Panorama-Geschichte

Panorama-Geschichte

Panorama ...

Sie gelten als die Väter von Panorama: Rüdiger Proske und Gerd von Paczensky bei einer Redaktionsbesprechung 1961. © NDR Fotograf: Panorama

Rüdiger Proske und Gerd von Paczensky bei einer Redaktionsbesprechung 1961.

... ist ein Urgestein des deutschen Fernsehens. Viele Gesichter prägten die Sendung, deren Geschichte auch eine politische Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist. Als erstes politisches Magazin geht Panorama am 4. Juni 1961 auf Sendung. Seine Väter sind Rüdiger Proske und Gert von Paczensky. Nach Vorbild der gleichnamigen BBC-Sendung ziehen sie "ihr" Magazin auf und wollen gegen den Strom schwimmen: "Nun wollen wir uns wieder ein wenig mit der Bundesregierung anlegen", moderiert Paczensky einen Beitrag an. Das Magazin ist von der ersten Stunde an außergewöhnlich - und umstritten.

Die Skandale ...

Dr. Gerhard Bott, Lutz Lehmann, Ulrich Happel und eine weitere Person sitzen im 1969 im Panorama-Studio des NDR. Auf dem Tisch stehen Aschenbecher und es wird geraucht. © NDR Fotograf: Annemarie Aldag

Damals wurde im Studio noch ungeniert geraucht: Panorama im Jahr 1969.

... bleiben bei der Brisanz mancher Themen nicht aus. Schon im ersten Jahr von Panorama gibt es ordentlich Krach: Durch die Sendung erfährt ein breites Publikum die Hintergründe der "Spiegel-Affäre" und die Verstrickungen des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß. Die Regierung Adenauer tobt. Es ist der Beginn einer jahrzehntelangen "Freundschaft" zwischen Panorama und Strauß, der später einmal sagen wird: "Es schwebt ein Unstern über der Sendung Panorama." 1969 gibt es eine Sondersendung in der ARD mit dem Titel: "Streit um Panorama": Politiker von CDU/CSU protestieren gegen kritische Sendungen und drohen, den NDR-Staatsvertrag zu kündigen.

Die Siebziger ...

1974 macht Alice Schwarzer mitten in der aufgeheizten Debatte um den Abtreibungs-Paragraphen einen sachlichen Film über eine damals moderne Abtreibungsmethode. In letzter Minute nehmen die Programmchefs der ARD den Beitrag aus der Sendung. Die Redaktion protestiert und weigert sich, die Sendung zu moderieren. Die Anmoderationen werden von einem Nachrichtensprecher verlesen. Wochenlang sorgt das für Gesprächsstoff.

Ab 1978 berichtet das Magazin verstärkt über die Proteste gegen das Atomkraftwerk Brokdorf. Das verärgert die schleswig-holsteinische Landesregierung und dürfte einen weiteren Baustein für deren Kündigung des NDR Staatsvertrags im selben Jahr geliefert haben. Wenig später zieht auch Niedersachsen nach. Die Existenz des NDR ist bedroht, der Sender soll zerschlagen werden. Es dauert Jahre, bis die höchsten Gerichte die Politiker stoppen.

Die Achtziger ...

Auch er war 1977 Panorama-Redakteur: Der spätere "Spiegel-Chef" Stefan Aust in jungen Jahren. © NDR Fotograf: Panorama

Damals noch mit der typischen Langhaarfrisur: Der junge Stefan Aust 1977 als Panorama-Redakteur.

Stefan Aust, damals Redakteur bei Panorama, wird 1982 bundesweit berühmt durch einen verschwundenen Film: 1982 porträtiert er einen Verfassungsschützer, der seine eigene Terrorgruppe aufbauen will. Der Beitrag wird - wie damals üblich - vom Autor anmoderiert - aber der Film ist verschwunden! Am nächsten Tag wird aus den Filmresten ein Rekonstrukt gezeigt - in einer ARD-Sondersendung. Doch das Original taucht nie wieder auf - bis heute nicht. Die Achtziger sind auch das Jahrzehnt, in dem der Skandal um Parteispenden des Flick-Konzerns für Schlagzeilen sorgt. Ist das politische System der Bundesrepublik käuflich? Panorama ist maßgeblich an der Aufdeckung der "Flick-Affäre" beteiligt. Für massiven Ärger sorgt 1988 der Film "Suff in Bonn" über die Alkoholabhängigkeit von Politikern. Kuno Haberbusch hat recherchiert.

Die Neunziger ...

Kuno Haberbusch, Foto: Christian Spielmann © Christian Spielmann Fotograf: Christian Spielmann

Ließ sich seine Zigarette ebenfalls nur ungern verbieten, wie man am aufsteigenden Rauch klar erkennt: Kuno Haberbusch als Panorama-Leiter.

