17.09.15 | 21:45 Uhr

Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt: Leichter gesagt als getan

von Stefan Buchen & Johannes Edelhoff

Die UniCredit Bank reibt sich bereits die Hände. Um sagenhafte 50 Milliarden Euro werde die Wirtschaftsleistung Deutschlands bis 2020 steigen wegen der Flüchtlinge. Daimler-Chef Dieter Zetsche mahnt zwar, die Integration werde eine "Herkules- Aufgabe", aber "im besten Fall kann es auch eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder werden". Angela Merkel fordert, die Flüchtlinge müssten so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt integriert werden. Das Ziel ist klar: Flüchtlinge sollen den deutschen Fachkräftemangel ausgleichen.

Munir Chaarani (links), Bauingenieur und Mazen Galeb, Lebensmitteltechnologe

Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt: Leichter gesagt als getan
Wirtschaft und Politik hoffen auf ein neues Wirtschaftswunder: Flüchtlinge sollen den deutschen Fachkräftemangel ausgleichen. Doch schnelle Integration scheitert oft.

Viele Paragraphen erschweren die Integration

Prof. Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kritisiert die bestehenden Strukturen als "abschreckend".

Tatsächlich sind viele Syrer gut ausgebildet. Panorama Reporter waren in Deutschland unterwegs, sie trafen auf Ingenieure, Lebensmitteltechnologen oder engagierte Mitarbeiter der Arbeitsagentur, die versuchen, Flüchtlinge in Jobs zu vermitteln. Doch die Flüchtlinge und Helfer scheitern oft noch an den Strukturen in Deutschland, deren Motto scheint: "Abschrecken statt einbinden". Denn in deutschen Gesetzen und Verordnungen wimmelt es noch von Paragraphen, die eine Integration schwer machen, sagt etwa Prof. Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. "Wir haben lange versucht, Asylbewerber und Flüchtlinge abzuschrecken. Menschen, die man in ihre Heimatländer zurückschicken will, versucht man gerade nicht in den Arbeitsmarkt zu integrieren, versucht man nicht auszubilden, versucht man nicht sprachlich zu fördern. Das ist alles Gift für die Integration."

Gut ausgebildet, aber ohne Chance

Mazen Galeb, Lebensmitteltechnologe, und Munir Chaarani, Bauingenieur, sind zwei Syrer, die bei einem neuen Wirtschaftswunder mithelfen könnten. Zwei Fachkräfte mit Arbeitserfahrung. Seit fünf Monaten sind sie hier, noch ohne richtigen Sprachkurs. Galeb übt alleine in seiner Unterkunft Vokabeln wie "Kartoffel", "Erbse" oder "Knoblauch", um überhaupt voranzukommen, doch die beiden führen ein Leben in der Warteschleife. "Wenn es so weitergeht, brauchen wir zehn Jahre, bis wir Deutsch können", sagt Chaarani. Das Problem: Ohne Deutschkenntnisse haben die zwei kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Doch Kurse gibt es viel zu wenige. Mindestens 800.000 Flüchtlinge werden 2015 nach Deutschland kommen, nur 1.500 nehmen an einem Sprachkurs teil, der intensiv ist und auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.

Die Zeit drängt

Die Sprache ist das Hauptproblem, weiß auch Angela Touré von der Arbeitsagentur Bremen. Sie arbeitet in einem Modellprojekt, um Flüchtlinge in Jobs zu bekommen. 100 Leute betreut sie aktuell, eine einzige Frau konnte sie in eine Stelle vermitteln - halbtags. Zwei Dinge brauche man jetzt besonders, fordert Touré: "Geduld und mehr Sprachkurse". Dann könne es klappen.

Das Potential ist da, es zu heben, wird aber tatsächlich eine Herkulesaufgabe, die man schnell angehen muss. Die Bundesregierung möchte jetzt Integrationskurse für Asylbewerber öffnen und das Sprachkursangebot erweitern. Die Zeit drängt. Denn wenn Flüchtlinge zu lange einfach nur warten und keine Beschäftigung haben, dann passiert ihnen das gleiche wie deutschen Langzeitarbeitslosen: "Wenn sie zur Untätigkeit verdammt sind, prägt das natürlich auch Mentalitäten, weil man dann denkt: ok, im Wesentlichen besteht der deutsche Staat darin, Transferleistungen zu verteilen", warnt Arbeitsmarktforscher Brücker.

Stand: 17.09.15 14:06 Uhr