Lutz Marmor: "Ein Leuchtturmprojekt"
Der Intendant des NDR mit einem Vorwort zur Sendung und zu den Aktivitäten des NDR zu 20 Jahre Mauerfall.
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Was war sie eigentlich die DDR, der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden? Ein Gebilde, ein Staat, dessen Namen man im Westen jahrzehntelang nur in Anführungszeichen setzte, um die Vorläufigkeit und Ungesetzlichkeit zu kennzeichnen? Eine sowjetisch besetzte Zone, die nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland das staatliche Gegenmodell eines anderen Deutschlands werden sollte. Ein sozialistischer Staat, in dem Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität herrschten? Die DDR war schon bei ihrer Gründung eine Diktatur, am Ende eine gescheiterte sozialistische Gemeinschaft.
Und im November 1989 war nach 40 Jahren DDR alles vorbei. Geschichte. Warum sich heute, nahezu 20 Jahre später, noch mit dieser anderen, der Deutschen Demokratischen Republik befassen?
Ich habe in der Vorbereitung zum Projekt "Meine DDR" Bärbel Bohley, DDR-Oppositionelle, danach gefragt. Ich kannte die Gründerin des Neuen Forums aus meiner Zeit als ARD-Korrespondent in der DDR von September 1986 bis September 1989 sehr gut und war nicht überrascht, dass sie vor Jahren von Ost-Berlin nach Kroatien ausgewandert, "geflohen" war, weil sie Abstand brauchte; Zeit den Untergang der DDR zu begreifen und auch die Fehler zu erkennen, die nach der Wiedervereinigung gemacht wurden.
Bärbel Bohley: "Ich bin ein bisschen traurig, dass man den Menschen gar nicht mehr zeigen kann, wie es damals war, wo meine Wurzeln waren. Die Wende? – Da ging alles ratz batz. So wie die Mauer ratz batz weg war. Ich hab' immer gesagt, lasst doch mal die Mauer noch 'ne Weile stehen. Macht mal da Eure Durchgänge und lasst die Leute zwei Jahre hin und her krabbeln; dann wissen sie, was sie wirklich geschafft haben. Was wirklich überwunden worden ist. Aber sozusagen am nächsten Tag gab's ja kaum noch Mauer. Das ging alles zu schnell. Und – die Chance zur Reflektion war nicht gegeben".
Holen wir die Reflektion nach, geben wir uns diese Chance mit der Fernsehreihe "Meine DDR". Wir sind wiedervereinigt, haben sogar eine ostdeutsche Bundeskanzlerin, aber die DDR-Geschichte ist in ihrer Deutung umstritten wie nie zuvor. Die oft beschworene Versöhnung von Ost und West und der nostalgische Blick auf den DDR-Alltag haben auch zu einem Rollback der alten Kader geführt, die vehement gegen die "Diffamierung" der DDR angehen. So stimmt ihr Chorus "Es war nicht alles schlecht" in die Melodie der Ostalgisierung der DDR ein.
Fast zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ist es an der Zeit, eine kritische Gesamtschau der DDR-Geschichte zu schaffen, die die Lebenswirklichkeit der Menschen widerspiegelt und die aus einer kritischen Perspektive von Politik und Alltag in der DDR erzählt, von Illusionen und Realitäten. Was war es, das die DDR zusammenhielt, in der Erinnerung ihrer Bürger und nach dem neuesten Stand der Forschung? Waren es nur die "Bajonette der Russen" oder die scheinbar allmächtige Stasi? Oder ist die Wirklichkeit nicht viel komplexer?
"Meine DDR" will eine Gesamtschau leisten. Auf der Basis eines einmaligen Oral-History-Projektes wurden Hunderte von Biografien recherchiert, und als Basis für vier Filme à 45 Minuten und die Zusammenfassung in 90 Minuten verwendet. Die Vorgehensweise bei der Recherche und den Interviews der Zeitzeugen unterscheidet sich stark von den herkömmlichen Methoden bei zeitgeschichtlichen Dokumentationen. Auf Grundlage eines Fragebogens wurden die Zeitzeugen so befragt, dass nicht nur ihre besonderen und "typischen" DDR-Erlebnisse festgehalten wurden, sondern vergleichbar wurden, auch in ihren alltags- und lebensgeschichtlichen Details. So liegen jetzt Biografien mit außergewöhnlichen Lebensläufen und großer Allgemeingültigkeit vor.
Wir begreifen so die Geschichte der DDR als eine Geschichte der Menschen, die sie gegründet, bekämpft, erduldet, verteidigt und an ihr gelitten haben. Es sind Menschen, die die DDR geprägt haben oder die symptomatisch für die Zwänge und Absurditäten des Realsozialismus stehen. Manche wurden zu Außenseitern gemacht, manche engagierten sich für ihren Staat, manche wanderten ab, andere passten sich an und lebten ihr Leben in der berühmten Nische.
"Meine DDR" trägt nicht nur zum Verstehen der untergegangenen, anderen deutschen Republik bei, sondern macht auch deutlich, was der Westen, die alte BRD, damit zu tun hat, und welches Glück, welche Folgen und Gefahren die deutsche Wiedervereinigung mit sich brachte und bringt.
Noch einmal Bärbel Bohley: "Der Zusammenbruch der DDR? – Ich habe das Gefühl, das hat auch mit dem damaligen Zustand der alten Bundesrepublik zu tun, wie sie damals war. Also ich war der Meinung, die muss sich auch verändern, da muss auch was passieren. Und durch den Zusammenbruch des Systems DDR hatte der Westen das Gefühl: 'Wir sind gut, wir haben's geschafft, wir sind besser als die. Sozusagen: Der Wettbewerb ist gewonnen, von westlicher Seite. Und das führte dazu, dass man wirklich glaubte, man könne alles nur exportieren – die Strukturen, das Denken, das Wollen. Und keiner hat '89 im Westen daran gedacht, dass wir 20 Jahre später in einer Gesellschaft leben, in der Geld das Wichtigste ist. Demokratie ist irgendwo dahinten noch. Die verteidigen wir mal ab und zu. Regt sich ja keiner richtig auf, wenn geplant wird, Überwachungsmaßnahmen durchzuführen. Da müsste doch eigentlich ein Aufschrei durch ein demokratisches Land gehen mit einer demokratischen Tradition. Ist aber nicht da!“
14.06.2010 23:15 Uhr
21.06.2010 23:15 Uhr
28.06.2010 23:15 Uhr
05.07.2010 23:20 Uhr
Ein Film von Kathrin Pitterling, Kristin Siebert, Michael Heuer, Tom Ockers und Gunther Scholz.
Erstsendung: 28.01.2009 im Ersten
Zeitzeugen und ihr Alltag.[mehr]
Meine DDR - Leben im anderen Deutschland
von Florian Huber
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Rowohlt Berlin Verlag GmbH
Erscheinung: 01.09.2008
Preis: 19,90 Euro
ISBN-10: 3871346152
ISBN-13: 978-3871346156
Zeitzeugen erinnern sich bei NDR.de an die Wendezeit 1989 im Norden. [mehr]