Vieles dreht sich nach der "Wende" und der Wiedervereinigung um die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit: Panorama spürt alte Stasi-Seilschaften auf und entdeckt neue Wendehälse. 1993 trifft Haberbusch wieder den Nerv der Politik und deckt angebliche Verstrickungen von Oskar Lafontaine ins Rotlichtmilieu auf. Der Vorspann von Panorama läuft schon, da lässt der Saarländer die Ausstrahlung des Berichts per einstweiliger Verfügung verbieten. Wieder ein Film, der nie gesendet wird. Lafontaine prägt damals den Ausdruck "Schweinejournalismus" und meint damit die kritischen Redakteure von Panorama. 2000 herrscht im Bundestag wieder Unruhe wegen Panorama: Ein Jahr nach dem Umzug von Bonn nach Berlin fragen Anja Reschke und Dietmar Schiffermüller die Abgeordneten: "Wohnen Sie in Berlin und haben sie sich schon ordentlich gemeldet?" Selten hat man Politiker mit einer so einfachen Frage so aus der Fassung gebracht.

Das neue Jahrtausend ...

Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus und seine Opfer, die Verstrickungen des BND in den Irak-Krieg, an dem sich Deutschland laut Kanzler Gerhard Schröder offiziell nicht beteiligte, sowie die Schattenseiten der Globalisierung sind einige der Panorama-Themen der letzten Jahre. Vor allem über miese Arbeitsbedingungen und ausgebeutete Arbeitnehmer, die die simpelsten Rechte nicht mehr zugestanden bekommen, berichtet die Redaktion immer wieder. Höhepunkt dieser Berichterstattung ist die Reportage über den Textildiscounter KiK. Christoph Lütgert zeigt, wie schlecht die Näherinnen in Bangladesch behandelt werden und wie es ein Unternehmen geschafft hat, seinen Erfolg auf dem Rücken ausgebeuteter Mitarbeiter zu gründen.

Die Macher ...

Dagobert Lindlau, Moderator Dr. Gerhard Bott, Luc Jochimsen und Stefan Aust sitzen 1975 im Panorama-Studio des NDR. © NDR Fotograf: Annemarie Aldag

Dagobert Lindlau, Moderator Dr. Gerhard Bott, Luc Jochimsen und Stefan Aust 1975 im Panorama-Studio.

... prägen im Laufe der Jahre den Stil von Panorama. Unter den Autoren finde sich viele große Namen wie Joachim Fest, Sebastian Haffner, Manfred Bissinger, Stefan Aust, Alice Schwarzer, Peter Scholl Latour, Luc Jochimsen, Gerd Ruge, Theo Sommer. Selbst Ulrike Meinhof war vor ihrem Abdriften in den RAF-Terrorismus Reporterin bei Panorama. Seit mehr als 50 Jahren bemühen sich die Autoren von Panorama Missstände aufzudecken. Unbestechlich, pointiert und kritisch nach allen Seiten. Sie alle eint eine gehörige Portion Idealismus und eine feste innere Haltung.

Redaktionsleitung und Moderation
4. Juni 1961 erste Panorama-SendungLeitung: Gert von Paczensky, Rüdiger Proske
Moderation: Gert von Paczensky, Rolf Menzel (später ersetzt durch Dr. Besser, Rüdiger Proske)
20. Mai 1963Leitung: Rüdiger Proske
1. Oktober 1963Leitung und Moderation (Interregnum):
Jürgen Neven-Dumont, Werner Baecker, Manfred Jenke, Walter Menningen, Guido Schütte, Dietrich Koch
13. Januar 1964Leitung: Prof. Dr. Eugen Kogon
Moderation: Dietrich Koch, ab 2. März 1964: Eugen Kogon
4. Januar 1965Leitung: Walter Menningen
Moderation: Joachim Fest
18. April 1966Leitung und Moderation:
Joachim Fest
1. Januar 1967Leitung und Moderation:
Peter Merseburger
15. April 1975Leitung und Moderation:
Dr. Gerhard Bott
1. Januar 1977Leitung und Moderation:
Ulrich Happel
17. Januar 1978Leitung und Moderation:
Dr. Winfried Scharlau
1. Dezember 1981Leitung und Moderation:
Peter Gatter
1. Juli 1987Leitung und Moderation:
Dr. Joachim Wagner
1. Januar 1997Leitung: Kuno Haberbusch
Moderation: Patricia Schlesinger
19. Juli 2001Moderation: Anja Reschke
1. Mai 2004Leitung: Stephan Wels