders aktiv sind wir in den Regierungsbezirken Dohuk, Kirkuk, Dyala, Bagdad, Najaf.

Karte: Der Konflikt im Nordirak

Mit wem arbeiten Sie in der Region zusammen? Bekommen Sie Hilfe von staatlichen Stellen?

Fernandez: Die Teams von "Ärzte ohne Grenzen" bemühen sich sehr um einen Dialog mit all denjenigen, die unsere Arbeit vor Ort erleichtern können, unsere Organisation akzeptieren und unsere Neutralität in einer sich ständig verändernden Situation bewahren. Dazu gehören staatliche Stellen, Stammesführer, Scheichs oder Interessensvertreter der Gemeinden.

Was benötigen die Menschen in der Region am dringendsten?

Fernandez: Die Lebensbedingungen machen uns große Sorgen. Der Mehrzahl der Menschen, die vor der Gewalt in ihren Heimatorte geflohen sind, lebt nun in unfertigen Gebäuden. Viele sind in überteuerten Zimmern untergekommen. Es fehlt das Geld für lebensnotwendige Dinge, die Hygienesituation ist sehr schlecht. Eine weitere große Herausforderung im Irak ist die Behandlung von chronisch kranken Menschen.

Der Krieg und die Flucht wirken sich auch auf die Psyche der Menschen aus (Stress, Depressionen), was wiederum Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit hat. Da viele stark traumatisiert sind, ist der Bedarf an psychologischer Betreuung sehr groß. In den Regionen mit besonders vielen Flüchtlingen sind die medizinischen Einrichtungen überlastet, besonders die Krankenhäuser. Das kann nicht durch den Einsatz von mobilen Kliniken abgefangen werden. Unsere Teams prüfen zurzeit in Zusammenarbeit mit den örtlich Verantwortlichen, wie Krankenhauseinrichtungen, insbesondere Entbindungsstationen unterstützt werden können.

Inwiefern beeinflussen die Angriffe des IS die Arbeit der Ärzte in der Region?

Fernandez: Nach wie vor werden Krankenhäuser bombardiert. Am 9. Mai 2014 wurde Berichten zufolge durch einen Luftangriff auf das Krankenhaus in Hawijah 18 Menschen getötet, viele davon Neugeborene. Das Krankenhausgebäude wurde stark beschädigt, die Frühgeborenenstation stürzte ein. Auch Krankenhäuser in Tikrit, Shirkat, Fallujah wurden Berichten zufolge stark beschädigt. Nachdem die Rebellen die Stadt Shingal im August eingenommen hatten, sollen alle Mediziner aus der Region geflüchtet sein. In den Kriegsgebieten, wo sie am nötigsten wäre, fehlt es an medizinischer Versorgung.

Welche Risiken gibt es für das medizinische Personal vor Ort?

Fernandez: Die instabile Sicherheitslage ist das größte Problem. Deshalb kann weniger humanitäre Hilfe als eigentlich nötig geleistet werden. Durch den Krieg im Irak sind große Landstriche praktisch nicht zugänglich, obwohl genau dort viele Menschen dringend Hilfe benötigen. Unsere Teams wagen sich so nah wie möglich an die Front. Doch manchmal sind sie gezwungen, sich aufgrund der Sicherheitslage schnell zurückzuziehen. Deswegen ist es notwendig, dass die Teams die Situation ständig genau analysieren, um die Risiken zu minimieren.

Während unseres Hilfseinsatzes in dieser aktuellen Krise mussten immer wieder Einsätze beendet oder neu ausgerichtet werden, weil sich die Sicherheitslage stark verändert hatte, die medizinische Infrastruktur zusammengebrochen war oder sich das Personal nicht mehr sicher fühlte.

Seit vergangenem Sommer gibt es ein großes internationales Hilfsprogramm für den Irak. Sehen Sie erste Anzeichen für eine positive Entwicklung?

Fernandez: Die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und der internationalen Hilfsorganisationen konzentriert sich hauptsächlich auf gewisse Gebiete - wie den Nordirak. Dort sind Zugang und Sicherheit keine wirklichen Probleme im Gegensatz zu den Krisenregionen im Zentral-Irak.

Wir brauchen mehr Helfer vor Ort. Die internationalen Organisationen müssen ihre Einsätze sowohl in den sicheren Gebieten wie auch den Konfliktzonen verstärken.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | #Beckmann | 23.02.2015 | 20:15 Uhr