19.03.15 | 21:45 Uhr

Alltag Holocaust: eine KZ-Aufseherin erinnert sich

von Anne Ruprecht

Für die Lokaljournalistin Connie Neumann war es ein ganz gewöhnlicher Termin. Drei Jahre ist es her, da sollte sie über den 90. Geburtstag einer älteren Dame aus Hamburg berichten. In einer griechischen Gaststätte posiert Hilde M. fröhlich für die Kamera und berichtet aus ihrem Leben. "Sie erzählte mir, dass sie für die Kirchengemeinde aktiv ist", sagt Neumann, "dass sie für den Pastor die Talare bügelt und dass sie Freude daran hat." Neumann schreibt ein nettes Porträt für ein Hamburger Anzeigenblatt. Über eine hilfsbereite Frau, eine fröhliche Jubilarin im Kreise ihrer Familie. Heute weiß Connie Neumann: "Im Nachhinein fehlte da vielleicht was."

Hillde M. steht auf der Täterliste in Bergen-Belsen

Was in den Erzählungen der Jubilarin fehlte, findet sich in der Ausstellung der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Hier steht ihr Mädchenname - auf der Liste der Täter: Hilde Lisiewicz. In den Archiven der Gedenkstätte lagern dreieinhalb Stunden Filmmaterial über sie. Seit über zehn Jahren nahezu unbemerkt. Panorama liegt das dreieinhalbstündige Interview vor. Erstmals werden Ausschnitte daraus im deutschen Fernsehen gezeigt. Das Interview mit der ehemaligen KZ-Aufseherin Hilde M., das von der Gedenkstätte 2004 aufgenommen wurde, ist ein verstörendes Dokument.

Hilde M.

Alltag Holocaust: eine KZ-Aufseherin erinnert sich
Ein Interview der Gedenkstätte Bergen-Belsen löst neue Ermittlungen gegen eine KZ-Aufseherin aus. Die 93-Jährige soll 1945 einen Todesmarsch begleitet haben.

"Eines schönen Tages hieß es: Leichentragen"

Auch Hilde M.wurde bei der Befreiung Bergen-Belsens durch die Briten unter Arrest gestellt.

Auch Hilde M.wurde bei der Befreiung Bergen-Belsens durch die Briten unter Arrest gestellt.

"Ach ja! Sehen Sie", plaudert Hilde M. fast fröhlich, "das habe ich ganz vergessen. Eines schönen Tages hieß es: Leichentragen." Die Briten hatten am 15. April 1945 das Lager Bergen-Belsen befreit. Das Wachpersonal, die SS-Männer und Frauen waren unter Arrest gestellt und dann dazu abkommandiert worden, Tausende Leichen, die im Lager unter freiem Himmel verwesten, also ihre Opfer, in Massengräbern zu bestatten. "Und da hat man erst gesehen, wie viele Leichen das waren", fährt Hilde M. ihre Erzählung fort - allerdings mit einer skurrilen Ergänzung. "Der Kramer, unser Lagerkommandant, der hätte die nicht aufnehmen dürfen. Warum lässt er die Toten in sein Lager rein?"

Stand: 19.03.15 16:00 Uhr