Verordnetes Glück: wie Unternehmen die Produktivität steigern wollen

von Fabienne Hurst

Kekse und Kuchen am Fließband, Arbeiter mit weißen Haarnetzen fetten im Akkord Backbleche ein, tonnenweiße Brötchenteig verschwindet in einem Riesenofen. Auf den ersten Blick ist in der Produktionshalle von "Malzers" alles wie in einer ganz normalen Großbäckerei. Was man nicht sieht: Hier läuft eine große Glücksoffensive. Die Personalabteilung will "das Betriebsklima verbessern", um damit "mehr Potenzial ausschöpfen" zu können. Denn glückliche Mitarbeiter arbeiten schließlich besser. Mehr Glück, mehr Kuchen, mehr Profit.

Amerikaner mit Schoko-Smiley

Verordnetes Glück: Wie Unternehmen Produktivität steigern
"Corporate Happiness" soll das Betriebsklima verbessern: Aber nicht mit besseren Löhnen oder Arbeitsbedingungen, sondern mit Glücksideologie. Motto: "Hört auf zu jammern!"

Hört auf zu jammern!

Dafür soll ein neues Programm sorgen: "Corporate Happiness", also Glücklichsein im Betrieb. Aber nicht etwa durch Lohnanreize, sondern durch Bearbeitung der Mitarbeiter mit Methoden aus der Verhaltensforschung. Das erste Werkzeug: ein Armband. Seine unentwegte Botschaft: "Stop complaining" - beschwert Euch nicht. Wie ein moderner Knoten im Taschentuch.

Armband mit der Aufschrift Stop complaning

Ein Bändchen auf dem Weg ins Glück.

"Durch das Bändchen soll man mal an seiner eigenen Haltung arbeiten", sagt Jörg Schinschek, Abteilungsleiter Tiefkühlbrötchen. "Wenn man sich über irgendetwas aufregt, oder schimpft, soll man das Bändchen von der einen Seite auf die andere stecken." Ziel der Übung: Das Bändchen 21 Tage am Stück am gleichen Handgelenk zu tragen. Sich also 21Tage lang nicht zu beschweren.

Der Glücks-Bringer ist Dr. Oliver Haas, Erfinder von "Corporate Happiness". Den Begriff hat er sich schützen lassen. Früher war er Finanzmanager, heute ist er Coach und Autor. Sein gedrucktes Programm ist ein einziges, vollmundiges Versprechen: "Corporate Happiness: Glückliche Menschen leisten gerne mehr." Jetzt sollen auch Bäcker und Verkäuferinnen - insgesamt 90 Mitarbeiter - durch seine Schulung "Corporate Happiness"-Botschafter werden. Für seine Seminare zahlt die Großbäckerei mehr als eine halbe Million Euro.

"Vermeintliche Freiwilligkeit"

Grundlage der Happiness-Methode: Jeder Mitarbeiter soll sich selbst führen. Und zwar freiwillig. Man müsse die Haltung der Menschen verändern, so Haas, denn die steuere das Verhalten: "Das geht nur durch Ermutigen und Inspirieren, was aber wiederum heißt, dass man die Leute freiwillig machen lässt." Der Autor Nils Markwardt, der für das "Philospohie Magazin" und "Der Freitag" schreibt, stellt die Philosophie hinter solchen Schulungen infrage. Etwa, was in diesem Kontext "freiwillig" bedeutet: „Die vermeintliche Freiwilligkeit ist ein unglaublich effektives, aber unter Umständen auch perfides Instrument der Führung,“ sagt Markwardt. "Denn Selbstführung produziert ja relativ wenig Widerstand, weil die Leute oft nicht merken, dass sie geführt werden - oder weil sie es selbst wollen."

Mitarbeiter werden zu "Freunden"

Noch ein Baustein der "Corporate Happiness"-Methode: Mitarbeiter werden zu Freunden, zu sogenannten "Buddys", mit denen man über seine Gefühle spricht. "Wir sind eine große Familie", schwärmt eine zufriedene Teilnehmerin im Werbeclip der Glücksberater, ein anderer freut sich darüber, dass man das im Seminar Erlernte für "beide Bereiche nutzen" könne. Privat- und Berufsleben möchte man nicht mehr trennen.

Kritiker Markwardt sieht genau darin ein Problem: "In dem Moment, wo Mitarbeiter Freunde oder sogar eine Art Familie sind, fällt auch so ein gewisser Spielraum weg, 'Nein' zu sagen“, sagt der Autor. Wenn ein Chef plötzlich ein Freund ist, falle es deutlich schwerer, sich auch mal gegen ihn aufzulehnen. Letztlich wird Produktivität damit an emotionale Bindung geknüpft. Zwei Bereiche, die eigentlich nicht vermischt gehören. "In einer Familie geht es nicht darum, dass Menschen produktiv sind. Aber in der Wirtschaft geht es darum, letztlich Gewinn zu machen", so Markwardt.

Wettbewerb um mehr „Happiness“-Punkte

Oliver Haas, "Corporate Happiness"-Gründer.

Glück als Geschäftsmodell: Oliver Haas.

Auf der "Corporate Happiness"-Lernplattform wird das Ganze noch weiter getrieben. Hier sollen sich Mitarbeiter zwischen den Seminartagen einloggen. Ihnen erscheint der ehemalige Finanzmanager plötzlich als Experte für Neuro-Psychologie, spricht in Lernvideos über die "Wissenschaft der Liebe" oder "das Wunderwerk Gehirn."

Gleichzeitig dient die Plattform dazu, unter den Mitarbeitern Konkurrenz zu schüren. Die Teilnehmer sollen Aufgaben lösen, "Happiness"-Punkte ergattern und sich so in einer Rangliste hocharbeiten. "Also am Anfang sagen die Leute immer: Das bringt mich jetzt nicht dazu, eine Aufgabe zu lösen", sagt Oliver Haas. "Aber am Ende ist das dann so: Der Kollege hat 6.100 Punkte, das ist ja der Spitzenreiter, das inspiriert einen dazu, mitzuziehen." Wieder eine Form der psychologischen Führung, ohne dass es die Mitarbeiter direkt merken sollen. "Eine Art der fortlaufenden Motivation, dass man etwas aktivieren, abrufen, an seine Grenzen gehen soll", sagt Autor Markwardt. "Und dass man am Ende vielleicht auch noch abends um zehn Uhr zuhause sitzt und Aufgaben für die Firma abarbeitet.“

Die Umsatzzahlen der Bäcker sind seit der Happiness-Offensive offenbar noch nicht in die Höhe geschnellt. Aber das mit dem Mehrarbeiten klappt schon jetzt. "Also privat macht man halt viel für die Arbeit", sagt Jeanette Seidel, Leiterin einer Bäckereifiliale. Seit sie beim "Corporate Happiness"- Programm mitmacht, überlege sie sich auch nach Feierabend, wie sie ihre Mitarbeiter im Job bestärken kann. "Also da investiere ich schon Zeit zuhause." Aber sie mache es natürlich gern.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 03.11.2016 | 21:15 Uhr

Stand: 03.11.16 15:39 Uhr