Stand: 17.07.17 11:14 Uhr

100 Jahre Dynastie Windsor

Schloss Windsor in der britischen Grafschaft Berkshire © Picture-Alliance / Robert Harding World Imagery Fotograf: Ethel Davies

Das britische Königshaus ist benannt nach Windsor Castle, einer der offiziellen Residenzen der britischen Monarchen.

Auch wenn es das britische Königshaus bereits bedeutend länger gibt: Den Namen Windsor trägt die Familie erst seit dem 17. Juli 1917. Bis dahin regierten zwei Jahrhunderte lang deutsche Familien die Briten - erst das Haus Hannover, später das Haus Sachsen-Coburg und Gotha. Doch je länger sich der Erste Weltkrieg hinzog, desto feindlicher verhielten sich die Briten gegenüber den Deutschen. König Georg V. - der Großvater von Elizabeth II. - verfügte daher, "dass das königliche Haus und die Familie ab sofort den Namen 'Windsor' tragen solle und auf alle deutschen Titel und Würden zu verzichten sei." Die Umbenennung sicherte somit die Existenz der Krone während des Ersten Weltkrieges.

Einblicke in die britische Königsfamilie

Der ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert berichtet seit langem über die Royals. Im Interview erzählt der Journalist, wie es ist, der Queen persönlich zu begegnen, was sie bislang erreicht hat und was ihre schwärzeste Stunde war.

Wie wurden Sie zum Berichterstatter über Königshäuser und wie kam es zu Ihrem ersten Kontakt mit den Windsors?

Rolf Seelmann-Eggebert: Ich war lange Korrespondent in England, kehrte zurück nach Hamburg, wurde Programmdirektor des NDR Fernsehens und stellte in den Jahren fest, dass über das englische Königshaus in der deutschen Presse immer so ein bisschen mit der Perspektive Skandal und Skandälchen berichtet wurde. Ich hatte dann den Gedanken, mal ein Jahr im Leben des Königshauses zu beleuchten. Diese Idee habe ich in Form eines Briefs an den Buckingham Palast gerichtet - mit der überraschenden Antwort, dass man willkommen sei, dass allerdings keinerlei Interview-Wünsche erfüllt werden könnten. Dafür müsste man Verständnis haben. Der Regisseur István Bury und ich haben das dann auf uns genommen und eine vierteilige Serie gemacht. So ist es dazu gekommen.

Sie sind der Queen auch bereits mehrfach persönlich begegnet. Was gibt es bei einem Zusammentreffen zu beachten?

Rolf Seelmann-Eggebert vor dem Isebekkanal in Hamburg © NDR Fotograf: Nadine Lewerenz

Rolf Seelmann-Eggebert kennt sich mit den Gepflogenheiten am britischen Hof bestens aus.

Seelmann-Eggebert: Es ist gut, wenn man das eine oder andere weiß, bevor man ihr gegenübersteht. Das wird einem aber meistens auch schon mit den Einladungen mitgeteilt. Man richtet zum Beispiel nicht das Wort an die Königin. Man wartet darauf, dass sie einen anspricht. Und es wäre sicher auch falsch, ihr die Hand zu geben, wenn sie einem die Hand nicht geben will. Wenn sie also die Hand unten lässt, holt man sie sich nicht, sondern lässt sie einfach unten.

Und was ist es für ein Gefühl, wenn man ihr gegenübersteht?

Es ist ein sehr schönes Gefühl. Zunächst ist es ein bisschen aufregend. So oft gibt man ja Königinnen und Königen nicht die Hand. Sie hat ein besonderes, strahlendes Lächeln, mit dem sie einem - wenn man sich nicht kennt - klarmacht, dass man ihr als Gast willkommen ist. Dieses Lächeln zeigt sie auch, wenn sie eine Straße entlanggeht, an der Menschen auf sie warten und Kinder mit einem Blumenstrauß auf sie zueilen. In den ersten Jahrzehnten hatte sie, meiner Beobachtung nach, nur zwei Gesichter: ein würdiges und ein freundliches. Heutzutage, als Großmutter und Urgroßmutter, hat sie ganz viele Gesichter und macht ganz andere Dinge als sie damals gemacht hätte.

