Mädchen wachsen ohne Mutter auf

26. Juli 2012

Sieben Jahre ist es her, dass der Landkreis Hildesheim Gazale Salame und ihre einjährige Tochter in die Türkei abgeschoben hat. Die junge Frau war damals 24 Jahre alt und im zweiten Monat schwanger. Ihr Ehemann und die beiden älteren Töchter - Nura und Amina - blieben in Deutschland. In Niedersachsen wird das Thema Abschiebung seitdem heiß diskutiert. Bislang jedoch ohne ein konkretes Ergebnis.

Ein Mann mit zwei jugendlichen Frauen. © Flüchtlingsrat Niedersachsen

Amina und Nura mit ihrem Vater - ihre Mutter Gazale Salame haben sie seit Jahren nicht gesehen.

Rund 100 Menschen demonstrierten vergangene Woche dafür, dass Gazale Salame zurück nach Deutschland kommen darf. Darunter ihre Tochter Amina, 15 Jahre alt , die mit dem Kampf um die Rückkehr ihrer Mutter groß gewordenist : "Ich möchte mich bei allen bedanken, dass sie uns die ganze Zeit nicht im Stich gelassen haben. Dass Sie mit uns die Hoffnung nicht aufgegeben haben. Dafür wollten wir euch danken."

Zerrissene Familie

Amina und ihre Schwester Nura haben ihre Mutter seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. Ein Besuch in der Türkei ist ausgeschlossen - zu groß ist die Gefahr, dass die Mädchen und ihr Vater dann nicht wieder zurück nach Deutschland gelassen werden. Schließlich sind sie hierzulande nach wie vor nur geduldet. Auch ein Wiedersehen mit der Mutter in Hildesheim steht nicht zur Debatte - Gazale Salame bekommt kein Besucher-Visum. Das Ergebnis ist eine zerrissene Familie.

Für den Verfassungsrichter a. D., Ernst Gottfried Mahrenholz, ein unhaltbarer Zustand: "Das Vorgehen verstößt gegen die ranghöchste Norm, die die Behörden zu beachten haben und auch die Gerichte zu beachten haben, nämlich Artikel 6 des Grundgesetzes: Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. Eine Familie damals auseinanderzureißen, damals vor sieben Jahren, war ein klarer Verfassungsverstoß."

Anstiftung zum Rechtsbruch  

Gazale Salame sitzt auf einem  Sofa. © Flüchtlingsrat Niedersachsen

Der Fall Gazale Salame ruft nun Politik-Prominenz wie Rita Süssmuth, Heiner Geißler und Rudolf Seiters auf den Plan.

Der Grund für die Abschiebung im Jahr 2005: Die Mutter von Amina und Nura soll bei ihrer Einreise nach Deutschland in den 80er-Jahren einen falschen Namen angegeben haben - Behörden-Täuschung. Damit war die Ausweisung von Gazale Salame für den zuständigen Landkreis Hildesheim rechtsmäßig. Alle Appelle, sie zurückzuholen, seien deshalb eine Anstiftung zum Rechtsbruch, erklärte Niedersachsens Innenminister Schünemann im Juni  im Landtag in Hannover: "Wer  einen Minister auffordert, sich über das Recht hinwegzusetzen, fordert ihn letztlich dazu auf, das Recht zu beugen, was eine Straftat gemäß § 339 StGB wäre."

Doch die Durchsetzung der Rechtslage löst bei den Töchtern von Gazale Salame ein Martyrium aus. Nur übers Telefon und per Post haben sie Kontakt zu ihrer Mutter: "Sie wünscht sich, dass es uns gut geht und dass wir nicht traurig sind - aber es ist schwer, nicht traurig zu sein", erzählen Amina und ihre Schwester Nura. "Meine Mutter hat nicht gesehen, wie ich älter geworden bin, mich entwickelt habe. Sie weiß nicht, was ich mag und was ich nicht mag und was ich gerne mache - das alles hat sie nicht mitbekommen."

Es geht um das Wohl der Familie

Der Fall der auseinandergerissenen Familie stand vergangene Woche auf der Tagesordnung im niedersächsischen Landtag. Die Opposition - SPD, Die Grünen und Die Linke - forderte dabei in einem Entschließungsantrag die Rückkehr der Frau. Die Trennung sei inhuman und müsse unverzüglich beendet werden, hieß es darin.

Doch Innenminister Schünemann bleibt bei seiner ablehnenden Haltung - für Gottfried Mahrenholz unverständlich: "Es geht hier um das Wohl der Familie. Und das Wohl der Familie kann nicht vom Staat bestimmt werden, sondern nur von der Familie selber. Will die Familie in Deutschland zusammenwohnen, dann bedeutet dies, dass die staatliche Ordnung dafür zu sorgen hat, dass die Familie hier ein gedeihliches Leben führen kann."

Amina und Nura kriegen nun auf Unterstützer - ausgerechnet aus Schünemanns Partei, der CDU. Denn zuletzt forderten die Unions-Politiker Rita Süssmuth, Heiner Geißler und Rudolf Seiters unmissverständlich eine Rückkehr von Gazale nach Deutschland. Druck, dem sich der niedersächsische Innenminister möglicherweise über kurz oder lang beugen wird. Das zumindest hoffen die beiden Schwestern.

Siehe auch NDR Info.

Stand: 26.07.12 16:30 Uhr