Katharina II, die Große (1729 - 1796)

Katharina II, die Große (1729 - 1796)

(Sophie Auguste von Anhalt-Zerbst)

"Die Seele des Brutus im Körper der Kleopatra"

Diderot

Die deutsche Prinzessin Sophie, Tochter des Fürsten von Anhalt-Zerbst, trifft im Jahre 1744 auf Einladung der Zarin Elisabeth in Russland ein. Elisabeth hat das junge Mädchen zur Gemahlin für ihren Neffen und Thronfolger, den Großherzog Peter, ausersehen. Sophie konvertiert alsbald zum orthodoxen Glauben. Am 21. August 1745 findet zu St. Petersburg die Vermählung mit dem zukünftigen Zaren statt. Während Peter mit jeder Faser seines Herzens seinem Deutschtum verpflichtet bleibt, beginnt Katharina sofort, an ihrer "Russifizierung" zu arbeiten, indem sie die Sprache lernt und gewissenhaft die Riten der russisch-orthodoxen Kirche praktiziert. Ihr Gatte indes, der 1762 unter dem Titel Peter III den Zarenthron bestiegen hat, bringt den Adel durch seine manische Leidenschaft für alles Deutsche gegen sich auf. Die Ehe zwischen den beiden ungleichen Partnern ist ein totaler Misserfolg. Katharina beginnt, sich mit Liebhabern zu trösten und beschert den europäischen Höfen auf diese Weise unerschöpflichen Stoff für Klatschgeschichten. Die Brüder Orlow, die sich die Gunst Katharinas teilen, organisieren (mit Katharinas stillem Einverständnis) einen Staatsstreich gegen Peter III, der kurz darauf (im Juni 1762) abdankt. Katharina, die von politischen Ambitionen getrieben wird, lässt sich von den Regimentern Treue schwören und verkündet, dass sie von jetzt an die Macht übernehmen wird.

Katharina II - eine aufgeklärte Absolutistin

Katharina gibt sich gern einen liberalen Anstrich. Sie ist vom Gedankengut französischer Philosophen beinflusst, zu denen sie in persönlicher Beziehung steht, wie zum Beispiel Voltaire (mit dem sie einen regen Briefwechsel unterhält), Grimm, d'Alembert und vor allem Diderot. Deshalb ist es ihr erklärter Wunsch, im Sinne des aufgeklärten Absolutismus zu regieren. Sie widmet sich den Problemen des Bildungswesens, eröffnet zahlreiche Schulen, stiftet 1764 das Smolny-Institut als Schule für Mädchen aus adligen Familien und gründet die Schule der Russischen Akademie der Wissenschaften. Katharina gefällt sich in der Rolle der Mäzenin und bringt zweifellos frischen Schwung in das kulturelle und geistige Leben Russlands, nicht zuletzt, indem sie ausländische Künstler in ihr Reich beruft. Dank der unermüdlichen Bautätigkeit der Zarin (und vor allem der Erweiterung der Eremitage) entwickelt sich St. Petersburg zu einer glanzvollen Stadt, die den Vergleich mit anderen europäischen Kapitalen nicht zu scheuen braucht. Katharina, die selbst äußerst gebildet und kultiviert ist, hinterlässt zahlreiche Schriften, insbesondere ihre "Memoiren".

Katharina, die nach dem Vorbild der französischen Enzyklopädisten von den Vorzügen schriftlich niedergelegter Gesetze überzeugt ist, beruft 1767 eine "Gesetzgebende Kommission" ein, deren Delegierte sich aus Vertretern aller Schichten der Bevölkerung (Adlige, Stadtbewohner, Bauern der Staatsgüter), mit Ausnahme der Leibeigenen, zusammensetzen, um eine grundlegende Rechtsreform in Russland durchzuführen. Aber noch bevor die Arbeit der Kommission Früchte tragen kann, bricht Katharina das Unternehmen wieder ab. Denn die Zarin kann ihre absolute Macht weiterhin nur ungehindert ausüben, solange es keine kodifizierten Gesetze gibt.

Der Bauernaufstand bricht aus

Während Katharinas langer Regierungszeit von 34 Jahren erlebt Russland seinen ersten industriellen Aufschwung, allerdings zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung, die im Laufe der Entwicklung zunehmend ausgebeutet wird (und zu mehr als 50 Prozent aus Leibeigenen besteht). Bei der Säkularisierung der Kirchengüter im Jahre 1764 fallen mehr als zwei Millionen Bauern der Verfügungsgewalt des Staates anheim. Die Adligen erhalten mit dem Ukas von 1765 das uneingeschränkte Recht, ihre Bauern in die sibirischen Arbeitslager zu deportieren. Ein paar Jahre später (1773) bricht der größte Bauernaufstand der russischen Geschichte unter der Führung des Don-Kosaken Jemeljan Pugatschow aus, der die Leibeigenen im Ural- und im Wolgagebiet zur Rebellion anstachelt. Die Zarin lässt die Revolte mit blutiger Gewalt niederschlagen; Pugatschow wird im Januar 1775 öffentlich enthauptet.