Ist sie also sicherer in ihrem Amt geworden?

Seelmann-Eggebert: In den ersten Jahrzehnten habe ich immer das Gefühl gehabt, sie spielt die Rolle der Queen. Sie gibt die Queen. Das hat sie so lange getan, dass sie heute nun wirklich die Queen ist. Mit "heute" meine ich im Grunde schon die letzten dreißig Jahre. Heutzutage ist sie die Queen, sie ist angekommen, ruht in sich selbst. Sie weiß mit jeder Situation fertig zu werden und hat keine Sorgen mehr wegen des Protokolls oder Angst vor irgendeinem Malheur.  

Elizabeth II. ist mit gerade 27 Jahren ziemlich jung Königin geworden. Würden Sie sagen, dass sie gut auf das Amt vorbereitet war?

Prinzessin Elizabeth steht mit einem Pferd auf der Weide © Picture Alliance / Everett Collection

Ein Leben jenseits ständiger Öffentlichkeit hätte Elizabeth sich in jungen Jahren sicher gewünscht.

Seelmann-Eggebert: Sie war meines Erachtens nicht gut vorbereitet. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass sie eigentlich gar nicht Königin werden sollte. Ihr Onkel sollte den Thron besteigen. Aber der dankte nach einem Jahr ab. So wurde dessen Bruder - der Vater von Elizabeth - König. Insofern hatte sie wahrscheinlich als kleines Kind den Gedanken, eines Tages Landfrau zu sein, Pferde zu züchten und sich den einen oder anderen Corgi zuzulegen - also die kleinen, dicken Hunde, die sie so gerne mag. Anders als die Kronprinzen, die heute bereitstehen, hat sie keine öffentliche Schule besucht. Für sie ist eine Art Palastschule eingerichtet worden, wo nur sie und ihre Schwester Margaret Unterricht hatten. Man hielt es nicht für richtig, dass eine künftige Königin mit ganz normalen Leuten Umgang hatte. Ihre Ausbildung war absolut elitär und einseitig. Da herrschen heute ganz andere Gepflogenheiten.

Sie haben die Abdankung des Onkels der Queen - Edward VIII. - angesprochen. Inwieweit hat dieses Ereignis Elizabeth II. geprägt?

Seelmann-Eggebert: Man kann davon ausgehen, dass am gemeinsamen Esstisch mit ihren Eltern gelegentlich darüber gesprochen wurde, wie Edward VIII., der dann abdankte, seine Geschäfte führte. Da war dann die Rede davon, dass sich Abdrücke von Whiskygläsern auf Staatspapieren wiederfanden und Ähnliches. Anders gesagt, wurde dem neuen König eine gewisse Liederlichkeit vorgeworfen. Elizabeth hatte in ihm also kein Vorbild. Das Vorbild war dann später ihr Vater Georg VI. Der wusste von Anfang an selbst, dass er es mit seinem Amt schwer haben würde. Denn er war in mancherlei Weise nicht die perfekte Lösung. Er stotterte, wie man weiß. Die Disziplin, mit der er dieses Amt - das er nie begehrt und nie geliebt hat - ausfüllte, hat Elizabeths Einstellung zu diesem Amt sicher maßgeblich beeinflusst. Sie wollte es so gut machen, wie es der Papa gemacht hatte.

Was ist das Wichtigste, das die Queen in ihrer Amtszeit erreicht hat?

Seelmann-Eggebert: Sie hat die Stabilität der Monarchie wiederhergestellt und aufrechterhalten. Es war keineswegs sicher, dass sich die Krone nach der Abdankung des damaligen Königs wieder erholen würde. Die Engländer waren zutiefst erschüttert davon, dass ein Mitglied des Königshauses sie einfach wie einen alten Hut abgegeben hatte. Zum Teil hat bereits Elizabeths Vater dazu beigetragen, ihren Glanz wieder zum Leuchten zu bringen. Er wurde während der Kriegszeit durch sein Auftreten in den Bombennächten in London zu einer Art Symbolfigur des Widerstands. Als Königin Elizabeth dann - wie sie selbst gesagt hat - viel zu früh seine Nachfolge antrat, sah sie wohl ihre Aufgabe überwiegend darin, diesen Glanz der Krone zu erhalten. Und das ist ihr gelungen. Dass die Windsors im Augenblick in der Popularitätskurve ganz oben stehen, ist ihr wesentlicher Verdienst.

Was war ihr schwärzester Moment?

Seelmann-Eggebert: Ich würde sagen, es sind drei Krisen, die sie miterlebt hat: Zum einen die Abdankung ihres Onkels, die für sie fundamental war. Denn dadurch wurde entschieden, dass sie eines Tages die Krone tragen würde. Und sie war bereits alt genug, das in voller Tragweite zu verstehen. Sehr schwierig war auch der Tod von Diana. Elizabeth war in Schottland, als der Unfall passierte. Und sie war nicht bereit, sofort nach London zurückzukommen, um dort zusammen mit dem Volk zu trauern. Sie hatte andere Prioritäten, fühlte sich nicht verantwortlich.

5. September 1997: Queen Elizabeth II. und Prinzgemahl Philip betrachten die Blumen und Geschenke für die verstorbene Diana vor dem Kensington Palace in London © Picture-Alliance / dpa

Dianas Tod wird 1997 zu einer großen Belastungsprobe für die Queen und die Monarchie.

Es hat sehr viel Überzeugungskraft bedurft, ihr klarzumachen, dass ihr Platz in diesem Augenblick eben doch in London ist. Und dass sie bestimmte Dinge, die sie unter keinen Umständen wollte, zulassen muss. Zum Beispiel eine Art Staatsbegräbnis. Die Briten begannen, an ihrer Königin zu zweifeln. Und diese Zweifel konnte sie erst mit einer sehr einfühlsamen, positiven Rede über Diana ausräumen. Das war nicht einfach. Man wusste ja, dass ihr Verhältnis zu Diana schwierig war. Aber so hat sie die Krise, die eine persönliche Elizabeth-Krise gewesen ist, überstanden. Ganz aktuell ist die Abwendung Großbritanniens von der EU. Man muss abwarten, wie das verläuft. Es kann Konsequenzen für das Königshaus haben, muss aber nicht der Fall sein.

Bleiben wir einen Moment beim Brexit. Bislang hat sich das Königshaus dazu nicht öffentlich geäußert. Was denken Sie, wie die königliche Familie dazu steht?

Seelmann-Eggebert: Wenn man bedenkt, welchen Hintergrund sie hat und wie eng das Netz mit der europäischen Verwandtschaft - also den anderen Königshäusern - ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie für die Brexit-Idee gewesen ist. Aber das ist eine reine Spekulation.

Was sehen Sie als weitere Herausforderungen für die britische Monarchie - vor allem für die junge Generation mit William und Kate?

Seelmann-Eggebert: Gut vorbereitet zu sein auf die Aufgabe. Anders als Königin Elizabeth. Das bedeutet unter anderem Nähe zum Volk und Nähe zu Ausbildungen, die auch in der Bevölkerung möglich sind. Das ist gewährleistet. Sei es im Fall von Charles, aber auch von seinem Sohn. Und man kann davon ausgehen, dass das vierte Glied in der großen Kette - der kleine George - eben auch eines schönen Tages darauf vorbereitet wird.

Das Interview führte Nadine Lewerenz, NDR.de

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen 14.04.2017 | 17:30 Uhr