Katharina II, Zarin der Adligen

Katharina die Große nimmt auf Anraten ihres neuen Günstlings Potemkin eine Verwaltungsreform in Angriff. Die Gouvernement-Ordnung, die im April 1775 in Kraft tritt, gliedert Russland in 50 Provinzen, welche wiederum in Distrikte unterteilt werden. Diese Maßnahme soll für ein engeres Verhältnis zwischen Obrigkeit und Bevölkerung sorgen. Die Verwaltung der Distrikte wird den Angehörigen des Landadels übertragen, deren politischer Einfluss zusehends wächst. Zehn Jahre später wird die Machtposition des Adels mit dem so genannten "Gnadenbrief" (April 1785) noch einmal erheblich gestärkt.

Diese grundlegenden Reformen machen deutlich, wie sehr Katharina inzwischen zu einer "Zarin der Adligen" geworden ist. Nur für die Landbevölkerung ändert sich wieder einmal nichts; ein Projekt zur Neuregelung ihrer Rechte bleibt in der Schublade. Die Situation der Leibeigenen spitzt sich eher zu, und die Leibeigenschaft wird noch auf die Ukraine ausgedehnt. An hohen Festtagen pflegt Katharina ihren Günstlingen sogar Tausende von Leibeigenen zum Geschenk zu machen. Die liberalen Anwandlungen der Zarin verflüchtigen sich alsbald angesichts der harten Realitäten des Regierungsgeschäfts. Katharina kümmert sich nicht um das Schicksal des einfachen Volkes, sondern strebt von nun an vor allem danach, sich in militärischem Ruhm zu sonnen. Die Eroberungskriege, die das Russische Reich mit großem Erfolg im Süden und Westen führt, erfüllen diese Ambitionen voll und ganz.

Katharina II widmet sich dem Thema Polen

Katharina gibt das Vorhaben eines Zusammenschlusses mit den protestantischen Ländern des Nordens ("nordische Strategie" oder "nordische Allianz") auf, welches sie auf Anraten ihres Ministers Nikita Panin in Erwägung gezogen hat, und widmet sich lieber dem Thema Polen. Sie erzwingt, dass Stanislaus Poniatowski, einer ihrer früheren Liebhaber, 1764 auf den freigewordenen polnischen Königsthron gesetzt wird. Später annektieren Russland, das Königreich Preußen und die österreichische Monarchie, die sich zu diesem Zweck verbündet haben, bei den drei Teilungen Polens (1772, 1793, 1795) nacheinander sämtliche Gebiete des Landes (Österreich geht bei der zweiten Teilung allerdings leer aus). Damit gehören zu Russland jetzt Weißrussland, die westliche Ukraine und Litauen, und das Königreich Polen wird buchstäblich von der Landkarte getilgt. Katharina II verwirklicht so einen Teil ihres Traumes, nämlich die Rückeroberung der Gebiete, die Russland im 14. Jahrhundert an Polen verloren hat, sowie die Ausweitung ihres Herrschaftsbereiches auf das Baltikum. Gleichzeitig verfolgt sie entschlossen das Ziel, die Türken aus Europa zu vertreiben, Konstantinopel zu erobern und ihren Enkel Konstantin auf den Thron eines wiederbelebten Byzantinischen Reiches zu setzen. Die Russisch-Türkischen Kriege werden durch eine Kriegserklärung des Osmanischen Reiches ausgelöst, welches sich vom russischen Imperialismus bedroht sieht: Der Zarin bietet sich damit eine willkommene Gelegenheit, die Türken zu bestimmten Konzessionen zu zwingen und das russische Herrschaftsgebiet weiter auszudehnen, diesmal in Richtung Süden.

Russlands Pforte zum Westen

Durch den Friedensvertrag von Kuçuk Kainarji, der 1774 den Ersten Russisch-Türkischen Krieg beendet, erhält Russland einen Zugang zum Schwarzen Meer. Die Krim, die de facto bereits jetzt der türkischen Oberhoheit entzogen ist, wird erst ein paar Jahre später (1783) durch Annektierung endgültig russisches Staatsgebiet. Aufbau und Besiedlung der Halbinsel werden Fürst Potemkin anvertraut. Mit dem Frieden von Iaşi (Jassy), der im Januar 1792 das Ende des Zweiten Russisch-Türkischen Krieges besiegelt, verschiebt sich die Grenze Russlands weiter bis zum Dnjestr. Die Schiffe der russischen Handelsflotte erhalten das Zufahrtsrecht zum Mündungsgebiet des Flusses, und durch die Gründung der neuen Hafenstädte Taganrog, Kherson, Sewastopol sowie schließlich Odessa eröffnet sich Russland eine neue Pforte nach Westen.

Der "aufgeklärte Despotismus" der russischen Zarin, wie er von den Philosophen des Abendlandes besungen wird, erlebt allerdings nur eine kurze Blüte. Die Französische Revolution findet in Katharina der Großen eine erbitterte Gegnerin. In den letzten Jahren ihrer Herrschaft wird die Politik der Zarin zunehmend repressiv.

Publikation des Artikels mit Genehmigung von arte.tv